Labo Online - Analytic, Labortechnik, Life Sciences

FachbeitragBiotech-Start-ups

Junge Biotechnologie-Unternehmen besser vor Insolvenz schützen
sep
sep
sep
sep
Fachbeitrag: Biotech-Start-ups

Richard E. Schneider*)

  1. Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnenstr. 16, 72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.
Inzwischen hat die Biotechnologie auf einzelnen Sektoren in Deutschland ein hohes Maß an Fertigkeiten und Markt-Akzeptanz erreicht. Dennoch scheitern nach dem diesjährigen Ludwig-Erhard-Preisträger Holger Patzelt immer noch zu viele Biotech-Neugründungen vor allem an den richtigen Finanzierungsstrategien. Der Max-Planck-Ökonom fordert Betriebwirte und Finanzexperten an die Firmenspitze.

Mit biotechnologischem Know-how werden heute Vorprodukte und Zwischenstufen produziert, die für die Herstellung von neuen Medikamenten oder leistungsfähigeren Diagnostika unabdingbar sind. Die Biotechnologie erbrachte in den letzten 20 Jahren wesentliche Innovationsschübe in mehreren Branchen, darunter der Medizin, der Pharmaindustrie und in der Landwirtschaft. Die deutsche Biotech-Branche erwirtschaftet inzwischen Milliarden-Umsätze, die Beschäftigtenzahlen in der EU nähern sich der 100000-Grenze. Hier sind deutlich mehr Biotech-Unternehmen als in Deutschland in öffentlicher Hand.

Anzeige

Beunruhigt hat Holger Patzelt, 33-jähriger Wirtschaftswissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ökonomie, Jena, jedoch die hohe Quote des Scheiterns junger Biotech-Unternehmen. Rund ein Viertel, präzise 80 jener rund 350 Firmen mit großem Wissens-Input, musste in den Jahren 2001 bis 2004 die Segel streichen. In seiner Mitte Juli 2007 mit dem „Ludwig-Erhard-Preis“ ausgezeichneten Dissertation zeigt der frischgebackene Max-Planck-Ökonom eine Palette von Möglichkeiten auf, wie Start-ups die noch häufigen Insolvenzen vermeiden können. Patzelt, der zuvor an der Uni Heidelberg in Chemie promovierte, fordert vor allem an der Unternehmensspitze Neuerungen: „Es wäre besser, wenn Betriebswirte und Finanzexperten anstatt der Wissenschaftler und Ingenieure das Sagen in der Firma hätten.“

Umfangreiche Fehler- und Mängelliste erstellt

Nicht die plötzlich enger werdenden Finanzspielräume beim Venture-Capital, sondern „Fehler in der Unternehmensführung“ sind nach Patzelt wesentliche Ursache für das frühe Scheitern junger Biotech-Firmen – bevor das erste Eigen-Produkt überhaupt die Marktreife erreicht! Nach Dr. Dieter Link, Garching Innovation GmbH, eine Tochter der Max-Planck-Gesellschaft, die sich mit der Patentierung von Erfindungen, Patentrechten und Firmen-Gründungen von Max-Planck-Wissenschaftlern befasst, gibt es eine Liste unternehmerischer Fehlentscheidungen, vor denen man sich hüten sollte: Falsche Partner für das Unternehmen, zu frühe Unternehmensgründung, zu lange Entwicklungszeit für die ersten vermarktbaren Biotech-Produkte, Targetfixierung, Unterbewertung der Konkurrenz am Markt. Patzelt fügt hinzu, häufig berücksichtige der Unternehmensgründer mit seiner innovativen Produktpalette nicht, dass Biotechnologie-Produkte ihre Kunden auf einem weltweiten Markt finden und auf diesem Präsenz zeigen müssen. Eine Internet-Homepage mit einigen regionalen Liefer- und Abnahmeverträgen sei keine ausreichende Basis. Vor allem muss die Beschaffung von Firmenkapital in Relation zum geplanten Zeitrahmen für die Markteinführung von Biotech-Produkten erfolgen.

Gerät die firmeneigene Entwicklung in unerwartete Schwierigkeiten oder gar in eine Sackgasse, so ist es nach Patzelt klüger, sich rasch nach neuen einzulizensierenden Bio-Technologien umzusehen als gleich das Handtuch zu werfen. Überhaupt sei jedes Biotech-Unternehmen in Deutschland gut beraten, wenn es frühzeitig ein großes, solides Netzwerk mit anderen Biotech-Firmen aufbaut, Kontakte auf Manager-Ebene herstellt: Dann kann man sich in Krisenzeiten rasch austauschen, Firmenzusammenschlüsse in die Wege leiten oder durch Firmenzu- und -verkäufe rasch neues Kapital und Know-how dem notleidenden Unternehmen zuführen. Nicht unbedingt ist eine Verkleinerung der meist schon recht dünnen Personaldecke bei Biotech-Unternehmen die richtige Lösung, sagt Patzelt. Es sei oft besser, sich neues Kapital zu beschaffen. Jedenfalls geht mit der Insolvenz oder der Stillegung einzelner Erwerbsabteilungen viel und teuer erkauftes Wissen verloren, unterstreicht der frischgebackene Max-Planck-Ökonom.

Meist zweigleisige Strategie der VC-Kapitalgeber

Wenn sich die jungen Biotech-Unternehmen neues Venture- oder Risiko-Kapital beschaffen, spielt die Akzeptanz der vorgesehenen Firmenprodukte eine wichtige Rolle. Glücklicherweise verzeichnet die Biotechnologie in Deutschland seit den 1990er Jahren einen erheblichen Vertrauenszuwachs in der Öffentlichkeit. Die rote und blaue Biotechnologie, die mit der Entwicklung neuer Medikamente und im Umweltschutz befasst sind, werden inzwischen allgemein akzeptiert. Jedoch ist die grüne Biotechnologie, die Gentechnik, weiter umstritten wegen der noch weit verbreiteten „Furcht vor unerwünschten Nebenwirkungen“ für die Landwirtschaft oder die Gesundheit von Mensch und Tier.

Dem Venture Capital widmet Max-Planck-Forscher Patzelt ein spezielles Kapitel. Er unterscheidet zwei Strategien der Kapitalgeber: Die eine besteht in Investitionen in risikoreiche Biotech-Firmen, die mit der Entwicklung von Medikamenten befasst sind sowie in Diversifizierung auf Märkte und Technologien. Die andere VC-Strategie stellt mit ihren Portfolios auf weniger Märkte und weniger neue Technologien, dafür auf risikoärmere Geschäftszweige ab. Auf die Frage nach den Gründen für die finanzielle Unterstützung von Biotech-Unternehmen teilen die VC-Firmen mit, es sei notwendig, neuen technologischen Trends zu folgen.

Mit seiner umfassenden Marktanalyse und den konkreten Fallstudien, die er in seiner Dissertation „Biotechnologische Unternehmensgründungen in Deutschland“ vorstellt, gewann Holger Patzelt zunächst den Beifall der Experten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bamberg, die ihm den mit 2500 Euro dotierten „Haarmann-Preis“ für die beste Dissertation zuerkannten. Mit dem neuen Preisgeld von 4000 Euro des Ludwig-Erhard-Preises, den er in Fürth bei Nürnberg aus der Hand von Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegennahm, hat Patzelt nun ein kleines Startkapital zusammen. Er will mit seiner Forschergruppe am Max-Planck-Institut für Ökonomie, Jena, die Bedingungen für eine nachhaltige Unternehmungsgründung erkunden.

Anzeige
Diesen Artikel …
sep
sep
sep
sep
sep

Weitere Beiträge in dieser Rubrik

Mit Viren gegen Bakterien: Wie Bakteriophagen die bakterielle Zellwand angreifen

Mit Viren gegen BakterienWie Bakteriophagen die bakterielle Zellwand angreifen

Eine Untersuchung an DESYs Röntgenring PETRA III zeigt, wie spezielle Viren den lebensbedrohlichen Durchfallkeim Clostridium difficile abtöten. Die Studie von Forschern der Hamburger Niederlassung des EMBL enthüllt, wie bestimmte Enzyme dieser Viren ausgeschüttet werden, um die Zellwand der Bakterien aufzulösen.

…mehr
Bio-Cluster und Applikationen: In der BioRegion Nord gehen Groß und Klein zusammen

Bio-Cluster und ApplikationenIn der BioRegion Nord gehen Groß und Klein zusammen

Lebensart und Wissenschaft gehen Hand in Hand im Life Science-Cluster Nord, sagt Dr. Karin Adlkofer von der Life Science-Agentur Norgenta. Sie fungiert als Anlaufstelle für alle, die sich nördlich der Elbe im Gebiet zwischen Nord- und Ostsee mit einem Biotech-Unternehmen niederlassen wollen. In diesem Raum entwickelt sich weit über Deutschlands Grenzen hinaus einer der bedeutendsten Standorte für moderne Medizintechnik und Biotechnologie.…mehr
Fachbeitrag: BioRegionen  in Nordrhein-Westfalen

FachbeitragBioRegionen in Nordrhein-Westfalen

In insgesamt 16 Felder ist die Clusterpolitik im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen aufgeteilt. Hier bildeten sich seit den 1990er Jahren fünf große Bio-Regionen unter Schirmherrschaft der BIO.NRW heraus: Bioriver – Live Science im Rheinland e.V., BioCologne e.V., Life Tec Aachen-Jülich e.V. sowie Bionanalytik Münster.…mehr
Fachbeitrag: Stabilität der Quartärstruktur eines Proteins

FachbeitragStabilität der Quartärstruktur eines Proteins

Zum Verständnis der Aktivität und Regulation von Enzymen kann die Kenntnis ihrer Quartärstruktur eine Menge beitragen. Vor allem bei Enzymkomplexen, die aus mehreren Untereinheiten bestehen, findet man in Bezug auf ihre Aktivität deutliche Verstärkungs- oder aber Abschwächungseffekte.
…mehr
Fachbeitrag: BioRegion STERN

FachbeitragBioRegion STERN

Mit der 1999 neu gegründeten BioRegion STERN strahlt der Großraum Stuttgart mit Tübingen, Esslingen, Reutlingen sowie dem Neckar-Alb-Kreis weit über die Landesgrenzen von Baden-Württemberg hinaus. Hier überwiegen die biomedizinischen und Medizintechnik-Unternehmen die biotechnologischen Projekte.…mehr
Anzeige

Bildergalerien bei LABO online

Anzeige

Jetzt den LABO Newsletter abonnieren

LABO Newsletter abonnieren

Der kostenlose LABO Newsletter informiert Sie wöchentlich über neue Produkte, Lösungen, Technologietrends und Innovationen aus der Branche sowie Unternehmensnachrichten und Personalmeldungen.

Anzeige
Anzeige

Mediaberatung