Editorial

Sprit aus Stroh

Bei der Nutzung von Pflanzenölen und Biodiesel zum Betrieb von Kraftfahrzeugen ist Deutschland europaweit Spitzenreiter. So betrug 2006 der Anteil an Biodiesel am Gesamtkraftstoffverbrauch hierzulande immerhin 4,3 % und der von Pflanzenöl etwa 0,5 %. Steuervergünstigungen und das seit Januar 2007 geltende Biokraftstoffquotengesetz, das die Zumischung von Biodiesel bzw. Bioethanol zu herkömmlichem Kraftstoff vorschreibt, sollen den Absatz von Biokraftstoffen weiter steigern. Das Ziel ist klar: Weniger Abhängigkeit von Mineralölimporten und eine geringere Klimabelastung durch Kraftstoffe mit ausgeglichener CO2-Bilanz.

Doch ganz so vorteilhaft, wie sich der Einsatz von Biokraftstoffen auf den ersten Blick darstellt, ist er leider nicht. Denn der Anbau von Ölpflanzen für Kraftstoffzwecke geht ebenso wie die Bioethanolgewinnung aus Getreide und Zuckerrüben zu Lasten der Lebensmittelproduktion. Schließlich stehen geeignete Anbauflächen nur begrenzt zur Verfügung. Einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt wurde diese Problematik unlängst, als die Medien über steigende Maispreise in Mexiko und dadurch augelöste öffentliche Demonstrationen berichteten. Ursache hierfür war die Tatsache, dass die USA größere Mengen des in Mexiko als Grundnahrungsmittel dienenden Getreides zur Bioethanolgewinnung aufkauften und damit die Verbraucherpreise nach oben trieben. Auch um die ökologischen Vorteile des Biodiesel-Einsatzes ist es nicht zum Besten bestellt. Zwar verbrennt er im Motor CO2-neutral, doch der Anbau von Raps, aus dessen Öl der Kraftstoff überwiegend gewonnen wird, erfordert große Mengen an Stickstoffdünger. Hinzu kommt, dass die Verarbeitungsschritte nach der Ernte insgesamt sehr energieintensiv sind.
Trotz aller Probleme dürften Biokraftstoffe zukünftig dennoch eine Rolle bei der Energieversorgung spielen. Denn es steht bereits die zweite Generation dieser Treibstoffe in den Startlöchern. Sie basieren auf Biomassen wie Stroh, Heu, Grünschnitt, Restholz, aber auch auf Altpapier und -pappen. Eine Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion gibt es hier also nicht. Aus den genannten Reststoffen kann über einen Vergasungsprozess ein Gemisch aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff gewonnen werden. Dieses Synthesegas dient dann als Ausgangsstoff zur Herstellung von synthetischem Benzin und Diesel, auch BtL-Kraftstoffe genannt. BtL steht für „Biomass-to-Liquid“, und dass das Herstellverfahren funktioniert, wurde bereits mit Pilotanlagen gezeigt. Noch Ende dieses Jahres will die Firma Choren Industries im sächsischen Freiberg die weltweit erste BtL-Anlage im industriellen Maßstab in Betrieb nehmen. Ihre Jahresproduktion beläuft sich auf 15000 Tonnen BtL-Diesel; der Vertrieb soll über den Mineralölkonzern Shell erfolgen.

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Auch am Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) befasst man sich mit der Produktion von BtL-Sprit und hat dort das 2-stufige „bioliq“-Verfahren mit Industriepartnern entwickelt. Es trägt dem Umstand Rechnung, dass die Energiedichte von Stroh, Heu etc. sehr gering ist und somit die für den Transport der Biomasse zum Synthesegaserzeuger anfallenden Kosten unverhältnismäßig hoch sind. Das Verfahren sieht vor, die Rohstoffe zunächst in dezentralen Schnellpyrolyse-Anlagen in eine Suspension aus Pyrolyseöl und -koks zu überführen. Deren Energiedichte ist bis zu 15-mal so hoch wie die von Stroh und entspricht damit etwa der von fossilem Rohöl. Die Suspension kann dann per Bahn zur zweiten Stufe der Verarbeitung, einer zentralen Großanlage zur Synthesegas- und Kraftstofferzeugung, transportiert werden. Alle Prozessschritte wurden bereits in kleinerem Maßstab erprobt und Ende letzten Monats konnte das Forschungszentrum nun die Fertigstellung einer Pilotanlage zur Schnellpyrolyse bekannt geben. Stündlich kann sie bis zu einer halben Tonne Biomasse umsetzen. Die Pilotanlage soll später weiter ausgebaut werden, so dass sich auch die Prozessschritte Synthesegas- und BtL-Sprit-Erzeugung auf dem FZK-Gelände durchführen lassen.

Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe geht davon aus, dass bis 2015 etwa 15 % des deutschen Treibstoffbedarfs mit BtL-Kraftstoffen gedeckt werden können. Sie, lieber LABO-Leser, stellen sich jetzt sicher die Frage, was dieser „Stroh-Sprit“ einmal kosten soll. Laut FZK liegt der Preis knapp unter einem Euro – ohne Steuern versteht sich.

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