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Editorial, 03-2011

Zehn Jahre "Buch des Lebens"

Zehn Jahre ist es – liebe LABO-Leser – inzwischen schon wieder her, dass das menschliche Genom entschlüsselt und fast zeitgleich von zwei US-Forschern mit viel Tamtam veröffentlicht wurde. Denn bis zuletzt lieferten sich Craig Venter mit seiner Firma Celera und Francis Collins vom internationalen und öffentlich finanzierten HUGO-Konsortium (Human Genome Organisation) ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Am 15. Februar 2001 veröffentlichte Collins seine Version in der Zeitschrift Nature. Nur einen Tag später zog Venter im Magazin Science nach. Das „Buch des Lebens“ – wie die Genkarte seitdem gerne tituliert wird – fiel übrigens dünner aus als gedacht. Vor der Sequenzierung des Genoms hatte man nämlich geschätzt, dass der Mensch etwa 30000…40000 Gene besitzt, doch es sind „nur“ rund 23000.

Angefangen hatte alles im Jahr 1990 mit der Gründung von HUGO. Circa 1000 Forscher aus 40 Ländern arbeiteten daran. Deutschland stieg allerdings erst 1995 mit ins Boot und trug gerade einmal 2,5 % der Sequenzdaten bei. Was damals über zehn Jahre dauerte und etwa drei Milliarden Dollar kostete, das erledigen heutige Sequenzierautomaten in wenigen Tagen und für 5000…10000 Dollar. Die 1000-Dollarmarke wird schon angepeilt, um noch mehr Geschäfte mit Privatleuten machen zu können.

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Mittlerweile ist auch das Erbgut von vielen für die biomedizinische Forschung relevanten Organismen sequenziert: Die Hefe Saccharomyces cerevisiae, das Bakterium Escherichia coli, die Ackerschmalwand und die Fruchtfliege, Maus, Ratte und Katze seien stellvertretend genannt und fast täglich werden es mehr.

Für die Forschung ist das alles ein riesiger Wissensgewinn, aber für den Einzelnen? Denn von der angekündigten personalisierten Medizin, also für jeden Patienten individuell zugeschnittene Medikamente, ist noch lange nichts in Sicht. Wie man inzwischen nämlich weiß, ist für die Entstehung einer Krankheit meistens nicht nur ein Gen „zuständig“, sondern das Zusammenspiel zahlreicher Erbanlagen. Beim Typ-2-Diabetes beispielsweise stehen rund 40 Gene „unter Verdacht“. Und Umweltfaktoren, Ess-, Trink- und schlechte Gewohnheiten wie das Rauchen haben ja auch noch ihren einigermaßen unberechenbaren Anteil.

Außerdem: Was hätte man davon zu wissen, dass man mit 90 % Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal Alzheimer oder eine andere Krankheit bekommen könnte, wenn es dafür noch keine „Gegenmittel“ gibt? Das soll jetzt aber nicht gegen Vorsorgeuntersuchungen sprechen, denn diese sind erwiesenermaßen eine sinnvolle Prophylaxe im Gegensatz zum „Gendeuten“.

Selbst wenn die Sequenzierung eines Genoms nur noch 100 Dollar kosten würde: Ich behalte meines vorerst noch für mich. Aber das muss jeder selbst für sich entscheiden! In zehn Jahren sehe ich es vielleicht ja auch anders, wenn wir das „Buch des Lebens“ richtig lesen und die genetisch bedingten Erkrankungen bekämpfen können.

Dr. Hans-Jürgen Hundrieser
LABO-Chefredakteur

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