EditorialFrischere Stammzellen

Editorial: Frischere Stammzellen

bekommt jetzt das Land, was - liebe LABO-Leser - ja von vielen Forschern und wissenschaftlichen Gesellschaften schon lange und eindringlich gefordert wurde. Denn bisher galt hier in Deutschland eines der strengsten Gesetze bezüglich der Arbeit mit Stammzellen weltweit. Es durften nämlich nur solche Zelllinien verwandt werden, die vor dem 1. Januar 2002 aus Embryonen gewonnen wurden und aus dem Ausland stammten. Doch diese inzwischen mehr als sechs Jahre alten Stammzelllinien sind nach Ansicht etlicher Wissenschaftler schon zu alt und verunreinigt, so dass sie befürchteten, Deutschland könnte international den Anschluss auf diesem wichtigen Forschungsfeld verlieren. Das aber ist jetzt Schnee von gestern. Denn dieses Gesetz wurde am 11. April im Bundestag gelockert. Ab sofort dürfen Zelllinien importiert werden, die vor dem 1. Mai 2007 gewonnen wurden, also über fünf Jahre jünger sein können. Bei der Abstimmung gab es keinen Fraktionszwang, jeder Abgeordnete konnte ganz nach seinem Gewissen entscheiden. Dass die Anträge auf völlige Freigabe der Stammzellforschung sowie eines totalen Verbotes keine Chance hatten, stand schon vorher ziemlich fest. Sie wurden auch abgelehnt. Für eine einmalige Verschiebung auf den neuen Stichtag votierten dann in namentlicher Abstimmung 346 Abgeordnete, 228 waren dagegen und 6 enthielten sich. Das Echo aus der Wissenschaftsgemeinde war entsprechend groß und positiv, wie folgende Statements noch am gleichen Tag der Abstimmung belegen: "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist froh und dankbar über die Entscheidung des Bundestages. Unser Dank gilt ausdrücklich auch den Abgeordneten, die kritische Stimmen in die Debatte eingebracht haben", erklärte Prof. Dr.-Ing. Matthias Kleiner, Präsident der DFG. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Prof. Dr. Peter Gruss: "Wir begrüßen es nachdrücklich, dass sich der Deutsche Bundestag heute für eine Verschiebung des Stichtages auf den 1. Mai 2007 entschieden hat¿ Mit der Änderung hat die deutsche Forschung die Chance, international konkurrenzfähig zu bleiben und hoffentlich auch vermehrt junge Wissenschaftler für das faszinierende und zukunftsträchtige Gebiet der Stammzellforschung zu begeistern." "Die heute vom Bundestag verabschiedete neue Regelung für den Umgang mit embryo­nalen Stammzellen wird der Forschung in Deutschland Schwung geben", kommentierte der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Prof. Dr. Ernst Theodor Rietschel, die Entscheidung und weiter: "Wichtiger noch ist die Rechtssicherheit bei Forschungsvorhaben mit aktuellen Zelllinien." Auch der Präsident der Helmholz-Gemeinschaft, Prof. Dr. Jürgen Mlynek, meldete sich noch am gleichen Tage zu Wort: ¿Diese Entscheidung ist ein tragfähiger Kompromiss. Sie ermöglicht zum einen den zwingend notwendigen Zugriff auf die neu gewonnenen Stammzelllinien¿ Zum anderen werden auch hierzulande bestehende ethische Bedenken angemessen berücksichtigt." Denn völlig unumstritten ist dieses Forschungsfeld auch nach dieser Gesetzesänderung natürlich noch lange nicht. (Schließlich gibt es Alternativen zu embryonalen Stammzellen wie reprogrammierte Körperzellen, über die wir an dieser Stelle ja auch schon berichteten.) Mit dem neuen Gesetz aber werden die Stammzellforscher jetzt eine ganze Weile leben müssen und auch können.

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