Laborsoftware in der Veterinärdiagnostik

Rind ist nicht gleich Rind

Das Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz (TLV) untersucht jährlich rund 500 000 Blut-, Milch- und Gewebeproben von Tieren. Hier nutzen die Veterinärmediziner ein flexibles Labor-Informations- und Management-System. Es muss den kompletten Prozess vom Probeneingang über die Befundung bis zum Dokumentenversand abbilden und auch die zunehmend umfangreicheren Melde- und Berichtspflichten bewältigen.
In einem LIMS, das im Rahmen von Untersuchungen an Rindern genutzt wird, muss die Differenzierung nach Kälbern, Jährlingen, Kühen, Färsen und Bullen möglich sein. © Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz

Kein Laborworkflow gleicht exakt dem anderen. Deshalb müssen Labor-Informations- und Management-Systeme (LIMS) sowohl eine große Breite an Funktionalitäten enthalten als auch schnell und flexibel an die speziellen Bedürfnisse des jeweiligen Anwenders anpassbar sein – vom Auftrag über die Probenbearbeitung, die Ergebniserfassung und -auswertung bis hin zum Reporting.

Dr. Steffen Horner leitet das Dezernat für Tierseuchendiagnostik im Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz. © Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz

„Wir erhalten zwischen 15 000 und 20 000 Einsendungen jährlich – das bedeutet ein Volumen von rund 500 000 Proben, die wir abarbeiten müssen“, sagt Dr. Steffen Horner. Der Tierarzt leitet im Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz (TLV) in Bad Langensalza das Dezernat für Tierseuchendiagnostik. Hier arbeitet man mit dem Labor-Informations-Management-System „LABbase“, einer Lösung von Blomesystem. Das zur GUS Group gehörende Unternehmen ist Spezialist für Labor- Software und LIMS-Lösungen. Insgesamt nutzen rund 70 Mitarbeiter im TLV Labbase. „Labbase begleitet und steuert für uns die komplette Probenbearbeitung und -befundung“, erklärt Steffen Horner. Im Probeneingang werden die Proben im System registriert und dann auf die unterschiedlichen Untersuchungslabore verteilt. Deren Mitarbeiter dokumentieren wiederum im System ihre Arbeit und legen etwa anhand von Prüfplänen den genauen Umfang einer Probenuntersuchung fest. Nach Abschluss der Analyse tragen sie ihre Ergebnisse in das LIM-System ein, bewerten sie und erstellen den Befund. „Fallweise müssen wir im Nachgang auch Statistiken anfertigen“, sagt Horner. „Hinzu kommt mittlerweile eine Vielzahl von Meldungen an externe Stellen wie Behörden, Ministerien und das Friedrich-Löffler-Institut (FLI).“ Das auf der Insel Riems in der Ostsee ansässige FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

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Insbesondere die starke Zunahme an Berichtspflichten in den letzten Jahren macht eine leistungsfähige Labor-Software erforderlich. So erfasst etwa das FLI mit seinen Referenzlaboratorien Daten aus allen Bundesländern und berichtet an die Bundesregierung. Und die Tierseuchenbekämpfung wird von der Europäischen Union finanziell gefördert, die auch regelmäßige Berichte anfordert. „Wir untersuchen derzeit mit Hilfe von EU-Fördergeldern die Ausbreitung der afrikanischen Schweinepest und erstellen dazu halbjährliche Berichte“, nennt Steffen Horner ein aktuelles Beispiel.

Probenorientierte Lösung ersetzt Altsystem

„Die bisherige Lösung hatte gut funktioniert, hätte sich aber auf die neuen Anforderungen nicht mehr mit vertretbarem Aufwand anpassen lassen“, so Horner. Seit 2006 war bereits eine Laborlösung von Blomesystem im Einsatz. In das Altsystem hatte das TLV immer wieder externe Programme und Individualsoftware, etwa für Untersuchungsautomaten, integrieren müssen. Dies führte vor allem dann zu Problemen, wenn der jeweilige Mitarbeiter nicht mehr beim TLV arbeitete und keine hinreichende Dokumentation hinterlassen hatte. „Es war ein Wildwuchs in der Datenverarbeitung entstanden, der uns zu häufigen Fehlerkorrekturen zwang und auch von unserem internen Qualitätsmanagement bemängelt wurde. Zudem verfügte das System weder über eine Versionierung noch über ausreichend Codes für Prüfmethoden“, sagt Steffen Horner. So hatte beispielsweise das Altsystem bei Stammdatenänderungen wie einer neuen Kundenadresse auch für alte Befunde die neue Adresse hinterlegt. In Labbase sorgen nun Stichtagsregeln dafür, dass Stammdatenänderungen nicht rückwirkend hinterlegt werden. Untersuchungsautomaten sind ebenfalls implementiert.

Das LIMS „LABbase“ bildet probenorientiert den kompletten Prozess der Probenbearbeitung ab – von Probeneingang bis zu Befunderstellung und Dokumentenversand. © Blomesystem

Im Unterschied zu einsendungsorientierten Systemen ist dieses LIMS probenorientiert und ermöglicht dadurch dem TLV, Melde- und Berichtspflichten aus dem System heraus zu erfüllen: „Wir konnten zwar auch mit dem Altsystem den laborinternen Probenweg bis zur Befundung abbilden – aber nicht alle Melde- und Berichtspflichten erfüllen. Denn wenn wir etwa eine Meldung an die HI-Tierdatenbank abgeben, die die kompletten Lebensdaten aller Rinder erfasst, müssen wir das Ergebnis einer bestimmten Probe eines bestimmten Rindes übermitteln – und nicht die der kompletten Einsendung, die ja auch Proben anderer Tiere enthält“, erklärt Steffen Horner.

Die Umstellungsphase

Während der rund einjährigen Migrationsphase galt es für Blomesystem, den kompletten Datenbestand des TLV zu übernehmen, eine neue Datenbank zu erstellen und eine Testversion von Labbase aufzusetzen, die im Parallelbetrieb zum Altsystem lief. „Labbase ist ein sehr flexibles System und lässt sich dynamisch an unsere individuellen Anforderungen anpassen, wie etwa im Befund-Layout. Hinzu kommt, dass häufig neue oder wechselnde externe Vorgaben abzubilden sind“, sagt Steffen Horner. Hierzu zählt auch das Abrechnungssystem des TLV. „Das Land Thüringen rechnet Beihilfen ab, die durch die Tierseuchenkasse gewährt werden“, erklärt Steffen Horner. Diese verschiedenen Arten von Beihilfen mussten wir in unser System einpflegen. So können unsere Kollegen in der Abrechnungsstelle die Daten abgleichen und prüfen, ob Kunden überhaupt berechtigt sind, die jeweiligen Beihilfen in Anspruch zu nehmen.“ Angesichts der komplexen Datenübermittlungsprozesse wurden von Blomesystem zusätzliche Korrekturhilfen und Prüfroutinen für die Sachbearbeiter entwickelt, die mit der Rechnungsstellung befasst sind.

Rind ist nicht gleich Rind – Proben-Stammdaten managen

Eine spezielle Herausforderung für die Entwickler bestand zudem darin, die zahlreichen Arten der Proben-Stammdaten abzubilden. „Es gibt beispielsweise rund ein halbes Dutzend unterschiedliche Arten von Blutproben“, erklärt Steffen Horner. Hinzu kommen tausende von Tierarten nebst Tierorganen und Organanhängen wie Haare, Hufe und Hörner. Zusätzlich gilt es, im System zu berücksichtigen, dass das landläufige Rind nicht gleich Rind ist: „Für unsere Berichts- und Meldepflichten müssen wir zwischen Kälbern, Jährlingen, Kühen, Färsen und Bullen differenzieren“, erläutert Steffen Horner. Darüber hinaus galt es zu beachten, dass diese Stammdaten an verschiedene externe Schnittstellen mit jeweils unterschiedlichen Codes übermittelt werden: Für jede Tierart wurden zwei Codes benötigt und für jede Krankheitsart vier Codes.

Um die 70 Mitarbeiter im Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz nutzen das LIMS im Rahmen der Veterinäruntersuchungen. © Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz

Angesichts dieser komplexen Anforderungen ist Flexibilität auf Seiten der Entwickler gefragt. Die Software-Entwickler von Blomesystem hätten immer wieder neue Lösungen gefunden und programmiert, so Steffen Horner. Und die Unterstützung sei gut. „Die Reaktionszeiten sind sehr kurz, wenn wieder einmal neue Schnittstellen-Anforderungen kommen.“

Mit Migrationsverlauf und Live-Betriebserfahrung zeigt sich der Dezernatsleiter überaus zufrieden. Um Einführungsprojekte dieser Art möglichst reibungslos durchzuführen, empfiehlt Steffen Horner, alle internen Stakeholder ins Boot zu holen. Genauso wichtig wie die handelnden Personen sei der Faktor Zeit: „Es muss ausreichend lange Testphasen geben und auch ständige Kontrollen der Fortschritte. Aber auf alle Eventualitäten kann man sich angesichts unseres umfangreichen Probenportfolios nicht vorbereiten.“

Gilt es neue Kollegen mit dem System bekannt zu machen, wird Steffen Horner selbst tätig: „Die grundlegende Einführung in das System erhalten die Mitarbeiter von mir. Labbase ist anwenderfreundlich und in seiner Funktionsweise selbsterklärend“, sagt der Dezernatsleiter.

Weiterer Ausbau geplant

Dank der Fähigkeit zur flexiblen Anpassung an künftige externe Schnittstellenanforderungen sieht der Dezernatsleiter das TLV bestens aufgestellt. Die nächsten Schnittstellen-Aufgaben für Blomesystem stehen schon vor der Tür: „Wir werden eine Wildvogel-Datenbank und ein System für das Zoonose-Monitoring anbinden“, sagt Steffen Horner.

AUTOR
Matthias Longo, Berlin

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