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FachbeitragKnochenfunde geben Rätsel auf

Monika Etspüler

Fachbeitrag: Knochenfunde  geben Rätsel auf
Der Kyffhäuser birgt viele Geheimnisse. Bekannt ist das Mittelgebirge südlich des Harzes durch die Barbarossa-Sage. Doch der mit Höhlen durchzogene Berg gibt in noch ganz anderer Hinsicht Rätsel auf. Bei Ausgrabungen nahe dem Ort Bad Frankenhausen fand man menschliche Knochen und Skelette aus der Bronzezeit mit starken Verletzungsspuren. Lange wurde darüber spekuliert, ob es sich hier um eine Form des Kannibalismus handeln könnte.

Forscher suchen nach Gründen für die Gewalteinwirkung

Vieles wird über den Kyffhäuser erzählt. So soll der legendäre Kaiser Friedrich Barbarossa seit dem 12. Jahrhundert dort auf einer unterirdischen Bank sitzen und schlafen, um sich eines Tages wieder unter die Erdenbewohner zu mischen. In eine viel frühere Zeit verweist eine vor rund 50 Jahren gemachte Entdeckung. Bei Ausgrabungen fand der Archäologe Professor Günther Behm-Blancke menschliche Knochen. Werkzeuge und Gefäßkeramiken, die er dort ebenfalls sicherstellte, lassen den Schluss zu, dass das Knochenmaterial aus der Bronzezeit stammt, das heißt, rund 3000 Jahre alt ist.

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Auffallend war, dass einige menschliche Überreste starke Verletzungen aufwiesen. Vor allem an den Enden der Langknochen und im Bereich der Gelenke entdeckte man Schnitt-, Hieb- und Schlagspuren. Doch auch an Wirbelsäule und Schädel fand man Hinweise auf Gewalteinwirkung. Manche Knochen waren total zertrümmert. Eine Antwort auf die Frage nach den Ursachen dieser außergewöhnlichen Veränderungen fiel den Fachleuten bisher schwer. Die Beobachtungen aber waren immer wieder Anlass zu Spekulationen, ob nicht doch Kannibalismus eine Rolle gespielt haben könnte.

Analyse mit modernster Mikroskoptechnik

Vor kurzem rückten die urgeschichtlichen Relikte erneut ins Blickfeld der Forschung. Im Applikationszentrum Mikroskopie bei Carl Zeiss in Jena untersuchten Wissenschaftler vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Weimar die Knochen mithilfe modernster Mikroskoptechnik. Außerdem wurden die 3000 Jahre alten Fundstücke dokumentiert, damit sie auch in Zukunft zu Forschungszwecken zu Verfügung stehen.

Zum Einsatz kam ein SteREO Discovery.V20 von Carl Zeiss. Dieses Stereomikroskop eignet sich besonders gut für Anwendungen im Bereich der Materialforschung und Qualitätsprüfung sowie für biologische und medizinische Untersuchungen. Es erlaubt die dreidimensionale Beobachtung und bietet kontrastreiche Bilder mit hoher Tiefenschärfe. „Der außergewöhnlich große Objektraum war genau das, was die Wissenschaftler für die Knochenuntersuchungen benötigten“, weiß Jan Birkenbeil, einer der Spezialisten für digitale Bildanalyse bei Carl Zeiss. Zur Dokumentation wurde die Mikroskopkamera AxioCam HRc eingesetzt, deren hohe Bildqualität zuverlässige Aussagen über den Zustand des Knochenmaterials erlaubte.

Schlag- und Schnittverletzungen erkennbar

„Die mikroskopischen Untersuchungen bestätigten die früheren Vermutungen“, erklärt der Archäologe Dr. Diethard Walter vom Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in Weimar. Deutlich waren die bei Schlageinwirkung typischen faserig-ausgefransten Verletzungsränder zu erkennen; im Gegensatz dazu zeigten die Schnittverletzungen einen glatten Verlauf. Die Vergrößerungen machten auch sichtbar, dass sich an diesen Stellen kein neues Knochengewebe gebildet hatte. „Für uns ist das ein klarer Hinweis darauf, dass die Verletzungen den Menschen um den Zeitpunkt ihres Todes zugefügt worden waren“, erläutert die Anthropologin des Thüringischen Landesamtes, Sabine Birkenbeil.

Ausschlussverfahren bringen mehr Klarheit

Um den Todeszeitpunkt noch genauer eingrenzen zu können, griffen die Wissenschaftler zu recht unkonventionellen Methoden. Der Keule eines frisch geschlachteten Schweins versetzten sie mit Bronzemesser und Bronzebeil schwere Hieb- und Schnittverletzungen. Dann trennten sie Muskeln und Sehnen ab und untersuchten unter dem Stereomikroskop die Spuren, die diese Verletzungen hinterlassen hatten. Tatsächlich zeigten sie ein ganz ähnliches Erscheinungsbild wie die menschlichen Funde aus der Bronzezeit. Schließlich wurden in einem Vergleichstest alte Knochen der gleichen Prozedur unterzogen. Sie zersplitterten aufgrund des hohen Entkalkungsgrades.

Das Argument, die Zerstörungen seien durch den unsachgemäßen Umgang während der Ausgrabungen entstanden, widerlegten die Kalksinterablagerungen, mit denen die Verletzungen teilweise überzogen waren. „Wir können heute davon ausgehen, dass das Knochenmaterial tatsächlich zum Zeitpunkt des Todes oder kurz danach diesen Gewaltattacken ausgesetzt war“, interpretiert Diethard Walter die Ergebnisse. „Nach unserem heutigen Kenntnisstand wurden die Menschen gezielt zerlegt.“

Rätsel geben die Funde dennoch auf. So fand man zum Beispiel Verletzungen nur an den Knochen von Erwachsenen und Jugendlichen, nicht aber bei Kindern. Wie die Einkerbungen zeigen, wurden die Schläge zum Teil mit großer Genauigkeit ausgeführt. Vereinzelt wiesen die Skelette auch Brandspuren auf. „Eine Art von Kannibalismus lässt sich aus den Knochenfunden jedoch nicht ableiten“, zu diesem Ergebnis kommen sowohl Sabine Birkenbeil als auch Diethard Walter. Auskunft darüber würde allenfalls der Mageninhalt geben, und von dem ist nach 3000 Jahren nichts mehr übrig.

Viele Fragen, wenig Antworten

Unklar ist dennoch, welchem Zweck diese rabiate Vorgehensweise diente. Unklar bleibt auch, was die Menschen in die Höhlen des Kyffhäusers getrieben hat. War es eine Sippe, die sich aus noch unbekanntem Grund hierhin zurückzog? Dafür würde die große Zahl an Kinderknochen sprechen, die man dort vorfand. Oder wurden im Innern des Berges Opferriten zelebriert? Ein Indiz dafür könnten die zahlreichen Beigaben sein.

„Die urgeschichtlichen Gesellschaften an unseren heutigen Maßstäben zu messen, würde uns nicht weiterbringen“, warnt Diethard Walter deshalb. Aus Sicht des Wissenschaftlers lautet die Frage nicht „Kannibalismus, ja oder nein“. „Der Gesamtbefund ist es, der uns einen Einblick in das geistige und kulturelle Leben dieser Zeit gibt“, sagt der Archäologe. Gerade was die Bronzezeit in Mitteldeutschland betrifft, ist darüber immer noch wenig bekannt.
Wir danken der Carl Zeiss AG sowie dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Weimar für die Nachdruckrechte (d. Red.).

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