EU-Projekt für nachhaltige Chemikalien-Herstellung
Mit Bakterien zu klimaneutralen Kunststoffen und Kosmetika?
Kunststoffe, Medikamente, Kosmetik – fast alle Produkte des täglichen Lebens basieren auf fossilen Rohstoffen. Ein europäisches Forschungsteam unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin will diesen Grundstein der chemischen Industrie nun revolutionieren: Im Projekt CarboNcare möchten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Bakterien entwickeln, die aus nachhaltigem Methanol wichtige chemische Ausgangsstoffe herstellen können – und so fossile Rohstoffe ersetzen. Gefördert wird das Projekt vom European Innovation Council (EIC) mit einem Pathfinder Grant in Höhe von 3,1 Millionen Euro, der gezielt bahnbrechende Innovationen mit hohem Marktpotenzial unterstützt.
Die chemische Industrie ist noch immer stark von endlichen Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas oder Kohle abhängig. Viele alternative Ansätze setzen auf Zucker und Biomasse, doch deren Anbau benötigt wertvolle Flächen und steht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion. „Unser Ziel ist es, die Herstellung von Chemikalien sowohl von fossilen als auch von pflanzlichen Rohstoffen zu entkoppeln“, sagt Dr. Steffen Lindner-Mehlich, Wissenschaftler am Institut für Biochemie der Charité und Leiter des jetzt gestarteten Projekts CarboNcare. „Denn wir wollen die chemische Industrie nachhaltiger machen, ohne die Ernährungssicherheit zu gefährden. Dafür greifen wir tief in die biotechnologische Trickkiste.“
Das Ziel der Forschenden ist es, eine CO₂-Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen: Also das Kohlendioxid, das beispielsweise durch Verbrennung eines Kunststoffprodukts am Ende seines Lebenszyklus in die Atmosphäre gelangt, auch als Basis für dessen Herstellung zu nutzen. Im Idealfall entsteht so ein geschlossener Kohlenstoffkreislauf ohne zusätzliche Emissionen. Der erste Schritt auf diesem Weg ist heute schon möglich: Methanol – ein zentraler Grundstoff der chemischen Industrie – lässt sich bereits aus CO₂ herstellen, das aus der Atmosphäre gewonnen wird.
Laktat, Succinat und Butandiol produzieren
Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im CarboNcare-Projekt widmen sich nun dem zweiten Schritt, nämlich der Umwandlung von Methanol in wichtige Zwischenprodukte wie Laktat, Succinat und 2,3-Butandiol. Aus ihnen stellt die Industrie Medikamente (z. B. Tablettenbeschichtungen), Lebensmittel (z. B. Konservierungsmittel und Geschmacksverstärker), Biokunststoffe, Kosmetik (z. B. Lippenstifte, Cremes) oder Kautschuk für die Reifenfertigung her. Solch eine Methanol-Umwandlung sollen künftig Bakterien wie winzige biologische Fabriken übernehmen. „Wir programmieren die beiden bereits industriell genutzten Bakterienstämme Escherichia coli und Pseudomonas putida genetisch so um, dass sie Methanol ‚fressen‘ und Laktat, Succinat oder Butandiol ausscheiden“, erklärt Steffen Lindner-Mehlich.
Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn Bakterien würden die Energie, die sie aus ihrem Futter gewinnen, normalerweise größtenteils in das eigene Wachstum stecken, anstatt chemische Produkte herzustellen. „Deshalb koppeln wir das Wachstum der Bakterien an die Herstellung der gewünschten Chemikalien“, erläutert der Leiter des Projekts. „Wenn die Bakterien also wachsen wollen, müssen sie gleichzeitig das Zielmolekül produzieren. Dieser Ansatz erhöht nicht nur die Ausbeute, sondern macht die Prozesse auch robuster und besser planbar – ein entscheidender Faktor für die industrielle Anwendung.“
Biochemische Vorgänge am Computer simulieren
Um die Stoffwechselwege der Bakterien so umfassend umzugestalten, will das Projektteam die biochemischen Vorgänge zunächst am Computer simulieren, bevor die nötigen Eingriffe in die bakteriellen Organismen vorgenommen werden. „Wir haben neben der Molekularbiologie aber auch die industrielle Skalierung im Blick“, betont Steffen Lindner-Mehlich. Deshalb soll der Fermentationsprozess so aufgesetzt werden, dass er später auch im industriellen Maßstab zuverlässig funktioniert, und wird in Bezug auf Ökobilanz und Wirtschaftlichkeit analysiert werden. Die dafür nötige interdisziplinäre Expertise bringen acht europäische Partner aus Wissenschaft und Industrie in das Projekt CarboNcare ein.
„Wir wollen eine ernstzunehmende nachhaltige Alternative zu etablierten Produktionswegen in der chemischen Industrie entwickeln“, betont Steffen Lindner-Mehlich. „Damit Kunststoffe, Kosmetika und andere Produkte des täglichen Bedarfs künftig klimaneutral hergestellt werden können.“
Über das Projekt CarboNcare
Das Projekt CarboNcare zielt auf die Entwicklung einer neuartigen Plattform zur klimaneutralen Herstellung von Grundchemikalien ab. Es wird über einen EIC Pathfinder Grant gefördert und von Dr. Steffen Lindner-Mehlich (Charité) koordiniert. (EIC Pathfinder Grants sind Teil des europäischen Rahmenprogramms für Forschung und Innovation Horizon Europe.) Zusätzliche Partner des Konsortiums sind die Max-Planck-Gesellschaft und die DECHEMA Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie e.V. (Deutschland), die Universiteit Leiden (Niederlande), das Commissariat à l'Énergie Atomique et aux Énergies Alternatives – CEA (Frankreich), die Danmarks Tekniske Universitet – DTU (Dänemark), Impresa Sociale (Italien) sowie die Haute École Spécialisée de Suisse Occidentale – HES-SO (Schweiz).
Quelle: Charité – Universitätsmedizin Berlin











