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Das Porträt, 05-2009

Das Porträt

10 Fragen an Prof. Dr. Gerhard Kreysa, DECHEMA e.V.

Was reizt Sie (besonders) an Ihrer jetzigen Tätigkeit?

Die DECHEMA agiert an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft. Produktionsintegrierter Umweltschutz, Mikroverfahrenstechnik, Nanotechnologie, moderne Hochleistungsbatterien, Brennstoffzellen, Klimaschutz, das sind nur einige Beispiele, bei denen wir frühzeitig Forschungstrends gesetzt oder mindestens verstärkt haben und die sich später in der industriellen Praxis niedergeschlagen haben. Das Reizvolle sind die vielen Begegnungen mit Menschen aus führenden Forschungsinstituten und aus den Entwicklungsabteilungen der Industrie. Netzwerke aufbauen und pflegen, Impulse geben, Anregungen verstärken und dann auch Wirkungen registrieren, das sind Erlebnisse, für die es sich zu arbeiten lohnt.

Welche Ziele haben Sie sich bzw. für Ihre Gesellschaft in nächster Zeit und für die weitere Zukunft gesetzt?
Mit der Gründung von ProcessNet im Jahr 2006 ist der DECHEMA auf dem Weg zur vollen Integration von Chemie, Technischer Chemie, Verfahrenstechnik und Biotechnologie ein großer Schritt gelungen. Die damit verbundenen neuen Synergiepotenziale sind nahezu täglich fühlbar. Sie voll zu nutzen, ihre Dynamik zu stärken, mit ihnen den technischen Fortschritt weiter zu gestalten, das wird die zentrale Aufgabe der nächsten Jahre sein.

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Die DECHEMA ist in die weltweite Community hervorragend eingebunden, sie wird ihre globalen Aktivitäten weiter ausbauen und verstärken. Von den großen Problemen der Menschheit wie Energie, Rohstoffe, Umwelt und Klima warten noch viele auf Lösungen und Antworten, die von der Chemie und der Chemietechnik kommen müssen. Hier liegen noch weitere Entfaltungsmöglichkeiten für die DECHEMA, insbesondere auch im Bereich der Politikberatung und des Dialoges mit einer breiten Öffentlichkeit.


Wo liegen die besonderen Herausforderungen für Sie?
Im letzten Jahr vor der Pensionierung ist das schon eher eine sehr persönliche Frage, die wohl als erstes mit dem Wort Loslassen beantwortet werden muss. Vieles ist liegen geblieben, auf dessen Aufarbeitung ich mich schon freue. Vielen Fragen, die mich beschäftigen, werde ich bald wieder mit mehr Zeit tiefer auf den Grund gehen können, so wie es eher für die Jahre meiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit typisch war.

In der öffentlichen Diskussion über so wichtige Themen wie Energie und Klima sind mir persönlich zu viel, zum Teil auch widersprüchliche Expertenbehauptungen im Spiel, deren Berechtigung von vielen Menschen nicht nachvollzogen werden kann. Wenn die Welt diese Herausforderungen wirklich in den Griff bekommen will, dann genügt es nicht, wenn nur ein paar Experten wissen, wo es langgehen muss, sondern es muss dieses Wissen zur inneren Überzeugung möglichst aller Menschen werden, die an den Wahlurnen entscheiden, wie es wirklich weitergeht. Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen: Zu viele Menschen glauben noch, der Treibhauseffekt sei eher eine Spekulation, mit der Wissenschaftler ihre undurchschaubaren Klimamodelle in den Computern füttern, damit sie sensationelle Ergebnisse ausspucken. Viel zu selten erklärt ihnen jemand, dass man den Treibhauseffekt auch ohne Computer mit dem Bleistift auf dem Papier ausrechnen kann, wie es schon Arrhenius vor mehr als 100 Jahren getan hat.

Jedenfalls werde ich jetzt bald mehr Zeit haben, mich solchen Fragen in Vorträgen, Aufsätzen und Büchern zu widmen. Sinnlos erscheint mir das nicht, denn die Menschen sind keineswegs so ignorant wie manche meinen.


Was halten Sie für Ihre größten Stärken und Schwächen?
Schwächen? Nun, als der liebe Gott unter den Menschen die Geduld verteilt hat, muss ich wohl gerade mal Hände waschen gewesen sein.

Stärken? Vielleicht Hartnäckigkeit, Beharrlichkeit, bestimmt aber Berechenbarkeit und Verlässlichkeit.


Wie beurteilen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage in Deutschland?
Immer noch deutlich besser als viele unserer wirtschaftswissenschaftlichen Institute. Die Menschen vergessen zu schnell. In einem Gutachten hatten diese Institute am Vorabend der Wiedervereinigung die gigantischen Überschüsse berechnet, die eine Treuhand erwirtschaften würde, obwohl in der DDR jedes Schulkind wusste, dass das Land pleite ist. Und heute rechnen sie uns fast täglich noch tiefer in den Keller. Ich wünschte mir eine etwas differenziertere Diskussion. In jedem Jahresabschluss zählt nur das Integral, aber die meisten Leute reden heutzutage nur von den Diffenrentialquotienten.

Wie wird sich die Wirtschaft in Deutschland entwickeln?
Ich kann mich schlecht über unqualifizierte Analysen und Prognosen aufregen und dann selber welche verbreiten. Vielleicht gibt es im Moment wirklich nur eine seriöse Antwort: Ich weiß es nicht. Das soll aber nicht heißen, man könne überhaupt nichts wissen. Zwei Dinge dürften sicher sein. Auch diese Krise wird überwunden werden, und gestärkt werden die aus dem Tunnel rollen, die auch bei Notbeleuchtung weiter an Innovationen gearbeitet haben.

Was sind die größten Risiken/Risikofaktoren?
Ignoranz, würde ich sagen. Ich erinnere mich an Vorträge und Bücher von Henry Kissinger, Philipp von Bethmann und anderen, die schon vor fast zwanzig Jahren vor den Gefahren genau jener Krise gewarnt haben, die wir jetzt erleben. Schon damals wurden schärfere internationale Richtlinien gefordert, aber niemand hat zugehört, niemand wollte das wissen. Momentan beobachte ich, dass immer noch Finanzprodukte angeboten werden, von denen ich glaubte, sie müssten längst verboten worden sein. Unser System hat schwere Konstruktionsfehler offenbart, die dringend repariert werden müssen. Für mich ist deshalb das größte Risiko ein Rückfall ins business as usual.

Aus welchen Technologiebereichen kommen die größten Wachstumsimpulse für die Wirtschaft?

Fast alle Prognosen sind sich darin einig, dass wir in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts einen von 30 auf 60 % steigenden Anteil des Solarstromes am Primärenergieverbrauch haben werden. Nur der richtige Weg dahin ist noch heftig umstritten. Nicht von der Energietechnik schlechthin, sondern vom technischen Umbau unseres Energiesystems werden die größten Wachstumspotentiale ausgehen. Historisch war es immer so. Neue Wachstumsimpulse sind immer dann entstanden, wenn eine alte Technologie an ihre Grenzen gestoßen ist. Kohlekraftwerke und Verbrennungsmotoren sind heutzutage alte Technologien und damit Auslaufmodelle. Die Decarbonisierung ist der neue Megatrend der Energietechnik.

Wo liegen die Märkte der Zukunft?
Die Antwort bedarf keiner Prophetie, sie liegt auf der Hand. Die heutigen hoch entwickelten Industrieländer werden sich auch in Zukunft nicht von der Weltgeschichte verabschieden. Sie sind deshalb auch weiterhin unser Heimatmarkt, aber das ist eben ein bereits konsolidierter Markt. Expandierende Märkte wird es nur dort geben, wo die Menschheit weiter wächst und ihren Wohlstand noch deutlich anheben wird. In China und Indien haben sich mehr als zwei Milliarden Menschen mit großer Energie und viel Kreativität auf diesen Weg begeben. Das Wachstum in diesen Regionen ist ein Megatrend, der anhalten wird.

Gibt es sonst noch etwas, was Sie unseren Lesern mitteilen möchten?
Vom 10. – 16. Mai 2009 findet in Frankfurt am Main wieder die ACHEMA statt. Allein die Labor- und Analysentechnik wird mit rund 700 Ausstellern vertreten sein. Hier treffen sich alle, die fest entschlossen sind, am Ende der Krise besser dazustehen als davor. Weil dies auch Ihr Ziel ist, freue ich mich schon jetzt auf Ihre Teilnahme an der ACHEMA.

Die Person:

Geburtsdatum: 21.09.1945.

Geburtsort: Dresden.

Familienstand: verh., zwei Kinder.

Hobbys: Lesen, Schreiben, Filmen, Golf.

jetzige Tätigkeit: Geschäftsführer der DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. (seit 1992).
Beruflicher Werdegang:
1964 - 1968: Chemiestudium an der TU Dresden.

1970: Promotion zum Dr.rer.nat. bei Prof. Kurt Schwabe an der TU Dresden.

1973: Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DECHEMA-Institut.

1978: Habilitation an der Universität Dortmund.

1978: Leitung der Arbeitsgruppe „Elektrochemie“ am DECHEMA-Institut.

1980: Verleihung des Chemviron-Preises.

1981: Verleihung des DECHEMA-Preises 1980.

1985: apl. Professor an der Abteilung Chemietechnik der Universität Dortmund.

1986: stv. Geschäftsführer der DECHEMA.

1990 - 1998: Vorsitzender des Vorstandes der Kurt-Schwabe-Stiftung.

1992: Geschäftsführer der DECHEMA.

1993 - 2000: Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Forschungszentrums Rossendorf.

1993: Honorarprofessor an der Universität Regensburg.

1994 - 1996: Mitglied des Präsidiums der AiF.

1994: Castner Medal der Society of Chemical Industry.

1997 - 2002: stv. Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates der AiF.

1998: Verleihung des Dr.-Ing.E.h. an der TU Clausthal.

1999: Verleihung des Dr.tekn.h.c. an der Königlich-Technischen Hochschule Stockholm.

2000: Vorsitzender des Kuratoriums/Hochschulrates der TU Clausthal.

2003: Ausländisches Mitglied der Königlich-Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften (IVA), Stockholm.

2006: Wilhelm-Ostwald-Medaille der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

2007: Verdienstorden des Freistaates Sachsen.

2008: Mitglied der acatech Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.


Die Gesellschaft:

Die DECHEMA (Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V.) ist eine gemeinnützige wissenschaftlich-technische Gesellschaft mit Sitz in Franfurt/Main. Mehr als 5500 Naturwissenschaftler, Ingenieure und Firmen, Organisationen und Institute gehören ihr heute als Mitglieder an. Ihr Ziel ist es, den technischen Fortschritt auf den Gebieten Chemische Technik, Biotechnologie und Umweltschutz zu fördern und mitzugestalten. Mit ihren vielfältigen Aufgaben ist die DECHEMA Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit.


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