Kampf gegen Krebszellen

Zuschauerzellen bringen Killerzellen in Schwung

Natürliche Killerzellen spielen eine zentrale Rolle beim Kampf des Immunsystems gegen infizierte oder tumorverursachende Zellen. Auf ihrer Suche zum Beispiel nach Krebszellen begegnen Killerzellen auch anderen Zell-Typen, insbesondere sogenannten unbeteiligten Zellen oder Zuschauerzellen. 

Dr. Bin Qu hat untersucht, wie sich Killerzellen im Gewebe bewegen. (Foto: Universität)

Nun haben Wissenschaftler der Universität des Saarlandes herausgefunden, dass die Anwesenheit dieser unbeteiligten Zellen die Effizienz der Killerzellen bei ihrer Suche nach Krebszellen nicht behindert, sondern ganz unerwartet steigert, und zwar durch die Ausschüttung von Sauerstoffradikalen. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich neue therapeutische Ansätze. Die Studie ist im Fachmagazin Scientific Reports erschienen.

Das Immunsystem des menschlichen Körpers bekämpft abnormale Zellen wie Tumorzellen oder virusinfizierte Zellen unter anderem mithilfe von sogenannten natürlichen Killerzellen. Diese wandern durch das Körpergewebe und suchen zum Beispiel nach Krebszellen, die sie bei Kontakt abtöten, indem sie Stoffe absondern, die die kranken Zellen vernichten.

Auf ihrer Suche treffen die Killerzellen nicht nur auf Krebszellen, sondern auch auf völlig unbeteiligte Zellen, die es zuhauf im organischen Gewebe gibt. Da diese bei Kontakt erst als unbeteiligt, also als Nicht-Krebszelle, identifiziert werden und dann zur weiteren Suche umgangen werden müssen, gingen Forscher bisher davon aus, dass diese unbeteiligten Zellen die Suche erschweren und das Abtöten der Krebszellen verlangsamen.

Anzeige

Überraschenderweise ist aber das Gegenteil der Fall: Forscher des Sonderforschungsbereiches SFB 1027 der Universität des Saarlandes konnten nun nachweisen, dass die Effizienz der Killer durch die Anwesenheit unbeteiligter Zellen gesteigert wird: je mehr unbeteiligte Zellen vorhanden sind, desto schneller werden alle Krebszellen abgetötet.

Die Experimente, die unter der Leitung von Dr. Bin Qu im Institut für Biophysik der Saar-Uni durchgeführt wurden, zeigten zudem, dass die Killerzellen sich offenbar schneller auf die Krebszellen zubewegen, je mehr unbeteiligte Zellen im Gewebe vorhanden sind. Obgleich die unbeteiligten Zellen nach wie vor Hindernisse darstellen, sagten Modellrechnungen des theoretischen Physikers Prof. Heiko Rieger voraus, dass die Suche nach Krebszellen bei einer hinreichend großen Beschleunigung der Killer-Migration tatsächlich effizienter wird, wenn mehr unbeteiligte Zellen in der Nähe sind.

Die entscheidende Frage, die sich die Forscher stellten, war dann natürlich, auf welche Weise die unbeteiligten Zellen die Killerzellen beschleunigen. Auch diese Frage konnten sie beantworten. Entscheidend für die Beschleunigung der Killerzellen sind so genannte Sauerstoffradikale wie H2O2. Und in der Tat fanden Dr. Qu und ihre Mitarbeiter, dass die H2O2-Konzentration in den Laborversuchen höher ist, je mehr unbeteiligte Zellen vorhanden sind. Die unbeteiligten Zellen produzieren offenbar H2O2, geben  es in die Umgebung ab und beschleunigen so Killerzellen, die in ihre Nähe kommen.

Die Entdeckung dieses Wirkmechanismus könnte neue Möglichkeiten im Kampf gegen Tumoren eröffnen, indem zum Beispiel weiter erforscht wird, wie sich eine gezielte Änderung der H2O2-Konzentration auf das Tumorwachstum auswirkt. Natürlich ist es noch ein weiter Weg bis zu einer klinischen Anwendung, aber generell erscheint der Ansatz, durch gezielte Beeinflussung der unmittelbaren Tumor-Umgebung die natürliche Immunreaktion zu verbessern, sehr vielversprechend und komplementär zu bisherigen Immuntherapie-Strategien, die die Anzahl von Killerzellen oder deren Aktivierungsgrad zu verändern suchen.

Die Studie ist in enger Kooperation zwischen Medizin, Physik, und Bioinformatik entstanden und stellt ein Paradebeispiel für die interdisziplinäre Forschung im Sonderforschungsbereich SFB 1027 über „Physikalische Modellierung von Nicht-Gleichgewichtsprozessen in biologischen Systemen“ dar. Insgesamt waren vier Teilprojekte des SFB an der Studie beteiligt. Teilprojekt A2 von Dr. Bin Qu und Prof. Markus Hoth (beide Biophysik, Universität des Saarlandes), Teilprojekt A3 von Prof. Heiko Rieger (Theoretische Physik, Universität des Saarlandes), Teilprojekt C4 von Prof. Ivan Bogeski (jetzt Uni Göttingen) und Teilprojekt C3 von Prof. Volkhard Helms (Bioinformatik, Universität des Saarlandes). 

Die Resultate der Studie wurden unter dem Titel  „Bystander cells enhance NK cytotoxic efficiency by reducing search time“ am 13. März in der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht: http://www.nature.com/articles/srep44357.

Kontakt:

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige

Integriertes Datenmanagement

Ihre im Labor erzeugten Daten können Sie sicher und strukturiert in einem System sammeln. NEC und labfolder bieten ein Mittel für die effiziente Verwaltung großer wissenschaftlicher Datensätze an.

mehr...

Mechanobiologie

Nano-Sensor misst Faserspannung

Mit Hilfe von Simulationen gelang es einem Forscherteam unter Leitung von ETH-Professorin Viola Vogel ein fadenförmiges Peptid zu entwickeln, das den Spannungszustand von Gewebefasern erkennen kann. Das ebnet nun den Weg für komplett neue...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Highlight der Woche

Integriertes Datenmanagement
Die Herausforderung bei der Digitalisierung des Laboralltags besteht im Wechsel von Papierlaborbüchern und Computerdateien zu einer Datenmanagementsoftware, die große Datensätze strukturiert innerhalb eines einzigen Systems sammelt.

Zum Highlight der Woche...

Onkologie

Mit Zuckermolekülen Tumore aufspüren

Wissenschaftler der Universität Würzburg haben eine komplexe Zuckerstruktur synthetisiert, die spezifisch an das Tumorprotein Galectin-1 andockt. Das könnte einmal dabei helfen, Tumore frühzeitig zu erkennen und zielgenau zu bekämpfen.  

mehr...

Newsletter bestellen

Immer auf dem Laufenden mit dem LABO Newsletter

Aktuelle Unternehmensnachrichten, Produktnews und Innovationen kostenfrei in Ihrer Mailbox.

AGB und Datenschutz gelesen und bestätigt.
Zur Startseite