Neuer Therapieansatz bei Fettstoffwechselstörung

Rheumamedikament reduziert auch gefährliche Blutfette

Ein Forschungsteam des Exzellenzclusters Entzündungsforschung hat jetzt herausgefunden, dass ein Rheumamedikament einen positiven und bisher unbekannten Nebeneffekt hat: Das Präparat Tocilizumab kann den Gehalt eines speziellen cholesterinhaltigen Moleküls senken.

Matthias Laudes und Nike Müller vervielfältigen DNA-Proben im Labor. (Foto: Dieter Hermann, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein)

Besonders Menschen, die an chronischen Entzündungskrankheiten leiden, haben häufig erhöhte Spiegel dieses Moleküls namens Lipoprotein(a), was langfristig zu einer Arterienverkalkung und einer arteriellen Thrombose führen kann. Ihre neuen Erkenntnisse publizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Journal of Lipid Research.

Das Team unter der Leitung von Clustermitglied Prof. Matthias Laudes (Klinik für Innere Medizin I, Medizinische Fakultät an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und Universitätsklinikum Schleswig-Holstein) untersuchte, wie das sogenannte Lipoprotein(a) (Lp(a)) im Körper gebildet und wie dessen Gehalt im Blut reduziert werden kann. Lp(a) entsteht aus einer Verbindung von schlechtem Cholesterin (low density lipoprotein, LDL) und einem Apolipoprotein(a), welches in der Leber entsteht.

„Lp(a) schädigt die Blutgefäße in erheblich stärkerem Maß als das schlechte Cholesterin“, erklärt Dr. Nike Müller, Erstautorin der aktuellen Studie. „Deswegen konzentrierten sich unsere Untersuchungen auf Möglichkeiten, wie man einen erhöhten Lp(a)-Gehalt senken kann.“ Der Lp(a)-Gehalt ist zu 50 % genetisch bedingt, die restlichen 50 % werden physiologisch gesteuert. Die Forscherinnen und Forscher wollten herausfinden, wie man die nicht-genetischen Faktoren beeinflussen kann.

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Schlechtes Cholesterin wird im Blutplasma transportiert. Verbindet es sich mit dem Apolipoprotein (a), welches in der Leber gebildet wird, entsteht das Lipoprotein(a). Dieses verursacht langfristig Arterienverkalkungen und kann lokal zu einer Thrombose führen. (Abbildung: Nike Müller)

Bisher gibt es zwei Therapieansätze bei erhöhtem Lp(a)-Gehalt: Entweder mit dem Medikament Niacin; dieses Präparat wurde aber wegen zu starker Nebenwirkungen vom Markt genommen. Oder die Betroffenen müssen sich regelmäßig einmal pro Woche einer mehrstündigen Blutwäsche (Dialyse) unterziehen, bei der schlechte Fette aus dem Blut gefiltert werden. Diese Methode funktioniert sehr gut, ist aber mit einem hohen Aufwand für Betroffene verbunden.

Die Gruppe unter der Leitung von Laudes, der im Forschungsschwerpunkt Kiel Life Science an der Schnittstelle von Agrar- und Ernährungswissenschaftlicher sowie Medizinischer Fakultät forscht, wollte einen neuen und vor allem einfacher zu handhabenden Therapieansatz für Betroffene finden. Eher zufällig bemerkten sie, dass Erkrankte mit einer rheumatoiden Arthritis, die mit dem Medikament Tocilizumab behandelt wurden, einen auffällig niedrigen Lp(a)-Gehalt aufwiesen.

In einer Kohorte mit 2000 Teilnehmenden aus der norddeutschen Bevölkerung untersuchte die Ernährungswissenschaftlerin Müller, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Gehalt an Lp(a) und Interleukin-6, einem Molekül, das bei Entzündungen stark erhöht ist, gibt. „Dabei trat ein erhöhter IL-6-Gehalt zusammen mit einem erhöhten Lp(a)-Gehalt im Blut als auch in der Leber auf, dem Ort, wo die besonders risikoreiche Komponente des Lp(a) gebildet wird“, berichtet Müller. Diesen Zusammenhang wies das Team mithilfe verschiedener unabhängiger Methoden nach. Aufgrund dieser fundierten Analysen ist der positive Einfluss des Rheumamedikamentes auf den Lp(a)-Gehalt nachweislich vorhanden.

Die Ergebnisse könnten in der Stoffwechselmedizin besonders wichtig sein, so Studienleiter Laudes: „Wir wissen jetzt, dass die Therapie mit Tocilizumab gleich zwei Erkrankungen behandelt: Die rheumatoide Arthritis und erhöhtes Lp(a). Wenn das Präparat zukünftig auch eine Zulassung für die Behandlung von erhöhten Lp(a) Werten im Allgemeinen bekäme, hätten wir Mediziner eine gute Handlungsgrundlage, um das Medikament auch bei betroffenen Patientinnen und Patienten ohne Vorliegen einer rheumatoiden Arthritis gezielt einzusetzen, als Alternative zur Dialyse. Dies würde die Therapie dieser Fettstoffwechselstörung für Ärztinnen und Ärzte sowie Erkrankte erheblich vereinfachen.“

Cholesterin ist ein lebenswichtiger Stoff, der die Zellmembranen im Körper mit aufbaut. Im Zusammenspiel mit Proteinen kontrolliert Cholesterin, welche Signalstoffe in Zellen herein- und wieder herausgeschleust werden. Verschiedene Cholesterinarten existieren, eines von ihnen ist das low density lipoprotein (LDL), im allgemeinen Sprachverständnis wird dieses auch häufig als „schlechtes Cholesterin“ bezeichnet. LDL transportiert vom Körper produziertes Cholesterin von der Leber zu den Geweben. Ist der LDL-Gehalt im Blut zu hoch, können die Gefäße durch das Zuviel an Cholesterin verstopfen und Herz-Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle begünstigen. Außerdem ist ein hoher LDL-Cholesteringehalt auch mit einer vermehrten Bildung an Lp(a) verbunden.

Originalpublikation:
Müller, N, Schulte, DM, Türk, K, Freitag-Wolf, S, Hampe, J, Zeuner, R, Schröder, JO, Gouni-Berthold, I, Berthold, HK, Krone, W, Rose-John, S, Schreiber, S und Laudes, M (2015): IL-6 blockade by monoclonal antibodies inhibits apolipoprotein (a) expression and lipoprotein (a) synthesis in humans. Journal of Lipid Research, 56 (5), S. 1034-1042, http://dx.doi.org/10.1194/jlr.P052209.

Kontakt:
Dr. Nike Müller
Exzellenzcluster Entzündungsforschung
E-Mail: nike.mueller@uksh.de

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