Fahrerassistent erhöht Sicherheit

Flurförderfahrzeuge in der Chemielogistik

Der Transport von chemischen Produkten und Abfällen unterliegt besonderen Sicherheitsanforderungen und muss ständig auf den neuesten Stand der Technik sowie aktuellen Gefahrgutrichtlinien angepasst werden. Das Forschungsprojekt Intrasafe (Sicherheits- und Effizienzsteigerung von Flurförderzeugen in der Intralogistik durch intelligenten IKT-Einsatz), im September 2016 abgeschlossen, erhöht die Verfügbarkeit und Sicherheit von Flurförderfahrzeugen.

Mit dem beschriebenen IntraSafe-System und der NoColl-Matrix unterhalb der Hallendecke werden im Indoorbereich alle relevanten Fahrzeuge und Personen erfasst (Bilder: tbm).

Wie vielfältig Unfallszenarien sein können, zeigen Ereignisse wie der Chemie-Zwischenfall in Gremberghoven. In einer Lagerhalle fuhr ein Stapler ein 150-l-Fass an und eine geringe Menge Triethylentetramin trat aus. Weitaus gefährlicher ging es beim Gefahrgutunfall in Vellmar-Frommershausen zu. Im Gebäude war ein Hochregallager zusammengestürzt, mehrere große Fässer hatten Leck geschlagen.

Wie innovative Präventionsmaßnahmen Unfälle dieser Art vermeiden können, wurde im Forschungsprojekt „IntraSafe“ gemeinsam mit Partnern der Chemielogistik untersucht. Als Verbundkoordinator konnte die tbm hightech control GmbH unter anderem Kenner der Branchen wie die Chemion Logistik GmbH, Alfred Talke GmbH & Co. KG, Lanxess Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution (BGHW) und das BIBA – Bremer Institut für Produktion und Logistik GmbH vereinen.

Die technische Grundlage des Projekts bildet ein auf Infrarottechnik basierendes Sensor-Aktor-System, das Menschen, Waren und Flurförderzeuge miteinander vernetzt. Zur Kollisionsvermeidung greift das System im Notfall aktiv in den Betrieb des Fahrzeugs ein. Darüber hinaus sollen durch intelligente Navigationslösungen potenzielle Unfallsituationen präventiv vermieden werden. Die Berücksichtigung der relevanten arbeits- und datenschutzrechtlichen Aspekte ist dabei gewährleistet.

Anzeige
Anzahl an Gefahrensituationen ohne (links) und mit (rechts) Assistenzsystem. Grafik zeigt beispielhaft für ein Szenario mit vier Staplern und einem Lagerfüllgrad von 70 %, wie oft sich je zwei Stapler einander annähern.

Fahrerassistenzsystem vereint Effizienz und Sicherheit
Unfallbedingte Betriebsunterbrechungen verursachen neben direkten Kosten einen Know-how-Verlust, der vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen häufig nicht kompensiert werden kann, so Waldemar Marinitsch, Entwicklungsleiter bei tbm. „Bei unserer täglichen Arbeit zeigt es sich, dass Sach- und Personenschäden meistens durch eingeschränktes Sichtfeld, zu hoher Geschwindigkeit sowie Anfahrunfällen entstehen. In deren Folge kommt es zu unnötigen krankheitsbedingten Ausfällen und zu Stillstandzeiten, die den Betriebsablauf erheblich stören. Mit NoColl Fahrerassistenzsystemen lassen sich bis zu 80 % der Unfälle vermeiden. In vielen anderen Anwendungsfällen wurde uns sogar von höheren Laufleistungen berichtet“, so Marinitsch.

Mit den Anforderungen der Intralogistik kennt sich der wissenschaftliche Mitarbeiter Jens Ehm vom Bremer Institut für Produktion und Logistik (BIBA) aus. „In unserem Institut konnten wir in einer Halle mit einem flächendeckenden Ortungssystem bereits Erfahrungen sammeln. Mit dem tbm System lassen sich situations- und ortsgenau Gefahrenstellen erkennen, die dann gezielt mit der Sensorik entschärft werden können“, erklärt Ehm.

Da es in Hallen oder Logistikzentren auch weniger riskante Stellen gibt, muss somit nicht immer die ganze Halle mit Sensoren bestückt werden. Dies führt zu geringeren Investitionskosten. Das Projekt beinhaltet über die technische Entwicklung hinaus eine intelligente Verknüpfung der Signale mehrerer Sensoren, um Gefahrensituationen bereits präventiv durch Hinweise an den Fahrzeugführer zu vermeiden. Die TALKE-Gruppe ist ein Forschungspartner bei dem Projekt und stellt dabei die Sicherheit der Mitarbeiter in den Mittelpunkt der Anstrengungen. In einem Feldtest wurde eine Lagerhalle zur Verfügung gestellt. Bei der Lagerhalle handelt es sich um ein freies Blocklager ohne feste Bodenmarkierungen – Stapler und Menschen haben also keine Einschränkungen ihrer Aufenthaltsorte und Wege.

Nach der Ermittlung möglicher Gefahrenstellen wurden die Sensoren bauseitig installiert und Staplerfahrzeuge mit dem System ausgestattet. Die Arbeit im Chemikalienlager fordert vom Staplerfahrer ein besonders hohes Maß an Konzentration. Zusätzlich dann, wenn mehrere Stapler im Einsatz sind. Dabei bieten bisher verfügbare Mittel wie der Bluespot am Stapler keinen aktiven Kollisionsschutz. Nachrüstbare Fahrerassistenzsysteme sind daher eine wirtschaftliche Möglichkeit, die Sicherheit weiter zu erhöhen und das Restrisiko von Anfahrunfällen zusätzlich zu verringern.

„Neben der permanenten Schulung und Sensibilisierung unserer Mitarbeiter wird diese technische Verbesserung den Raum für menschliche Fehler minimieren und für alle Beteiligten die Arbeit sicherer machen“, erklärt Manfred Broich, Logistikleiter bei TALKE Deutschland. „Darüber hinaus sehen wir Potenzial für Effizienzsteigerungen durch Wegeoptimierungen und eine Verringerung der Anzahl von Betriebsunterbrechungen“, so Broich weiter. Für den Test vorgesehen ist ein stark frequentierter Lagerkomplex des Chemielogistikspezialisten in Hürth.

Der Spoiler als Informations- und Unfallmelder ist am Fahrzeugheck des Daches am Fahrzeug per Plug + Play geklemmt und mit dem Schnittstellenkabel zur Fahrzeugsteuerung verbunden und beinhaltet die individuelle Sensorik und Steuereinheiten inkl. Beschleunigungs- bzw. Schocksensor für das Flurförderfahrzeug. Das Flurförderzeug kann somit in jeder Koordinate mit Zeit, Datum, Position, Fahrtrichtung und Ereignis (z.B. Anfahrstoß mit 8 g und Regalbeschädigung), Ausfahrtstor der Halle, Einfahrt in die Halle am Tor x, usw. erfasst und in der mitgeführten Bluebox dokumentiert werden, die dann die Daten an lokalen WLAN-Stellen absendet.

Mit dem Erfolg der bidirektionalen Datenkommunikation im Sinne der Industrie 4.0 im Bereich der intralogistischen Bewegungsabläufe mit einem IntraSafe-System hat es tbm geschafft, ein weites Feld der Systemtopologie aufzustoßen. Ermittelt und verfolgt wird die Lokalisierung des jeweiligen Standortes, die jeweilige Lauf- oder Fahrbewegung, die technische Wahrnehmung einer gefahrbringenden Annäherung an ein Fahrzeug oder an eine Person auch bei Sichtverdeckung bei Reaktions-Unterscheidung „Fahrzeug zu Fahrzeug“ und „Fahrzeug zu Mensch“ mit der rechtzeitigen Einleitung der relevanten Schutzfunktion (z.B. Verlangsamung der Geschwindigkeit, Stopp, Vibration in der Warnweste der Person, usw.). Selbst bei widrigen Rahmenbedingungen eines beliebigen Betriebes meistert das IntraSafe-System, das auch trotz etwaiger Sichtverdeckungen um die Ecke schauen kann, seine Aufgaben souverän und dauerhaft.

Die Bluebox kann optional an der nächstgelegenen WLAN-Antenne im Vorbeifahren die Nachrichten an den Hauptrechner versenden. Das Display für den Fahrer stellt die Benutzer- und Visualisierungsschnittstelle dar und erhält die Informationen über Bluetooth vom Spoiler.

Uwe Manzke, IWP Wissenschaftsredaktion

Autor
Uwe Manzke
IWP Wissenschaftsredaktion
PF 670228
10207 Berlin

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige

Atemschutz

Maske mit verbessertem Tragekomfort

Moldex hat jetzt mit der Air Plus ProValve sein Produktprogramm im Bereich des Atemschutzes erweitert. Die neue Schutzmaske verfügt über mehrere Besonderheiten, die den Tragekomfort erhöhen. Dazu gehört u.a. ein innovatives Ausatemventil. Die Maske...

mehr...

Gefahrstoffschränke

Planen für die Sicherheit

Je nach Menge und Art der im Labor benötigten Gefahrstoffe, den räumlichen Gegebenheiten, den Arbeitsabläufen und dem individuellem Bedienverhalten sollte bei der Laborplanung vorab der Schutzbedarf ermittelt werden.

mehr...

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem LABO Newsletter

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite