LABO Oktober 2010 43 Fachbeitrag Nebenwirkungen von pharma- kologischen Wirkstoffen früh erkennen.
Ausgewählte Subs- tanzen werden hinsichtlich ihrer Wirkung und Nebenwirkung auf Ionenkanäle und Rezeptorsys- teme in neuronalen Systemen und im Herz-Kreislauf-System untersucht.
Neue Substanzen zur Behandlung von neurolo- gischen und psychiatrischen Er- krankungen können ebenfalls mit MEAs gefunden und getestet werden.
Firmen-Neugrün- dungen angestoßen Das NMI Reutlingen, eine Stif- tung öffentlichen Rechts, die 1985 mit der Herstellung der ers- ten Mikroelektroden-Arrays be- gann und sich inzwischen zu über 80 % aus Auftragsforschung für KMUs fi nanziert, hat noch einen anderen Trumpf in der Hand: Es befördert die Gründung neuer Biotech-Firmen.
Inzwischen ge- hen zwölf Firmen-Gründungen auf Forschungsergebnisse der gegenwärtig 160 Mitarbeiter zurück.
Letzter Erfolg war am 22.3.2010 die Gründung der Cel- lendes GmbH, die synthetische Hydrogele für dreidimensionale Zellkulturen herstellt.
Das NMI bemüht sich, bei Er- reichung eines Forschungsziels auch gleich die passenden Inge- nieure, Wissenschaftler und Fi- nanzexperten für solche spin-offs zu interessieren.
Im Jahr 2009 ge- nerierten die NMI-Wissenschaft- ler einen Gesamtumsatz von 13,8 Mio.
Euro ihres Instituts.
Vor wenigen Monaten sagte Baden Württembergs Wirtschaftsmi- nister Ernst Pfi ster 375000 Euro Zuschuss für das neue Innovati- onszentrum, einen 5 Mio.
Euro teuren, fünfstöckigen Erweite- rungsbau, zu.
Das Neueste auf dem Gebiet MEAs stellen adaptive Elektro- denarrays dar, die als Implantate im Gehirn fungieren könnten, um bei Patienten untergegangene Gehirnfunktionen zu überneh- men oder z.B.
einen Epileptiker kurz vor Auftreten eines Anfalls durch ein Signal zu warnen.
Er hätte dann genügend Zeit, ein Medikament einzunehmen, das den schmerzhaften Anfall un- terdrückt.
Auch zur Stimulierung von Nervenleitungen im Gehirn, die bestimmte Aktivitäten des Körpers auslösen, wurden Mikro- elektroden bereits erfolgreich eingesetzt.
Damit ist der Weg zur Gehirn- bzw.
Neuro-Prothese beschritten.
Am erfolgverspre- chendsten sind die Forschungs- arbeiten für Parkinson-Patienten vorangekommen, deren Schüt- tellähmungen wirksam einge- dämmt werden können.
Diese Arbeiten erfolgten überwiegend am Max-Planck-Institut für Bio- chemie bei Prof.
Fromherz.
Praktische Anwen- dungserforschung Das NMI hat noch weitere Eisen im Feuer.
Mit dem Neurochip von Prof.
Fromherz erhielten die Wissenschaftler kürzlich ein neues Anwendungs-Projekt, das zur Marktreife gebracht wer- den soll.
Der Max-Planck-Neu- rochip umfasst einen handels- üblichen CMOS- Halbleiter-Chip mit 16384 Messstellen und ist damit noch vielfältiger einsetz- bar als die MEAs.
Mit der Verla- gerung der Neurochip-Arbeiten von München nach Reutlingen ist auch der Aufbau einer Nach- wuchsgruppe verbunden, die Neuanwendungen und Dienst- leistungen in Verbindung mit dem Neurochip explorieren soll.
In der Medizintechnik, der Bio- technologie sowie der Pharma- kologie bieten sich hier breite Anwendungsfelder.
Einen Schritt weiter sind die NMI-Wissenschaftler mit ihrem Augen-Chip gekommen, den Prof.
Zrenner, Direktor der Augenklink Tübingen, vor ca.
zehn Jahren gemeinsam mit anderen Wissen- schaftlern entwickelte.
Dieser Augenchip sendet Lichtreize auf der Retina, wo er implantiert wird, über Nervenbahnen ins Ge- hirn in die für das Sehen zustän- digen Areale.
Bislang wurden ca.
ein Dutzend blinde Patienten probeweise und vorübergehend mit dem Augenchip versorgt.
Sie konnten damit ihre Umwelt we- nigstens in Umrissen erkennen und auch Farben unterscheiden.
Für die Vermarktung des Augen- chips gründete das NMI im Jahr 2003 ein spin-off-Unternehmen, das seit 2007 als Retina Implant AG fi rmiert.
Prof.
Zrenner be- richtete am 27.4.2010 in der ZDF- Talkshow „Markus Lanz“ über die bisherigen Etappen auf dem Weg, Blinde wieder sehend zu machen.
Schließlich besitzt das NMI mit der 1996 gegründeten MCS GmbH (Multi-Channel-Systems), Reutlingen, einen kompetenten Industriepartner, der für die Software und die elektronischen Messsysteme der MEAs verant- wortlich ist.
Pro Jahr stellt MCS rund 2500 MEAs her, die zu einem Preis von 200 bis 250 Euro weltweit vertrieben werden.
Der Weltmarktanteil von MCS erreicht ca.
90 %.
Reutlingen ist somit Standort des international führenden Anbietern von MEAs und besitzt mit dem Naturwis- senschaftlich-Medizinischen Institut (NMI) ein ebenso for- schungs- wie anwendungsinten- sives Life-Science-Unternehmen, das sich einen ausgezeichneten Ruf erworben hat.
www.kruss.de The experts in Surface Science.
Wetting ? Spreading ? Adhesion ? Surface Tension ? Contact Angles ? Adsorption ? Contamination ? Surface Energy ?? 29 ? Wir stellen aus: K2010 in Düsseldorf, Halle 10, Stand 10D04.
Bild 2: Im Jahr 2003 gelang es dem Max- Planck-Direktor Peter Fromherz erstmals, mit einem gewöhnlichen CMOS-Mikrochip elek- trische Spannungen der Nervenzelle einer Schlammschnecke (Lym- nea stagnalis) zu mes- sen.
Auch elektrische Impulse wurden vom Neurochip in die leben- de Nervenzelle abgege- ben und dort weiterge- leitet (Bild: MPG).
LABOOBAL