Editorial

...wenn jetzt die Landwirte ihre Ernte einfahren, werden gentechnisch veränderte Nutzpflanzen nur in homöopathischen Dosen in den Scheunen zu finden sein, zumindest hier in Deutschland. Während rund um den Globus der Anbau solcher Pflanzen im zweistelligen Prozentbereich wächst, wird hierzulande nur etwas gentechnisch veränderter Mais angebaut. Die Grüne Gentechnik liegt bei uns sozusagen weiterhin brach. Und wenn die Novelle zum Gentechnikgesetz im Vermittlungsausschuss unverändert durchkommt, wird es dabei bleiben.

Auch der EU-Kommission geht der Gesetzentwurf zu weit, da zahlreiche Bestimmungen der EU unberücksichtigt bleiben, Zuständigkeiten untergraben und überzogene kostenintensive Hürden aufgebaut würden. Die deutsche Biotechnologieindustrie fordert sogar eine 1:1-Übernahme der EU-Freisetzungsrichtlinie, um konkurrenzfähig zu bleiben.

„Wird der vorliegende Regierungsentwurf umgesetzt, zieht dies für Forschung, Landwirtschaft und Industrie einen jahrelangen Innovationsstau nach sich. Forschungsarbeiten und Produktentwicklungen werden fortan in Deutschland auf dem Gebiet der Pflanzenbiotechnologie kaum mehr möglich sein,“ so Dr. Harald Seulberger, Vorstandsmitglied der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), Anfang September vor der Presse in Frankfurt.

Ein Hauptkritikpunkt sind die vorgesehenen Haftungsregelungen. Unter den geplanten Bedingungen wird es wohl kein Landwirt riskieren, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen, wenn er nämlich für Schäden haftbar gemacht werden kann, obwohl er die rechtlichen Vorschriften und die „gute landwirtschaftliche Praxis“ beachtet hat, also gar nichts dafür kann.

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Eine wesentlich pragmatischere Vorgehensweise wäre es, wenn erst einmal praktische Erfahrungen beim Anbau von gentechnisch veränderten und konventionellen Pflanzen auch hier in Deutschland gesammelt würden. Nach einem Erprobungsanbau könnte man ja immer noch entscheiden, ob beispielsweise zusätzliche Haftungsregelungen überhaupt nötig sind. Denn die jetzige Gesetzlage sollte durchaus ausreichen. Zur Zeit allerdings sehe ich für diese Zukunftstechnologie – also die Grüne Gentechnik – in Deutschland leider schwarz.

Doch es gibt auch Lichtblicke in der einheimischen Life-Sciences-Scene oder wie es der DIB-Vorsitzende Prof. Dr. Peter W. Stadler auf oben genannter Pressekonferenz ausdrückte: „Die Biotech-Branche in Deutschland hat 2003 erneut ein schwieriges Jahr durchstehen müssen. Und auch aktuell ist die Situation noch alles andere als rosig. Inzwischen mehren sich jedoch die Signale für eine Trendwende. Wir sehen jetzt endlich Licht am Ende des Tunnels.“

Und woher rührt sein vorsichtiger Optimismus? Dafür gibt es mehrere Gründe. Beispielsweise haben viele Unternehmen inzwischen ihre Geschäftsmodelle neu ausgerichtet – betreiben jetzt mehr Service und Auftragsforschung und werden dadurch profitabler. So rechnet der DIB damit, dass es im laufenden Jahr einen deutlichen Zuwachs von Firmen gibt, die die Gewinnzone erreichen. Auch die Technologien und Produkte haben an Reife gewonnen, was bei den größeren Biotech-Firmen zu einem besseren Geschäftsverlauf in den letzten Monaten führte, da sie für die Pharmakonzerne als Geschäftspartner attraktiver wurden.

Erfreuliches gibt es auch von der Patentfront zu vermelden: Bei den Patentanmeldungen im letzten Jahr lag Deutschland mit 247 gleich hinter den USA mit 722. Und während der Anteil der USA bei den weltweiten Anmeldungen seit Mitte der 90er Jahre von 55 % auf 46 % sank, stieg der Anteil Deutschlands von 10 % auf 16 %.

An den Kapitalmärkten tut sich inzwischen ebenfalls wieder etwas. So gab es ja vor kurzem den ersten Börsengang eines deutschen Biotech-Unternehmens (Epigenomics) seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes vor dreieinhalb Jahren. Es lief zwar nicht alles ganz rund, aber es klappte.

Finanzstarke Unternehmen wiederum nutzten den Verfall von Unternehmenswerten in den letzten Jahren zu Akquisitionen, um sich strategisch besser aufzustellen. So blieben die übernommenen Firmen und – was noch wichtiger ist – ihr gesammeltes Know-how erhalten.

Zu guter Letzt noch ein positives Signal: Die Investitionsbereitschaft der Wagniskapitalgesellschaften in der Biotech-Branche nahm endlich wieder zu – zwar gering, aber immerhin. Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Investitionen in deutsche Biotech-Firmen um 9 auf 216 Mio. erhöht.

So erfreulich das auch alles ist, zur Euphorie besteht noch kein Anlass. Die gab es ja schon einmal Mitte der 90er Jahre und wir wissen ja alle noch, was aus den prächtigen Prognosen mit ihren steilen Umsatzkurven etc. geworden ist. Wir warten noch heute darauf. Und so muss man kein Prophet sein, um zu behaupten: Es wird noch Jahre dauern, bis das Licht am Ende des Tunnels nicht nur zu sehen, sondern auch erreicht ist.

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