Interview

Starkes Engagement für die Life Sciences

Mit der Life Science Factory will Sartorius den Standort Göttingen zum Hub in den Lebenswissenschaften machen. Interview mit Dr. Sven Wagner, Geschäftsführer der neu gegründeten Life Science Factory gGmbH.

LABO: Herr Dr. Wagner, im Sommer 2018 hat Sartorius die Life Science Factory gegründet. Welche Überlegungen haben dazu geführt?

Dr. Sven Wagner © Sartorius

Wagner: Die Gründung basiert auf einer Vielzahl von Überlegungen. Ein ganz wesentlicher Grund ist, dass Sartorius gerade zwei Göttinger Standorte zusammengeführt und den Campus etabliert hat. Im vergangenen Jahr haben wir unseren alten, innenstadtnahen Standort – an dem das Unternehmen seit 1898 ansässig war – aufgelöst und für das frei werdende Areal einen Masterplan entwickelt, in dessen Mittelpunkt die Aspekte „Bilden, Gründen, Wohnen“ stehen. Zum Thema Gründen ist die Life Science Factory gGmbH ins Leben gerufen worden. Daneben sieht der Masterplan sowohl die Ansiedelung eines „Gesundheitscampus“ sowie neuen Wohnraums vor.

Wenn man sich mit dem Standort Deutschland beschäftigt, stellt sich im wissenschaftlichen Bereich das unternehmerische Gründen ja oftmals als etwas Schwieriges dar. In Göttingen findet man eine exzellente Wissenschaft – aber es kommt nicht häufig zur erfolgreichen Translation. Dies ist eine Erkenntnis, die uns als Konzern zu denken gibt. Schließlich leben Unternehmen wie z. B. Sartorius von der Forschung und von der Entwicklung neuer Lösungen. Weil wir uns für innovative, differenzierte Technologien interessieren, kommen wir weltweit mit vielen jungen Unternehmen oder gründungswilligen Personen in Kontakt – das hat uns auch für Möglichkeiten am Standort Göttingen sensibilisiert.

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LABO: Welchen Bedarf haben Start-ups aus dem naturwissenschaftlichen Umfeld?

Wagner: Gerade in den Naturwissenschaften besteht ja häufig der Bedarf an Laborflächen. Die Stadt Göttingen betreibt hier in direkter Nachbarschaft einen so genannten Science-Park, wo kleinere und etwas größere Firmen sich Laborfläche mieten können. Aber gerade die kleinen Firmen brauchen zuweilen noch mehr: Sie benötigen oftmals kein großes Labor, ggf. sogar nur einige Quadratmeter Laborfläche und kleine Büroarbeitsplätze für die ersten Schritte außerhalb der Uni. Ferner brauchen sie Informationen, Netzwerke und evtl. Zugang zum Kapitalmarkt sowie den Kontakt zu Gleichgesinnten, um sich gegenseitig zu inspirieren. Entsprechend gestaltet sich das Angebot, das wir mit der Life Science Factory in Göttingen etablieren wollen. In Amerika werden solche Konzepte insbesondere in Clustern wie Boston, Cambridge, New York, San Diego, San Francisco sehr erfolgreich betrieben; in Europa hingegen besteht hier noch echter Handlungsbedarf.

LABO: Was können Gründer von der Life Science Factory erwarten?

Wagner: Was wir Gründungswilligen anbieten, ist eine Infrastruktur, bestehend aus Co-Working-Bereichen, aber auch aus kompletten Laborbereichen. Das differenziert uns von anderen Inkubatoren. Wenn jemand eine Idee hat, kann er sich bei uns melden und quasi am nächsten Tag anfangen. Wir bieten nicht nur eine leere Bench, sondern stellen ein multifunktionales und voll ausgestattetes Labor zur Verfügung.

LABO: Wie genau werden die Labore ausgestattet sein?

Wagner: Die Labore werden mit einem Standard- equipment ausgestattet sein und z. B. mit Zellkultur und PCR alles bieten, um „normale“ Versuche durchführen zu können. Von einem Spezial- equipment, das man nur für einen ganz bestimmten Versuch benötigt, sehen wir ab. Ein Interessent kann sich eine oder mehrere Benches mieten, ihm stehen aber auch Co-Working-Spaces zur Verfügung, z. B. für Recherchetätigkeiten. Für einen Gedankenaustausch finden sich nebenan Leute mit ähnlichem Gründer-Spirit. Unser Angebot ist eingebettet in ein Programm mit vielen Veranstaltungen, z. B. mit Vorträgen von Patentanwälten oder Businessplan-Experten oder auch Coaches. Ein weiteres Angebot wird übrigens auch ein so genanntes Dry-Lab sein, das die Möglichkeit bieten wird, Prototypen mittels 3D-Drucker und Laser-Cutter zu erstellen.

LABO: Bedeutet das, dass mehrere Teams gleichzeitig in einem Labor direkt nebeneinander sitzen bzw. arbeiten?

Wagner: Ja, die Teams sind nicht zwingend räumlich getrennt. Falls gewünscht, kann aber eine räumliche Trennung herbeigeführt werden. Für diejenigen, die etwas Abgeschlossenes für sich alleine haben möchten, werden wir auch kleine, sogenannte Lab-Suites anbieten. Heute lassen sich Labore ja auch so planen, dass sie flexibel umgestaltet und umgebaut werden können. Das ist eine wichtige Grundvoraussetzung, um sich an einen entwickelnden Markt anpassen zu können.

LABO: Ist das Angebot offen für jedermann?

Wagner: Das Konzept der Life Science Factory ist international ausgerichtet, und unser Angebot ist offen für jedermann. Wir wollen mit unserem Engagement keinesfalls ausschließlich auf den Standort Göttingen schauen. Das Ganze soll selbstverständlich auch Gründungswillige von anderen Städten und Regionen anziehen und gern internationale Wirkung entfalten. Bei der Life Science Factory handelt es sich ja um eine gGmbH, also eine gemeinnützige GmbH. Ich hatte ja bereits erwähnt, dass die Translation hierzulande weniger gut funktioniert, weil das Bewusstsein für Gründung nicht sonderlich stark ausgeprägt ist. Deshalb liegt es uns besonders am Herzen dieses Gründungsbewusstsein nachhaltig zu stärken. Dazu haben wir bereits in der Vergangenheit Aktivitäten gestartet, die wir weiterführen werden. Eine davon nennt sich „YES“ und steht für „Young Entrepreneurs in Science“. Diese Veranstaltungsreihe der Falling Walls Foundation, bei der die Teams ausgiebig gecoacht worden sind, wurde 2018 zum ersten Mal in Göttingen durchgeführt. Um Studenten und Doktoranden das Thema Gründung näher zu bringen, werden wir diese Aktivität in den nächsten Jahren weiter unterstützen. Ein weiteres Beispiel sind die sogenannten Life Science FDays® von Fraunhofer, die Sartorius zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft in Göttingen veranstaltet hat. Hierbei handelt es sich um ein Accelerator-Programm, in dem Teams aus verschiedenen Fraunhofer-Instituten im Gründungsprozess unterstützt werden. 

LABO: Übernimmt Sartorius bei den Start-ups die Rolle eines VC-Gebers?

Wagner: Nein. Unser Geschäftsfeld ist ein anderes, und wir verfolgen andere Ziele. Aber: Die Life Science Factory wird als gemeinnützige GmbH Gewinne, die damit erwirtschaftet werden, in die lokale Förderung von Forschung und Wissenschaft investieren. Wir werden z. B. im Rahmen unseres Programms hervorragende Köpfe aus den Life Sciences zu Vorträgen nach Göttingen holen, die Gründern und Gründungswilligen auch Rede und Antwort in Sachen Gründung stehen. Außerdem werden wir verschiedene Promotionsstipendien und Promotionspreise hier in Göttingen ins Leben rufen.

LABO: Wer sind die Gesellschafter der Life Science Factory gGmbH?

Wagner: Alleinige Gesellschafterin der Life Science Factory ist Sartorius. Damit ist sie eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Sartorius AG. 

LABO: Wer sind Ihre Partner?

Wagner: Wir arbeiten lokal eng mit der Gründungsförderung der Universität zusammen, aber auch mit dem Südniedersächsischen Innovationscampus, der inzwischen auch einen Fokus auf den Bereich Life Sciences gelegt hat. Für Sartorius bin ich dort in der Jury vertreten, wenn es darum geht Pitches zu bewerten.

Aus unserer Sicht schließen wir eine bestehende Lücke im System, indem wir die ersten Schritte aus der Hochschule heraus erleichtern. Überregionale Partner sind z. B. die Organisatoren der Yes-Initiative.

LABO: Ist die Life Science Factory eher Accelerator oder eher Inkubator?

Wagner: Sowohl als auch – der Fokus liegt allerdings überwiegend auf Inhalten, die eher durch Inkubatoren abgebildet werden. Wir wollen grundsätzlich keine Dauermieter in der Life Science Factory haben, sondern sehen unser Angebot als eine zeitlich befristete Angelegenheit. Jetzt stellt sich natürlich automatisch die Frage: Was ist eine adäquate Zeit dafür? Unsere Antwort lautet: Das wird sich finden. Vergleichbare Ansätze in den USA haben in der Regel eine Verweildauer von 18 Monaten.

LABO: 18 Monate sind recht schnell vorbei…

Wagner: Ja, durchaus. Aber wenn eine junge Firma, die über eine Idee verfügt, nach 18 oder vielleicht 24 Monaten immer noch nicht in der Lage ist zu wissen, ob das Geschäftsmodell trägt, dann muss man natürlich darüber reden. Unsere Vorstellung ist schon, das Angebot zeitlich zu begrenzen.

LABO: Entscheidend ist ja, ob das Start-up dann einen Investor gefunden hat.

Wagner: Ja, die Seed-Finanzierung ist noch relativ einfach, aber danach wird es für die Unternehmen schwierig. Und es ist sicher ein Bestreben der Life Science Factory durch Veranstaltungen auch Kapitalgeber auf den Standort Göttingen aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass man sich nicht nur in München, Heidelberg, Paris oder London umschauen muss. Auch bei uns in Niedersachsen gibt es für Wagniskapitalgeber sehr interessante Dinge zu entdecken.

LABO: Wie erfahren Gründungswillige von der Life Science Factory?

Wagner: Wir sind gerade dabei ein Kommunikationskonzept zu erstellen; das ist für ihre Etablierung sehr wesentlich. In Göttingen wird das Konzept problemlos funktionieren, hier sind wir bereits Teil des Systems und in Kontakt mit den Stakeholdern. Für die überregionale Kommunikation werden wir noch entsprechende Maßnahmen entwickeln. Dafür müssen wir aber erst noch genau festlegen, wie unser Konzept im Detail aussieht.

LABO: Gehen die Gründer bzw. Gründungswilligen eine Verpflichtung ein, wenn sie das Programm inklusive das Mieten einer Bench für sich nutzen?

Wagner: Nein, unsere Mieter gehen keine Verpflichtung ein. Wir bieten ihnen ein Angebot aus zu mietenden flexiblen Labor- und Büroflächen, eingebettet in ein System aus Veranstaltungen und Netzwerken. In welchem Umfang die Teams dieses nutzen, ist ihrer Entscheidung überlassen.

LABO: Wann werden Sie mit der Life Science Factory starten?

Wagner: Wir werden auf dem alten Sartorius-Gelände ein neues Gebäude errichten und dieses 2022 in Betrieb nehmen – die Planungen dazu laufen bereits. Ab Februar 2019 werden wir der Factory aber schon mit einem Gebäude in der Göttinger Innenstadt ein Gesicht geben. Dort kooperieren wir mit dem lokalen Co-Working Anbieter StartRaum, mit dem wir zusammen eine Immobilie gemietet haben, die gerade hergerichtet wird.

LABO: Sie selbst verantworten bei Sartorius das Business Development. Ist das für Sie die ideale Kombination, dass Sie gleichzeitig einer der beiden Geschäftsführer der Life Science Factory sind? Sie sitzen ja praktisch an der Quelle neuer Geschäftsideen…

Wagner: Grundsätzlich sind beides sehr spannende Aufgaben, die sich auch inhaltlich gut ergänzen, weil beide Aufgaben viel mit wissenschaftlichen Innovationen zu tun haben. Die Aktivitäten der Life Science Factory sind jedoch vollkommen losgelöst von Sartorius. Das heißt: Eine inhaltliche Passung der Teams, die in der Life Science Factory mieten, zu Sartorius ist in keiner Weise gefordert. Es gilt hier nicht, den Deal-Flow für Sartorius zu erhöhen.

LABO: Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat Ende 2018 die Einrichtung eines „ganzheitlichen Start-up-Inkubators“ in Hamburg beschlossen. Auch dort sollen Life-Sciences-Start-ups gefördert werden. Sehen Sie diesen Inkubator in nur ca. 250 km Entfernung als Konkurrenz?

Wagner: Konkurrenz ist generell ja nichts Schlechtes. Man sollte generell nicht unterschätzen, welche Lebensqualität Göttingen hat. Ich mutmaße, dass für Gründungswillige in der Regel weniger die Stadt selbst das Entscheidende ist, sondern das, was vor Ort geboten wird, um eine Idee am besten umzusetzen. Vergleichbare Angebote wird es woanders immer geben, aber letztendlich kann das dem Standort Deutschland ja nur gut tun.

Mit der Life Science Factory wird Göttingen weiter an Attraktivität gewinnen. Wenn es uns gelingt hier eine Art Life-Science-Start-up-Hub aufzubauen, dann ist das für die Stadt von Vorteil und wird natürlich auch uns zu Gute kommen, da ein Hub ja zugleich auch ein Talentpool ist. Wir wollen ein Zahnrad im System sein, wenn es darum geht Gründungswillen zu fördern und den Standort Göttingen zu stärken. Als Unternehmen, das bald auf eine 150-jährige Geschichte in Göttingen zurückblickt, tun wir das gern und handeln dabei aus Überzeugung und Verantwortung.

LABO: Vielen Dank für das Gespräch! 

Das Interview führte Dr. Stephanie Konle.

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