Editorial

...ungeachtet des aktuellen Streits um die Rechtschreibreform erschien jetzt der neue Duden (seitenidentisch mit der 22. Auflage aus dem Jahre 2001!). Genau 1152 Seiten dick ist diese 23. Auflage des Nachschlagewerks (+ CD-ROM) zum Preis von 25,50 € zu haben. Mit 125 000 Stichwörtern ist der „gelbe Klassiker“ aus dem Mannheimer Dudenverlag so umfangreich wie nie zuvor. 5000 neue Wörter – interessanterweise genau die selbe Zahl wurde auch 2001 genannt – wurden zusätzlich in das Standardwerk für die deutsche Rechtschreibung aufgenommen, um die „Explosion“ der Sprachenentwicklung detailgetreu wiederzugeben. Fragt sich nur, wie das bei völlig identischer Seitenzahl bei der 22. bzw. 23. Auflage dem Verlag gelang.

Was mir beim Durchstöbern des neuen Duden so auffiel, beginnt auf Seite 156 mit dem Begriff Analytik. Warum aber der Begriff analytische Chemie fehlt, die analytische Geometrie aber aufgenommen wurde, verwundert. Wie man aber so ein Nachschlagewerk aufblähen kann, wurde mir im Zusammenhang mit dem Begriff Chef deutlich. Der Duden listet auf: Chef, Chefin; Chefingenieur, Chefingenieurin; Cheflektor, Cheflektorin; Chefpilot, Chefpilotin; Chefradakteur, Chefredakteurin; Cheftrainer, Cheftrainerin... Ähnliches erlebt man mit dem Begriff Chemie. Oftmals schreibt man heute für Laboratorien das hässliche Wort Labore. War es nur Zufall, dass der Duden dieses Unwort nicht aufgenommen hat? Es folgen Laborant, Laborbefund, Labortier, Laborversuch und Laborwert. Was fehlt sind beispielsweise die Labormöbel. Der Massensport wurde aufgenommen, das Massenspektrometer aber leider nicht (Seite 636). Im Zusammenhang mit den Begriffen Spektral/Spektroskopie wird man gut bedient (Seite 909). Chromatografie (neu) kann aber auch mit „ph“ geschrieben werden. Unsere Gemeinwesen heißt Bundesrepublik Deutschland und nicht BRD (Seite 243). Die untergegangene DDR nannte uns so. Auf Seite 334 findet man als Begriff den Elfmeter im Fußballsport. Da der „Elfmeter“ ja eine Spiel-Strafe darstellen soll, muss er auch richtigerweise Strafstoß heißen. Vom Elfmeter-Schießen allerdings spricht man nur bei der Spielentscheidung. Und die ist eben 11 m von Grundlinie bis Strafstoßpunkt.

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Die Verwirrung um die deutsche Rechtschreibung hat 6 Jahre nach „Einführung“ der reformierten Regeln einen neuen Höhepunkt erreichen. Wichtige deutsche Medien mit Qualitäts-Journalismus (beispielsweise Frankfurter Allgemeine, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Welt) schreiben nach wie vor nach den alten Regeln oder werden zu diesen zurückkehren. Sprache ist das Handwerkzeug von Schriftstellern, Journalisten und Verlagen. Wie ein Schuhmacher oder ein Schmied wissen sie am besten, wenn man ihnen die Werkzeuge kaputt macht (so Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ).

Wenn sich die deutsche Rechtschreibung heute in einem verwirrenden, ja desolaten Zustand befindet, wenn jeder in seiner Unsicherheit, was noch richtig und was schon falsch sein kann, die abenteuerlichsten Schreibweisen in die Welt setzt, dann ist das kein Zeugnis dafür, dass die neuen Regeln noch nicht beherrscht werden. Sondern vielmehr ein Beleg dafür, dass hier etwas von außen geregelt werden sollte, was sich nur von innen entwickeln kann.

Eine lebende Sprache lebt, weil sie sich im Gebrauch verändert und weiterentwickelt, und nicht, weil Bürokraten für sie Veränderungen beschließen, Warum also wird in die Entwicklung einer Sprache eingegriffen, statt wie bisher Veränderungen, die sich durchgesetzt haben, einfach unter dem kollektiven Pseudonym „Duden“ festzuschreiben?

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