Das Gehirn denkt nicht nur mit Neuronen

Melanie Steinbeck,

Zellgenaue Konzentrationsmessungen im Nervengewebe

Das Gehirn gilt bis heute vor allem als Reich der Nervenzellen. Wenn von Denken, Erinnern oder Wahrnehmung die Rede ist, stehen meist die Neuronen im Mittelpunkt. Doch etwa die Hälfte des Gehirns besteht aus anderen Zellen: den Gliazellen. Lange galten sie vor allem als stützendes Gewebe. Inzwischen zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass sie weit mehr sind als bloße Helfer der Nervenzellen.

Astrozyten im Gewebeverbund © HHU / Institut für Neurobiologie – Jan Meyer

Besonders Astrozyten, auch Sternzellen genannt, rücken dabei zunehmend in den Fokus der Forschung. Ein internationales Team unter Leitung der Heinrich-Heine-Universität (HHU) Düsseldorf hat nun einen bislang verborgenen Aspekt dieser Zellen sichtbar gemacht: ihre Natriumkonzentration, und zwar mit bislang unerreichter Genauigkeit direkt im Hirngewebe.

Die unterschätzte Macht der Elektrolyte

Natriumionen gehören zu den wichtigsten Elektrolyten des menschlichen Körpers. Ohne sie könnten Nervenzellen keine elektrischen Signale weiterleiten, Muskeln sich nicht zusammenziehen und Gehirnnetzwerke nicht funktionieren. Aufgenommen wird Natrium hauptsächlich über Kochsalz.

Auch im Gehirn ist die Konzentration der positiv geladenen Natriumionen streng reguliert. Gerade Astrozyten benötigen niedrige intrazelluläre Natriumwerte, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Sie kontrollieren unter anderem die Konzentration von Botenstoffen an den Synapsen. Das sind jene Kontaktstellen, an denen Nervenzellen miteinander kommunizieren. Gleichzeitig regulieren sie weitere Elektrolyte und beeinflussen damit die Erregbarkeit neuronaler Netzwerke.

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Bislang ging die Forschung davon aus, dass diese Natriumkonzentrationen in Astrozyten weitgehend einheitlich seien. Genau diese Annahme wollten die Düsseldorfer Forschenden überprüfen.

Ein Blick in einzelne Zellbereiche

Am Institut für Neurobiologie der HHU entwickelte das Team um Christine Rose im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekts „SynGluCross“ eine Methode, mit der sich der Natriumgehalt einzelner Astrozyten und sogar ihrer feinsten Zellausläufer direkt im Hirngewebe sichtbar machen lässt.

An der Studie beteiligt waren außerdem Forschende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Universität Bonn, des Universitätsklinikums Bonn sowie der University of South Florida.

Die Ergebnisse überraschten die Forschenden. Denn die Natriumkonzentrationen unterschieden sich deutlich — nicht nur zwischen einzelnen Astrozyten, sondern sogar innerhalb verschiedener Bereiche derselben Zelle.

Gemeinsam mit den Erlangen-Nürnberger Kolleginnen und Kollegen konnte das Team außerdem zeigen, dass spezielle Transportmoleküle in den Zellmembranen für diese Unterschiede verantwortlich sind. Diese kommen in unterschiedlichen Astrozyten verschieden häufig vor und besitzen zudem unterschiedliche Zusammensetzungen.

Astrozyten arbeiten offenbar hochspezialisiert

Die Forschenden aus den USA überführten die experimentellen Daten in biophysikalische Computermodelle. In den Simulationen ließen sich die Beobachtungen aus dem Labor reproduzieren. Die Bonner Arbeitsgruppen überprüften die Resultate zusätzlich im Tiermodell.

Für Jan Meyer, Erstautor der Studie, weisen die Ergebnisse auf eine bislang unterschätzte funktionelle Vielfalt der Astrozyten hin:

Die Studienautorinnen und -autoren von der HHU vom Institut für Neurobiologie (v.l.): Dr. Karl Kafitz, Simone Durry, Viola Bornemann, Dr. Jan Meyer, Prof. Dr. Christine Rose, Jianfeng Fan. Das Bild zeigt Astrozyten, die teilweise Ausläufer auf Blutgefäße ausbilden. © HHU / Institut für Neurobiologie – Jan Meyer

„Wir konnten darüber hinaus zeigen, dass aufgrund der unterschiedlichen Natriumkonzentrationen spezialisierte funktionelle Sub-Domänen in Astrozyten existieren. Sie reagieren jeweils auf die lokalen Bedürfnisse ihres direkt benachbarten Nervennetzwerks.“

Die Astrozyten erscheinen damit nicht länger als einheitliche Versorgungszellen des Gehirns, sondern als hoch spezialisierte Akteure, die sich flexibel an die Anforderungen ihres unmittelbaren Umfelds anpassen.

Neue Perspektiven für die Hirnforschung

Die Entdeckung könnte auch für das Verständnis neurologischer Erkrankungen relevant werden. Denn bei vielen Krankheiten des Gehirns gerät die Regulation von Ionen und Botenstoffen aus dem Gleichgewicht — etwa bei Epilepsien oder nach Schlaganfällen.

„Diese neu entdeckten Eigenschaften von Astrozyten spielen möglicherweise auch eine Rolle bei verschiedenen Erkrankungen des Gehirns, bei denen Ionenhaushalt und Botenstoff-Regulation gestört sind wie bei Epilepsien oder nach einem Schlaganfall", so Studienleiterin Christine Rose. „Unsere Ergebnisse bieten so neue Ansatzpunkte für weitere Forschungen."

Die Arbeit liefert damit nicht nur neue Einblicke in die zelluläre Organisation des Gehirns. Sie zeigt auch, wie viel über dessen grundlegende Funktionsweise noch immer unbekannt ist — selbst bei einem Element so alltäglich wie Natrium.

Originalpublikation:
Meyer, J., Bornemann, V., Bhattarai, A., Eitelmann, S., Unichenko, P., Durry, S., Kafitz, K. W., Chalmers, N., Fan, J., Beckervordersandforth, R., Henneberger, C., Ullah, G., & Rose, C. R. (2026). Cellular and subcellular heterogeneity of astrocytic Na⁺ homeostasis tuning astrocytes into functionally distinct subgroups in the mouse brain. Nature Communications, 17, 4515. DOI:10.1038/s41467-026-73435-z

Quelle: Heinrich-Heine-Universität (HHU) Düsseldorf

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