Editorial

Neue Maus aus Mäusehaut

Embryonale Stammzellen, liebe LABO-Leser, sind schon seit Jahren die Hoffnungsträger der Biomediziner. Denn sie besitzen die einzigartige Fähigkeit, sich in die unterschiedlichsten Zelltypen wie beispielsweise Nerven-, Haut- und Leberzellen weiterentwickeln zu können und bieten damit völlig neue Möglichkeiten für die Transplantationsmedizin und Therapie von Krankheiten. So haben Forscher unter anderem die Hoffnung, mit neu gezüchteten Nervenzellen Parkinson-Kranke heilen zu können oder Organe zu gewinnen, die ohne Abstoßungsreaktionen – weil sozusagen körpereigen – transplantiert werden könnten. Patienten wären dann auch nicht mehr auf Organspender angewiesen.

Die Gewinnung menschlicher embryonaler Stammzellen ist aber nicht nur in Deutschland ethisch höchst umstritten, da dabei werdendes Leben zerstört wird. Doch diese Debatte steht auf einem anderen Blatt und soll hier nicht geführt werden – sie ist womöglich ohnehin bald gegenstandslos. Denn Wissenschaftler sind jetzt dem lange gehegten Traum, ausgereifte Körperzellen in Stammzellen zurückzuverwandeln, zumindest bei Mäusen einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

Allerdings mussten die Forscher zu drastischen Maßnahmen greifen, um die Hautzellen einer Maus in ihren embryonalen Zustand zu „reprogrammieren“. Denn sie schleusten mit Hilfe von Retroviren Gene ein, die bei der Embryonalentwicklung eine entscheidende Rolle spielen. Den Grundstein dafür hatte eine Forschungsgruppe um Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto schon vor rund einem Jahr gelegt. Sie hatte zuvor untersucht, welche Gene in embryonalen Zellen dafür sorgen, dass sie ihre Pluripotenz beibehalten. Dabei stießen sie auf die Gene für die 4 Proteine Oct4, Sox2, c-Myc und Klf4, die sie – wie schon erwähnt – mittels Retroviren in die Epithelzellen einer Maus transferierten.

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Das Ergebnis war damals aber noch unbefriedigend, denn die auf diese Weise „verjüngten“ Zellen glichen doch nur zum Teil embryonalen Stammzellen. Der jetzt gemeldete Durchbruch basiert darauf, dass nach dem Einbau des Genquartetts aus dem Gemisch unterschiedlich gut umprogrammierter Zellen genau diejenigen „herausgefiltert“ werden konnten, die die Proteine Nanog und Oct4 herstellen. Unabhängig von Yamanaka bestätigte auch ein Forscherteam um Rudolph Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, dass die derart gewonnenen Stammzellen voll funktionsfähig seien und sich in jeden beliebigen Zelltyp umwandeln lassen.

Ein Hindernis für Anwendungen bei menschlichen Zellen muss allerdings noch beseitigt werden: Die miteingeschleusten Virengene müssen „ausgeschaltet“ oder ein anderes Transportmittel für das Genquartett gefunden werden. Denn ein Fünftel der aus diesen reprogrammierten Zellen geklonten Mäuse entwickelte Tumore. Und daran wird jetzt fieberhaft gearbeitet. Also denken Sie schon bei Ihrem nächsten Sonnenbad daran, dass Ihnen Ihre Haut eventuell einmal das Leben retten kann.

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