Forschung zu Angsterkrankungen

Melanie Steinbeck,

Größte genetische Studie zu Angstsymptomen zeigt genetische Grundlagen von Angst

Angst ist ein lebenswichtiges Warnsystem des Menschen. Doch bei Millionen Betroffenen gerät diese Funktion aus dem Gleichgewicht und entwickelt sich zu einer belastenden Erkrankung. Eine neue internationale Studie, die jetzt in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour veröffentlicht wurde, liefert mit Daten von nahezu 700.000 Menschen die bislang umfassendsten Hinweise auf die genetischen Grundlagen von Angstsymptomen. An der Untersuchung waren auch Forschende der Universitätsmedizin Würzburg maßgeblich beteiligt.

Bei der Genanalyse von 693.869 Menschen europäischer Abstimmung fand das Studienteam die bislang größte Anzahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. © Daniel Peter / UKW

Angst, Furcht und Sorgen gehören zu den normalen Stressreaktionen des Menschen. Sie helfen dabei, aufmerksam zu bleiben und in potenziell gefährlichen Situationen angemessen zu reagieren. Bei vielen Menschen treten diese Symptome jedoch in stärkerer Ausprägung auf und können sich zu einer Angsterkrankung entwickeln, die den Alltag erheblich beeinträchtigt und mit hohem Leidensdruck verbunden ist. Angsterkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen.

Um die biologische Architektur von Angst besser zu verstehen, wurde innerhalb des internationalen Psychiatric Genomics Consortium (PGC) die Arbeitsgruppe PGC Anxiety gegründet. Eine federführende Rolle beim Aufbau dieser Initiative spielte der Würzburger Psychiater und Angstforscher Jürgen Deckert.

Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety hat nun gemeinsam mit der Universitätsmedizin Würzburg und weiteren Mitgliedern des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zwischen 2008 und 2020 geförderten Sonderforschungsbereichs TRR 58 „Furcht, Angst und Angsterkrankungen“ neue Erkenntnisse zu den genetischen Mechanismen von Angststörungen vorgelegt.

Anzeige

Größte DNA-Analyse zu Angstsymptomen

Die genomweite Assoziationsstudie (GWAS) wurde von Forschenden des King's College London und des QIMR Berghofer Medical Research Institute unter Leitung von Thalia Eley durchgeführt. In Würzburg waren neben Jürgen Deckert auch Nora Strom, Angelika Erhardt-Lehmann, Co-Chair der Arbeitsgruppe PGC Anxiety, sowie Heike Weber beteiligt.

Die Arbeitsgruppe PGC Anxiety identifizierte in der genomweiten Assoziationsstudie 74 Positionen im Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen in Zusammenhang standen. © Daniel Peter / UKW

Im Rahmen der Analyse wurden die genetischen Daten von 693.869 Menschen europäischer Abstammung ausgewertet. Ziel war die Frage, welche genetischen Unterschiede häufiger bei Menschen auftreten, die stärkere Angstsymptome erleben.

Die Studie identifizierte die bislang größte Zahl genetischer Zusammenhänge mit Angstzuständen. Anders als frühere Untersuchungen konzentrierte sich die Analyse nicht ausschließlich auf die klinische Diagnose einer Angststörung, sondern bezog den Schweregrad der Symptome mit ein.

„Indem in unserer Studie die genetischen Daten nicht nur mit einer klinischen Ja-oder-Nein-Diagnose, sondern mit dem Schweregrad der Symptome verknüpft wurden, entstand ein neues Verständnis von Angst als biologisches Kontinuum – von normalen Stressreaktionen bis hin zu schwer beeinträchtigenden Erkrankungen“, erläutert Jürgen Deckert.

74 genetische Hinweise identifiziert

Insgesamt fanden die Forschenden 74 Positionen im menschlichen Genom, an denen genetische Unterschiede mit Angstsymptomen assoziiert waren. Rund die Hälfte dieser Signalregionen war bereits aus früheren GWAS-Studien bekannt, darunter auch aus einer in diesem Jahr in Nature Genetics veröffentlichten Untersuchung mit Nora Strom als Erstautorin. 39 der identifizierten Positionen wurden jedoch erstmals beschrieben.

Die Ergebnisse weisen zudem auf einzelne Gene hin, die bei der Entstehung von Angst eine Rolle spielen könnten. Genannt werden unter anderem PCLO und SORCS3. Viele der beteiligten Gene sind besonders im Gehirn aktiv und an der Kommunikation zwischen Nervenzellen beteiligt.

Gleichzeitig zeigt die Untersuchung die Grenzen des bisherigen Wissens auf. Die bislang bekannten genetischen Unterschiede erklären lediglich etwa sechs Prozent der Unterschiede in der Ausprägung von Angstsymptomen zwischen verschiedenen Menschen. Ein Großteil der genetischen Einflüsse bleibt damit weiterhin unbekannt.

Genetik erklärt nur einen Teil des Risikos

Megan Skelton, Research Fellow am Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience (IoPPN) des King's College London und Erstautorin der Studie, bewertet die Ergebnisse als wichtigen Fortschritt für das Verständnis biologischer Risikofaktoren.

Gleichzeitig betont sie die Bedeutung nichtgenetischer Einflüsse: „Genetische Einflüsse wirken zusammen mit Lebenserfahrungen, sozialen Kontexten und psychologischen Faktoren und stehen mit ihnen in Wechselwirkung, um das individuelle Risiko zu formen. Der Anstieg der Angstraten, den wir beobachten, weist auf Umweltfaktoren hin. Das Verständnis genetischer Risiken kann uns helfen zu erkennen, wer für diese Faktoren besonders anfällig sein könnte, und letztlich zu wirksameren Präventions- und Behandlungsstrategien beitragen.“

Polygenetische Risikoscores mit begrenzter Vorhersagekraft

Im Rahmen der Studie berechneten die Forschenden zudem sogenannte Polygenetische Risikoscores (PRS) für Angst. Diese fassen das genetische Risiko einer Person in einer einzigen Kennzahl zusammen. Grundlage hierfür waren die Ergebnisse der GWAS bei Menschen europäischer Abstammung.

Anschließend wurden die Risikoscores in unabhängigen Gruppen von Menschen europäischer, afrikanischer und südasiatischer Herkunft getestet. Die Analysen zeigten jedoch, dass die Scores lediglich einen kleinen Teil der Unterschiede im Schweregrad von Angstsymptomen erklären konnten. Der Anteil lag zwischen 1,2 und 2,9 Prozent.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass genetische Einflüsse teilweise über verschiedene ethnische Bevölkerungsgruppen hinweg geteilt werden. Gleichzeitig unterstreichen sie die Notwendigkeit weiterer Studien in unterschiedlichen Herkunftsgruppen, um populationsspezifische genetische Risikofaktoren besser zu verstehen.

Verbindungen zu psychischen und körperlichen Erkrankungen

Darüber hinaus fanden die Forschenden zahlreiche signifikante genetische Korrelationen zwischen Angstsymptomen und anderen Erkrankungen. Dazu zählen sowohl psychische als auch körperliche Leiden, darunter Depressionen, Reizdarmsyndrom, chronische Schmerzen, koronare Herzkrankheit, Endometriose und Migräne.

„Diese Korrelationen verdeutlichen die Wechselbeziehung zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit“, sagt Brittany Mitchell, Leiterin der Forschungsgruppe „Complex Trait Genomics“ am QIMR Berghofer Medical Research Institute und Mit-Erstautorin der Studie. „Wichtig ist, dass einige gemeinsame genetische Varianten sowohl das Risiko für eine körperliche Erkrankung als auch für stärkere Angstsymptome erhöhen können. Gleichzeitig kann das Leben mit chronischen Schmerzen oder einer chronischen Erkrankung selbst zu Angstsymptomen beitragen. Unsere Ergebnisse zeigen keine Kausalität und auch keine Wirkungsrichtung auf, sie werfen jedoch wichtige Fragen für zukünftige Forschungen auf.“

Grundlage für weitere groß angelegte Analysen

Für Thalia Eley, Professorin für Entwicklungs- und Verhaltensgenetik am Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience des King's College London und leitende Autorin der Studie, markieren die Ergebnisse einen wichtigen Schritt für die Angstforschung.

„Trotz der Auswirkungen von Angststörungen auf die öffentliche Gesundheit hinkt der Fortschritt beim Verständnis ihrer genetischen Grundlagen hinter dem anderer wichtiger psychischer Erkrankungen hinterher. Angesichts der hohen und steigenden Angstraten, insbesondere bei jungen Erwachsenen, ist es wichtiger denn je, unsere Fähigkeit zu verbessern, Risikofaktoren zu identifizieren und zu verstehen. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse eine neue Welle groß angelegter Analysen anregen, um unser Verständnis der genetischen Architektur von Angst zu beschleunigen“, so Eley.

Auch Jürgen Deckert sieht in der Arbeit einen Ausgangspunkt für weitere Forschung: „Das Psychiatric Genomic Consortium für Anxiety wird weiter intensiv seine Mission verfolgen, diese ersten wegweisenden Ergebnisse auszubauen, dies letztlich mit dem Ziel innovative und individuelle Therapien für die Betroffenen zu entwickeln.“

Publikation:
Strom, N. I., Verhulst, B., Bacanu, S. A., et al. (2026). Genome-wide association study of major anxiety disorders in 122,341 European-ancestry cases identifies 58 loci and highlights GABAergic signaling. Nature Genetics. DOI:10.1038/s41588-025-02485-8

Quelle: Universitätsklinikum Würzburg

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren