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Chemie-Geschichtliches in Bunsens "Chemie-Palast"

Das alte Chemische Laboratorium der Universität Heidelberg bietet vom 21. bis 23. März den passenden Rahmen für die Vortragstagung der Fachgruppe Geschichte der Chemie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Ein breites Spektrum an Vorträgen beleuchtet vergangene Entwicklungen und regt die Teilnehmer zur Diskussion an.

Im Eröffnungsvortrag wird mit Bunsens ehemaliger Wirkungsstätte gleich der Tagungsort und seine Vergangenheit eingehend vorgestellt. Mit den Beiträgen "Die Grube Messel als Mineralölwerk" und "Chemie-Aromaten aus fossilen und nachwachsenden Rohstoffen" gelingt zudem der Brückenschlag zu aktuellen Diskussionen rund um die Energie- und Rohstoffgewinnung. Aber auch die deutsche Geschichte hat ihren Platz: In Heidelberg wird der erste Teil einer Vortragsreihe zur Chemischen Gesellschaft der DDR präsentiert.

Nach der Eröffnung der Tagung durch den Fachgruppenvorsitzenden Prof. Dr. Carsten Reinhardt, Universität Bielefeld, entführt Dr. Christine Nawa, Universität Regensburg, die Zuhörer in "Bunsens "Chemie-Palast": Das Heidelberger Chemische Laboratorium von 1855". Als eines der ersten separaten Chemielaboratorien an einer deutschen Universität überhaupt steht es beispielhaft für die Abgrenzung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert von den damals etablierten Fächern. Nawa zeigt, wie das Gebäude wegen seiner technischen Strukturierung zum Maßstab für die neuen Laboratoriumsbauten wurde, die in den folgenden Jahren in großer Zahl entstanden. Die Bedeutung der Örtlichkeit zeigt sich auch darin, dass die GDCh Bunsens altes Laboratorium 2011 als "Historische Stätte der Chemie" auszeichnete.

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Dr. Wolfgang Scheinert, Leverkusen, erinnert in seinem Beitrag "Die Grube Messel als Mineralölwerk" an die Industriegeschichte des heutigen UNESCO-Weltnaturerbes. Scheinert zeichnet den gesamten Weg der Grube nach, vom Erwerb der Grubenfelder Messel I und II durch den Bankier Cäsar Straus, der den Beginn der wirtschaftlichen Nutzung im engeren Sinne kennzeichnet, über die Zeit der Zugehörigkeit zum IG Farben-Konzern und die Bedeutung als Rohstoffquelle im Dritten Reich bis zur Stilllegung der industriellen Aktivitäten Ende der 1960er Jahre.

Thematisch benachbart spricht Dr. Dr. Gerd Collin, Duisburg, über "Chemie-Aromaten aus fossilen und nachwachsenden Rohstoffen". Ausgehend von der Gewinnung aromatischer Kohlenwasserstoffe als chemische Inhaltsstoffe des Steinkohlenteers zeigt der Vortragende, wie diese Verbindungen im 19. Jahrhundert zu wichtigen industriellen Ausgangsstoffen der Synthesefarben avancierten. Sie verdrängten in wenigen Jahrzehnten die in der Textilfärberei genutzten Naturfarbstoffe wie Krapprot und Indigo fast vollständig und verschafften der deutschen Chemieindustrie Weltgeltung. Ebenso zeigt Collin ihre Bedeutung als Wegbereiter der Kunststoffe oder als Ausgangsstoffe für die Elektrotechnik und Elektrochemie. Natürlich wird auch der Übergang zur Petrochemie betrachtet und der Blick auf Gegenwart und Zukunft gelenkt: Der Wandel hin zu nachwachsenden Rohstoffen als Basis, ohne damit in Konkurrenz zu Nahrungspflanzen zu treten.

Renate Kießling, Geschäftsführerin der Chemischen Gesellschaft der DDR von 1987 bis zur ihrer Auflösung 1990, greift die innerdeutsche Geschichte auf. Ihr Vortrag "Die Chemische Gesellschaft der DDR: Teil 1 - Die Gründungsgeschichte" widmet sich den Anfängen der wissenschaftlichen Vereinigung und den Schwierigkeiten, die Chemiker im Ostteil Deutschlands auf dem Weg dorthin zu überwinden hatten. Dabei wird auf der Grundlage bisher nicht ausgewerteter Quellenmaterialien die Gründungsgeschichte der "Chemischen Gesellschaft in der DDR" nachgezeichnet. So hatte sich bereits Ende 1947 Prof. Erich Thilo, kommissarischer Direktor des Chemischen Instituts der Universität Berlin, bemüht, seine Kollegen für die Gründung einer chemie-wissenschaftlichen Gesellschaft im sowjetisch besetzten Deutschland zu gewinnen. Nach mehreren erfolglosen Anläufen konnte dann 1953 endlich die Gründungsversammlung abgehalten werden, auf der Thilo zum Vorsitzenden des ersten Vorstands gewählt wurde.

Auf der Tagung in Heidelberg werden zudem der Bettina-Haupt-Förderpreis und der Paul-Bunge-Preis der Hans-R.-Jenemann-Stiftung verliehen. Ersteren erhält Dr. Thomas Steinhauser in Anerkennung seiner Dissertation zur historischen Entwicklung der Kernmagnetresonanzspektroskopie (NMR) bis ins Jahr 1980. Darin hat er dezidiert und in vorbildlicher Weise dargelegt, wie die NMR nicht nur direkten Einfluss auf die Entwicklung der Chemie nahm, sondern auch umgekehrt durch die chemische Forschung weiterentwickelt wurde. Steinhauser arbeitet zudem heraus, wie sich die NMR auch in andere Forschungsfelder wie Biologie oder Medizin ausweiten konnte und von diesen Feldern wiederum beeinflusst wurde.

Preisträger des Paul-Bunge-Preises, der im jährlichen Wechsel auf den Vortragstagungen der GDCh-Fachgruppe Geschichte der Chemie und den Hauptversammlungen der Deutschen Bunsen-Gesellschaft verliehen wird, ist Prof. Dr. Marco Beretta, Universität Bologna. Beretta wird für sein Buch "The Alchemy of Glass: Counterfeit, Imitation and Transmutation in Ancient Glassmaking" ausgezeichnet. Darin hat der Preisträger tiefgreifende und überraschend neue Einblicke in die antike Glasherstellung herausgearbeitet und gezeigt, dass sie letztlich zu den frühen Anfängen der Chemie zu zählen ist.

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