Editorial

TTIP und die Chemieindustrie

Schon seit Juni 2013 feilschen die USA und die EU – liebe Leserinnen und Leser – um die Ausgestaltung der Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft – kurz TTIP genannt. Dieses Freihandelsabkommen soll unter anderem die Zölle im Warenverkehr beseitigen und Regeln zum Investitionsschutz festlegen.

Redaktionssitzung

Wie Sie sicherlich wissen, wird TTIP nicht nur hierzulande sehr kontrovers diskutiert und das zum Teil ja auch zu Recht. Insbesondere werden Aufweichungen von Standards im Umwelt- und Verbraucherschutz befürchtet sowie das Investor-Staats-Schiedsverfahren kritisiert, bei dem in nicht öffentlichen Verhandlungen Geldstrafen bei Verstößen gegen den Investitionsschutz ausgeklüngelt werden sollen.

Doch um welche Größenordnungen geht es eigentlich in der Chemieindustrie? Dazu ein paar Zahlen vom Verband der Chemischen Industrie e.V. (VCI). Mit TTIP könnte die größte Chemiehandelszone der Welt entstehen. Die EU und die USA erzielten beim Handel 2013 einen Weltmarktanteil von 34,3 %, gefolgt von China mit 31,4 %. Europa ist nach wie vor noch der wichtigste Handelspartner der deutschen Chemieindustrie (58 % aller Chemieexporte gehen in die EU). Doch die USA sind mit rund 9 % der wichtigste Abnehmer außerhalb Europas. 2014 exportierte die deutsche Chemieindustrie Waren im Wert von rund 15 Mrd. Euro in die USA. Bei den Zöllen – sie liegen im transatlantischen Handel durchschnittlich bei nur 2,8 % – würden aber aufgrund des großen Handelsvolumens 140 Mio. Euro eingespart werden.

Anzeige

Die deutsche Chemieindustrie soll nach Berechnungen des VCI deutlich von TTIP profitieren: 2000 neue Arbeitsplätze, ein Produktionsplus von 2 Mrd. Euro und eine zusätzliche Wertschöpfung von 600 Mio. Euro werden prognostiziert. VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann plädierte daher vor ein paar Tagen in einer Presseerklärung: „Wir brauchen bei TTIP dringend einen gesellschaftlichen Austausch über die Inhalte des Abkommens.“ Und er erklärte weiter: „Als Vertreter der Chemie-Branche versichere ich: TTIP wird auf keinen Fall zu einer Aufweichung von Standards in der Chemikaliensicherheit führen. Wir bekennen uns zu REACH. Die chemierelevanten Regulierungen in der EU und den USA sind zu unterschiedlich für eine gegenseitige Anerkennung. Wir wollen durch TTIP aber die Chance ausloten, ob gemeinsame Regulierungen in der Zukunft im Einzelfall sinnvoll sein können.“

Noch aber gehen die Verhandlungen ja weiter. Das Endergebnis werden wir wohl erst erfahren, wenn TTIP im Europäischen Parlament diskutiert und – so mein Tipp – dort angenommen wird.

Dr. Hans-Jürgen Hundrieser, Chefredakteur LABO

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige

Editorial

Lachen tut gut

Dass Lachen ansteckt und wichtig für die soziale Bindung zwischen zwei Menschen ist, haben wir irgendwie ja schon gewusst. Neu ist, dass das „soziale Lachen“ zu einer Endorphin-Freisetzung im Gehirn führt und dies möglicherweise die...

mehr...

Editorial

Gewohnheitstier Mensch

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Man mag noch so offen für Neues, neugierig auf Unbekanntes oder auch geradezu süchtig nach Abwechslung sein – es gibt einfach Dinge im Leben, an die hat man sich (gerne) gewöhnt und sie geben unserem Alltag einen...

mehr...

Editorial

An der Zeit, Tschüss zu sagen

Die diesjährige Labvolution mit Biotechnica vom 16. bis 18. Mai in Hannover werde ich – liebe LABO-Leserinnen und -Leser – nicht mehr besuchen. Nicht, dass Sie mich nicht interessieren würden.

mehr...

Editorial

Chemiegeschäft köchelt verhalten

Wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am 8. März vor der Presse in Frankfurt bekannt gab, ging das Geschäftsjahr 2016 für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland mit einem „versöhnlichen“ vierten Quartal zu Ende.

mehr...

Editorial

Designer-Stoffwechselweg

Der Begriff „Synthetische Biologie“ wurde erstmals 2010 einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Auch wir haben damals an dieser Stelle darüber berichtet.

mehr...