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Urban Mining: Der Schatz urbaner Rohstoffe

Im Gebäudebestand der Bundesrepublik lagern 110 Mio. Tonnen Metalle. Mit einer digitalen "Rohstoffschatzkarte" lässt sich dieser Bestand erkunden und die zukünftige Nutzung analysieren.

Rohstoffe sind ein knappes Gut und müssen mit viel Aufwand in Bergwerken abgebaut werden. Ein großer Teil der weltweit vorhandenen Kupfervorkommen lagert bereits im aktuellen Gebäudebestand. Statt in der Natur zu schürfen, können Kupfer und andere Metalle auch beim Abbruch von Immobilien zurückgewonnen werden.

Urban Mining heißt dieses Konzept, das Metropolregionen als oberirdisches Rohstofflager betrachtet. Sein Potenzial lässt sich mit zwei Zahlen verdeutlichen: Allein die 2,6 Mio. Tonnen Kupfer, die bislang in der Bundesrepublik verbaut worden sind, haben einen Verkehrswert von rund 19 Mrd. Dollar.

Die systematische Rückgewinnung von Rohstoffen aus abbruchreifen Gebäuden würde Deutschland mehr Unabhängigkeit vom Weltmarkt geben. Ein Team um Professorin Liselotte Schebek vom Fachgebiet Industrielle Stoffkreisläufe der TU Darmstadt wird eine Rohstoff-Inventur im Rhein-Main-Gebiet machen und Kriterien und Hilfsmittel für die Bewertung der Rohstoffgehalte und für die Planung von Umbau oder Abriss von Immobilien entwickeln.

Das Forschungsvorhaben mit dem Titel "Techno-Ökonomische Potenziale der Rückgewinnung von Rohstoffen aus dem Industrie- und Gewerbegebäude-Bestand - PRRIG" wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. "Es gibt in Deutschland keine präzisen Angaben darüber, welche Rohstoffe in den Altbeständen verbaut worden sind und wie viel dort lagert. Auch über die mögliche Schadstoffbelastung ist wenig bekannt", sagt Schebek.

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Industrie- und Gewerbeimmobilien im Fokus

Wie viele Rohstoffe lagern in Alt-Immobilien? Darüber gibt es keine präzisen Daten. (Bild: Wolf Hertlein)

"Deshalb fällt es vielen Eigentümern schwer, den ökonomischen Wert ihrer Immobilie genau zu beziffern und zu entscheiden, was bei einem Leerstand zu tun ist." Schebek kooperiert bei dem Verbundprojekt mit Professor Hans-Joachim Linke vom Fachgebiet Landmanagement und Professor Christoph Motzko vom Institut für Baubetrieb sowie der Adam Opel AG und dem Dienstleister Re2areaGmbH. Unterstützt wird das Forschungsvorhaben von assoziierten Partnern wie der Fraport AG und dem Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main.

Bei der Rohstoff-Inventur konzentrieren sich die Forscher auf Industrie- und Gewerbeimmobilien. Diese Gebäude sind technisch hochwertiger ausgestattet und haben einen kürzeren Nutzungszeitraum als andere Immobilien. "Bei Industrie- und Gewerbeimmobilien fallen technische und wirtschaftliche Nutzungsdauer auseinander", erklärt Linke. "Wenn sie nicht mehr den Bedürfnissen und Anforderungen der Betreiber entsprechen, werden sie aufgegeben, obwohl sie technisch noch in Ordnung sind. Dann muss über die Zukunft der Immobilie entschieden werden."

Weil Kommunen zunehmend im aktuellen Bestand bauen lassen müssen, brauchen Eigentümer empirische Daten für die Nutzungsentscheidung. "Es fehlt an strukturierten Bewertungsalgorithmen und Dienstleistungskonzepten für die Revitalisierung solcher Immobilien", sagt Motzko. "Wir brauchen Daten, um die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Umnutzung, Rückbau oder Abbruch eines Gebäudes kalkulieren zu können."

Schebek interessiert sich zudem für Materialflüsse. "Wir fragen uns, wo sich Rohstoffe im Baubestand befinden und wie, wann und unter welchen Bedingungen sie wieder zurückgewonnen werden können? Wir sollten auch dahin kommen, beim Bau einer Immobilie schon an die spätere Wiederverwertung zu denken und entsprechende Recyclingtechniken vorzuhalten", sagt die Chemikerin.

Im Rahmen des Forschungsvorhabens werden die Projektpartner den Gebäudebestand im Rhein-Main-Gebiet über Flurkarten, Luftbilder und Flächennutzungspläne kartieren. Sie werden auch eine Gebäudetypologie entwickeln. Dabei soll jedem Gebäudetyp der Bauzeit-typische Rohstoffanteil zugeordnet werden. Aus der Gebäudetypologie sollen Schlussfolgerungen gezogen werden, welche Rohstoffe in Lagerhallen, Bürogebäuden, Silos, Kasernen, Einkaufszentren oder Krankenhäusern verbaut worden sind. Zusammen mit den Daten zum Gebäudebestand ergibt sich daraus ein Rohstoffkataster für die gesamte Rhein-Main-Region.

Grenzen der Rohstoff-Inventur

"In Kooperation mit der Adam Opel AG werden wir auch Strategien für historisch gewachsenen Industrieanlagen entwickeln", sagt Motzko. Und Linke ergänzt: "Es geht darum, übertragbare Daten zu generieren. Die Gebäudetypologie, das Materialflussmodell und die Planungshilfen für Gebäudeeigentümer sollen bundesweit nutzbar sein. Wir werden generelle Empfehlungen für die Sichtung der Rohstoffinformation und die Entwicklung des Gebäudebestands machen. Bei der Rohstoff-Inventur im Rhein-Main-Gebiet müssen wir uns allerdings auch Grenzen setzen. Wir können nicht jedes einzelne Gebäude kartieren. Wir werden eine lernende Datenbank installieren, die in den nächsten Jahren weiter aufgestockt wird."

An Praxisbeispielen werden die Partner prüfen, ob sich mit den erhobenen Daten tatsächlich attraktive Nutzungskonzepte für leer stehende Immobilien entwickeln lassen. Die Partner werden auch Szenarien für die Zukunft des Immobilienmarkts entwerfen. Die Nutzungsdauer der Gebäude wird immer kürzer, weil sich die Arbeitsbedingungen rasant ändern.

In der Automobilindustrie etwa wird auf immer kleinerer Fläche produziert. Es gibt kaum noch Lagerhaltung, weil die Bauteile genau zur rechten Zeit angeliefert und montiert werden. Gebäude sind heute nur noch Hüllen für Maschinenparks - Skelettbauten, die im besten Fall zerlegt und neu zusammengefügt werden.

Aus der Rohstoffperspektive betrachtet, ist die Vision des Urban Minings radikal: Gebäude werden sofort recycelt, wenn ihre wirtschaftliche Lebensdauer zu Ende gegangen ist. Wird es in Zukunft noch Industriedenkmäler wie den zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Stahlkoloss Völklinger Hütte geben?

"Ganz sicher", meint Schebek. "Solche herausragenden Industriegebäude können aber nur ein kleiner Teil des großen Gebäudebestands sein. Die übrigen Industriegebäude sind dann vielleicht nur noch zweckmäßige Bauten auf Zeit, die eine neue Zukunft als urbanes Rohstofflager haben."

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