Projekt „CytoTransport“
Hochschule Bonn-Rhein-Sieg erforscht in DFG-Verbund zelluläre Transportmechanismen
Transportprozesse spielen für die Funktion von Zellen eine wichtige Rolle. Wenn sie nicht funktionieren, kann das Krankheiten wie Stoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Nieren- und Lungenschäden oder Entzündungen zur Folge haben. Im interdisziplinären DFG-Forschungsverbund „CytoTransport – Mechanismen und Modulation zellulärer Transportprozesse“ untersucht ein Team von Forschenden der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg (H-BRS) die zugrunde liegenden Abläufe. Ein besseres Verständnis der Vorgänge sei Voraussetzung, um neue therapeutische Strategien zu entwickeln.
Komponenten, die für den Stoffwechsel oder die Herstellung von Proteinen benötigt werden, müssen in die Zellen hineingelangen, Abfallprodukte sollen aus der Zelle heraustransportiert werden. Auch der Transport von elektrisch geladenen Teilchen, so genannten Ionen, ist für Zellen essenziell. Durch diese werden kleinste elektrische Membranspannungen erzeugt, die Nervenzellen beispielsweise zur Kommunikation nutzen.
„Transportprozesse sind an allem, was uns als Menschen ausmacht, beteiligt. Es gibt keinen biologischen Prozess, der nicht mit Transporten in Verbindung steht“, sagt Professor Mike Althaus, der Sprecher des Verbundes „CytoTransport“, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Eine Zahl verdeutlicht, um welche Dimension es hier geht. Das menschliche Gehirn besteht aus 86 Milliarden Nervenzellen. Jede einzelne dieser Nervenzellen erzeugt elektrische Spannungen, die auf den Transport von tausenden von Ionen zurückzuführen sind.
Verschiedene Transportarten in jeder Zelle
Es gibt verschiedene Transportarten: Zum einen gibt es in der Zellmembran Ionenkanäle. Das sind Poren, die Ionen wie Natrium, Kalium oder Calcium in die Zelle hinein oder aus ihr hinaus leiten. Ein solcher Ionenkanal öffnet und schließt sich wie eine Tür. Der Prozess selbst heißt Gating und läuft sehr schnell ab. Doch wie bekommt man die Tür auf? Wie öffnen und schließen sich Ionenkanäle, und was passiert, wenn die Signale gestört sind?
Da es sich bei den Transportgütern um elektrisch geladene Teilchen handelt, können die Forschenden den Strom durch die Ionenkanäle mittels sogenannter Patch-Clamp-Technik messen. So lässt sich die Funktion der Ionenkanäle charakterisieren und zum Beispiel untersuchen, welche strukturellen Teile der Ionenkanäle für die Gating-Mechanismen verantwortlich sind. Im übertragenden Sinne: Welche Struktur ist die Türklinke? Welche ist das Scharnier? Gibt es Schlüssel, die die Tür länger verschlossen halten oder Stopper, die sie geöffnet lassen? „Viele dieser Prozesse sind noch nicht verstanden“, erklärt Althaus.
Neben den Ionenkanälen, gibt es in der Zellmembran die sogenannten Transporter. Diese können auch größere Moleküle wie zum Beispiel Zucker oder Aminosäuren in die Zelle hinein oder aus ihr heraus bewegen. Das läuft allerdings langsamer ab als der Transportprozess in den Ionenkanälen. Die Transporter spielen beispielsweise in Stoffwechsel- oder bei Entgiftungsprozessen eine wichtige Rolle. Die Funktionsweise dieser sogenannten Solute-Carrier-Transporter untersuchen die Forschenden ebenfalls.
Doch wie gelangen die Ionenkanäle und Transporter an die Orte, an denen sie gebraucht werden? Das geschieht unter anderem mit Hilfe von Vesikeln. Diese Membran-Bläschen werden über Motorproteine, analog zu Transportfahrzeugen, entlang des Cytoskeletts, einer Art Schienennetz, das durch fadenförmige Proteine im Inneren einer Zelle gebildet wird, transportiert. Diese Transportwege sind entscheidend für viele zelluläre Prozesse, und Störungen können schwerwiegende Folgen für die menschliche Gesundheit haben.
Das Projekt „CytoTransport“ geht noch über das bessere Verständnis der unterschiedlichen biologischen Transportprozesse hinaus. „Wir möchten auch Grundlagen für die Herstellung von Vehikeln legen, die es ermöglichen, Moleküle, die Transportproteine modulieren, zu ihrem Wirkort zu befördern “, erläutert H-BRS-Professor Althaus diesen chemischen Aspekt. Perspektivisch könnten so Methoden entwickelt werden, um im Idealfall neue Medikamente punktgenau an die Stelle einer Zelle zu bringen, wo sie eingesetzt werden sollen.
Modelle und Hypothesen durch KI-gestützte Methoden
Mittelpunkt des Forschungsprojektes stellen biologische Fragestellungen dar. Doch es sind auch Forschende der Hochschule aus weiteren Disziplinen beteiligt. Auch eine Projektgruppe aus dem Bereich Chemie und Materialwissenschaften ist beteiligt. Die Forschenden wollen sich bei technischen Lösungen von biologischen Prozessen inspirieren lassen: Weltweit ist die Erzeugung von Trinkwasser eine große Herausforderung. Es werden bereits künstliche Membranen zur Meerwasserentsalzung eingesetzt. Während die Biologie den gezielten Transport von bestimmten Salzen über Zellmembranen über Milliarden Jahre durch Evolution gelöst hat, stehen Forschende bei der Effizienz und Selektivität von künstlichen Membranen noch vor diversen technischen Herausforderungen. Hier hilft der Blick in die Biologie.
Auch Computerwissenschaftlerinnen und Computerwissenschaftler der H-BRS unterstützen das Projekt. Mit Hilfe von Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) entwickeln sie Modelle für biologische und chemische Transportprozesse und erstellen Modelle von Proteinstrukturen, die dann im Labor überprüft werden sollen.
Projekt im Programm „Forschungsimpulse“ der DFG
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Verbundprojekt „CytoTransport“ an der H-BRS und damit den Aufbau eines Zentrums für die biomedizinische Forschung über einen Zeitraum von fünf Jahren mit insgesamt rund sechs Millionen Euro. Das Projekt ist Teil des neuen „Forschungsimpulse“-Programms für Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW). Ende 2023 war die H-BRS dafür als eine von zehn HAW bundesweit ausgewählt worden.
„Langfristiges Ziel ist es, ein methodisches Portfolio zu erarbeiten, mit dem Transportprozesse aus unterschiedlichen Blickwinkeln und in unterschiedlichen Auflösungsskalen vom Atom bis zur Zelle erforscht werden können“, sagt Professor Mike Althaus. Erwachsen könnten aus den Forschungsergebnissen auch personalisierte Therapien. „In der Medizin wird viel passieren, wenn man weiß, welche Variante eines Proteins bei fehlerhaften Transportprozessen eine Rolle spielt“, sagt Althaus mit Blick auf entsprechende Krankheitsbilder. So könnten zum Beispiel Medikamente und Therapien gezielter angewandt werden, wenn man herausfinde, wie effektiv diese auf bestimmte Proteinvarianten wirken. Oder welche Genvarianten dafür ursächlich sind, dass manche Menschen empfindlicher als andere auf einen Anstieg des Blutdrucks im Zusammenhang mit stark salzhaltiger Ernährung reagieren.
Im Forschungsverbund „CytoTransport“ forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus neun Arbeitsgruppen: Professor Mike Althaus, Professor Matthias Preller, Professor Jörn Oliver Sass, Professorin Margit Schulze, Professor Christopher Volk und Professor Steffen Witzleben aus dem Fachbereich Angewandte Naturwissenschaften, Professor Dirk Reith (Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Kommunikation), Dr. Karl Kirschner (Fachbereich Informatik) und Dr. Katrin Richter von der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Sie gehören den beiden H-BRS-Forschungsinstituten IFGA (Institut für funktionale Gen-Analytik) und TREE (Institut für Technik, Ressourcenschonung und Energieeffizienz) an. Das Team besteht aus insgesamt 26 Forschenden aus zwölf Ländern, darunter elf Doktorandinnen und Doktoranden.
Der Verbund arbeitet fachübergreifend und international, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden mit Forschungseinrichtungen in Deutschland, den USA, Dänemark, Großbritannien und Israel zusammenarbeiten.
Quelle: Hochschule Bonn-Rhein-Sieg












