Wege aus dem Sanierungsstau

Melanie Steinbeck,

Hochschulbau: Warum Deutschland beim Sanieren schneller werden muss

Bröckelnder Putz, undichte Fenster, gesperrte Hörsäle wegen Einsturzgefahr: Der Sanierungsstau an deutschen Hochschulen ist sichtbar. Die Kosten für notwendige Baumaßnahmen werden inzwischen auf mehr als 70 Milliarden Euro geschätzt. Der Wissenschaftsrat zeigt, wie Hochschulbau durch schnellere Prozesse und klare Zuständigkeiten gelingen kann.

Auf der Tagung des Wissenschaftsrats werden Strategien und Lösungen diskutiert. © WR

Die hohen Summen sind vor allem das Ergebnis jahrzehntelang zu geringer Investitionen. Doch nicht nur Versäumnisse der Vergangenheit, steigende Baukosten und knappe Länderhaushalte verschärfen die Situation. Ein weiteres Problem liegt in der Geschwindigkeit: Zwischen der ersten Planung und dem Abschluss eines Hochschulneubaus können heute bis zu 15 Jahre liegen. Wenn ein Gebäude schließlich fertig ist, entsprechen seine Strukturen und Anforderungen nicht selten bereits einer vergangenen Zeit.

Schnelleres Bauen und Sanieren war deshalb ein zentrales Thema der Tagung „Hochschulbau zukunftsfähig gestalten“, zu der der Wissenschaftsrat (WR) am 8. Juli in die Fritz Thyssen Stiftung nach Köln eingeladen hatte. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Hochschulen und Bauwirtschaft diskutierten darüber, wie Hochschulbau künftig effizienter organisiert werden kann.

Weniger Schleifen, mehr Zusammenarbeit

Ein Schlüssel liegt für die Teilnehmenden in einer besseren Zusammenarbeit der beteiligten Akteure. Ina Brandes, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, forderte, dass Planung, Genehmigung und Bau stärker parallel und verzahnt erfolgen müssten. Das spare Prüfschleifen, „verlorene Planungen“, Zeit und Geld.

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Ihr niedersächsischer Ministerkollege Falko Mohrs warb für mehr Flexibilität und langfristige Finanzierung. Walther Rosenthal, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, sieht Hochschulen stärker in der Verantwortung: Sie sollten so viel Entscheidungsfreiheit und Verantwortung beim Bau erhalten wie möglich. Dafür müssten sie allerdings die notwendigen Kompetenzen besitzen oder aufbauen.

Auch der Wissenschaftsrat sieht die Verantwortung nicht bei einzelnen Akteuren allein. Der Vorsitzende des WR, Wolfgang Wick, fordert einen Schulterschluss von Bund und Ländern:

„Die Zukunft des Hochschulbaus gelingt nur als Gemeinschaftsaufgabe: Bund, Länder und Hochschulen müssen Investitionen nicht als Kosten, sondern als langfristige Sicherung von Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt Demokratiesicherung verstehen.“

Nicht jedes Gebäude muss neu gebaut werden

Die Diskussion zeigte auch: Hochschulgebäude sind mehr als reine Infrastruktur. Sie brauchen nicht nur ausreichend große Labore und Hörsäle, sondern auch Räume für Begegnung, Austausch und Identifikation.

Gleichzeitig müsse der Umgang mit Flächen neu gedacht werden. Gebäude sollten mit Blick auf künftige Bedarfe und laufende Kosten geplant werden – etwa bei der Klimatisierung und dem Unterhalt. Trotz zusätzlicher Mittel aus dem Sondervermögen der Bundesregierung bleibe es notwendig, Prioritäten zu setzen, Kooperationen zu suchen und vorhandene Gebäude sinnvoll weiterzuentwickeln.

Die Botschaft der Tagung: Deutschland kann nicht alles abreißen und neu bauen. Der Bestand muss stärker genutzt und intelligent weiterentwickelt werden.

Erfolgsfaktoren: klare Zuständigkeiten und schnelle Entscheidungen

Dass schnellere Verfahren möglich sind, zeigen bereits verschiedene Beispiele. Mit unterschiedlichen Organisationsmodellen sei es gelungen, die Dauer von Bauverfahren auf rund sechs Jahre zu verkürzen.

Entscheidend sei dabei nicht, ob Universitäten selbst als autonome Bauherren agieren, Aufgaben an Landesbaubetriebe übertragen werden oder Eigentums- beziehungsweise Mietmodelle gewählt werden. Wichtig seien vielmehr klare Rollen, wenige Schnittstellen und professionelles Management.

Hinzu kommen mehrjährige Budgetfreigaben und die Bereitschaft, vorhandene Spielräume zu nutzen. Entscheidungen müssten schneller getroffen werden – idealerweise innerhalb von Tagen statt Monaten.

Sanierung vor Neubau, wo es sinnvoll ist

Zu den weiteren Empfehlungen des Wissenschaftsrats gehört, die Bestandserhaltung zu stärken und laufende Sanierungsmittel von Beginn an einzuplanen. Wo eine Sanierung sinnvoller, kostengünstiger und schneller möglich sei, sollte sie dem Neubau vorgezogen werden.

Auch die Funktionalität müsse stärker im Mittelpunkt stehen. Öffentlich-private Partnerschaften könnten zusätzliche Mittel erschließen, sofern sie im Interesse der Hochschulen umgesetzt würden. Eine Anpassung des Tarifrechts und der Eingruppierung im öffentlichen Dienst könnte zudem helfen, Stellen in Baubetrieben attraktiver zu machen.

Eine weitere Forderung: Die späteren Nutzerinnen und Nutzer von Gebäuden sollten frühzeitig und strukturiert in Planung und Umsetzung einbezogen werden.

Es beginnt mit Zusammenarbeit

Die Tagung machte deutlich, dass Lösungen vorhanden sind. Es gibt Modelle, Erfahrungen und Ansätze, um Hochschulbau schneller und effizienter zu gestalten. Entscheidend sind nun die Vernetzung der beteiligten Akteure, das Lernen voneinander sowie ausreichende Finanzierung, politische Unterstützung und bessere Rahmenbedingungen.

Der Sanierungsstau an deutschen Hochschulen ist groß. Doch die Diskussion zeigt: Der Weg aus ihm heraus muss nicht ebenso lang dauern.

Quelle: Wissenschaftsrat

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