zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Stört Zeitumstellung den Biorhythmus?

Melanie Steinbeck,

Wie unsere innere Uhr aus dem Takt gerät

Tief verborgen im Inneren unseres Körpers ticken sie: molekulare Uhren, die lebenserhaltende Prozesse koordinieren. Sie beeinflussen unseren Schlaf, unsere Verdauung und unser Immunsystem. Die zentrale innere Uhr sitzt im Gehirn und trägt den Namen suprachiasmatischer Nukleus (SCN). „Der SCN ist verbunden mit dem Auge“, erklärt der Chronobiologe Manuel Spitschan vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. „In unserer Netzhaut trifft Licht auf melanopsinhaltige Ganglienzellen. Die wandeln das Lichtsignal in Nervenimpulse um und leiten diese weiter an den SCN, also an die innere Uhr.“ Durch diese Signale steuert die innere Uhr unter anderem die Hormonausschüttung: Wir werden wach, unsere Konzentration steigt.

Uhren werden umgestellt - am Sonntag beginnt die Sommerzeit © Sina Schuldt/dpa

Innere Uhr versus soziale Zeit

Unsere innere Uhr orientiert sich an der natürlichen Sonnenzeit, während unsere gesellschaftlichen Zeitvorgaben durch Uhren und Kalender bestimmt werden. „Für unseren Körper ist und bleibt die Sonnenzeit das entscheidende Signal“, betont Spitschan. Wenn die soziale Zeit nicht mit der biologischen übereinstimmt, entsteht ein sogenannter sozialer Jetlag. Besonders deutlich wird dies bei der Umstellung zur Sommerzeit: „Wenn die soziale Uhr umgestellt wird und ich plötzlich eine Stunde früher aufstehen muss, dann ist die innere Uhr nicht eingestellt auf diese neuen Bedingungen.“ Die Anpassung kann je nach individueller Konstitution zwischen einem und vier Tagen dauern.

Anzeige

Erhöhtes Unfall- und Gesundheitsrisiko nach Zeitumstellung

Die Umstellung der Zeit hat messbare Auswirkungen: In den Tagen nach der Zeitumstellung steigt die Zahl der Verkehrsunfälle um etwa sechs Prozent. [1] Eine Ursache könnte die erhöhte Zahl übermüdeter Autofahrer sein. Auch gesundheitliche Risiken nehmen zu. [2] „Die genauen Mechanismen, warum es unmittelbar nach der Zeitumstellung mehr Herzinfarkte gibt, sind bislang noch nicht aufgeklärt“, erklärt Pieterjan Dierickx vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung. „Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Störung der inneren Uhr hier hineinspielt.“ Studien zeigen, dass in den Tagen nach der Zeitumstellung die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt um 24 Prozent ansteigt.

Die Rolle der peripheren Uhren

Nicht nur der SCN beeinflusst unseren Biorhythmus. Auch Organe wie Herz, Leber und Bauchspeicheldrüse besitzen eigene innere Uhren, die ihre jeweiligen Prozesse steuern. „Die Leber, die Bauchspeicheldrüse, das Herz – sie alle bekommen Signale vom SCN, haben aber auch ihre eigene innere Uhr“, erklärt Dierickx. Das Herz beispielsweise kann zu bestimmten Tageszeiten besonders leistungsfähig sein – oder anfälliger für Erkrankungen. Besonders kritisch sind die frühen Morgenstunden, in denen Herzinfarkte besonders häufig auftreten.

Auswirkungen auf Menschen mit Schlafstörungen

Matthias Knop vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München behandelt Menschen mit Schlafstörungen. „Ganz oft kommen Menschen zu uns, die sich wünschen, jederzeit ins Bett gehen, erholt wieder aufspringen und energiegeladen in den Arbeitstag gehen zu können“, berichtet er. Doch die Anpassungsfähigkeit des Körpers hat Grenzen: Wer bereits an Schlafstörungen leidet, spürt die Zeitumstellung oft besonders stark. „Aber der gesunde Mensch schafft das schon – oft nicht in einem, aber zumindest innerhalb einiger Tage.“

Forschende fordern Abschaffung der Zeitumstellung

Viele Experten sprechen sich für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus. „Die Zeitumstellung ist eine Herausforderung für die innere Uhr und dabei ein komplett menschengemachtes Problem“, sagt Spitschan. Auch Herzexperte Dierickx rät dazu, in den Tagen nach der Zeitumstellung auf Wachmacher wie Koffein zu verzichten, um den Anpassungsprozess nicht unnötig zu erschweren. Die wissenschaftliche Empfehlung ist eindeutig: „Physiologisch wäre es schlauer, einfach in der Normalzeit, umgangssprachlich Winterzeit, zu bleiben.“

Originalpublikationen:
[1] Zhou, R., & Li, Y. (2022). Traffic crash changes following transitions between daylight saving time and standard time in the United States: New evidence for public policy making. Journal of Safety Research, 83, 119–127. DOI/10.1016/j.jsr.2022.08.009

[2] Sandhu, A., Seth, M., & Gurm, H. S. (2014). Daylight savings time and myocardial infarction. Open Heart, 1(1), e000019. DOI/10.1136/openhrt-2013-000019

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft, Nora Lessing

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren