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Praktische Anwendungen im Labor

Barbara Schick,

Künstliche Intelligenz im Einsatz

Wie kann künstliche Intelligenz im Labor genutzt werden? Und welche Voraussetzungen muss das Labor erfüllen? Der Autor zeigt dies anhand konkreter Beispiele aus der Lackherstellung und der Polymertechnik.

Mit der Einführung von ChatGPT im letzten Jahr hat das Interesse an künstlicher Intelligenz (KI) sprunghaft zugenommen. Dabei ist KI keine neue Erfindung: Bereits 1956, auf der Dartmouth-Konferenz, wurde das Potenzial von Maschinen zur Simulation menschlicher Intelligenz erforscht.

Der Unterschied zu damals? Heute ist die Technologie zugänglich und weit verbreitet. KI ist längst kein Forschungsprojekt mehr, sondern findet Anwendung in zahlreichen Bereichen. Während Chatbots wie ChatGPT im letzten Jahr im Fokus standen, hat die Technologie inzwischen Reife erlangt, dass sie auch in industriellen Anwendungen, etwa im Labor, eingesetzt werden kann. Aber was kann KI im Labor leisten?

Voraussetzungen für den Einsatz von KI

Jeden Tag produzieren zahlreiche Labore eine enorme Datenmenge. Das sind Messdaten, Prüfparameter oder Materialdaten, die bei regelmäßigen Qualitätsprüfungen oder bei der Entwicklung neuer Produkte generiert werden. Mit dieser massiven Datenflut gehen oft auch Probleme einher. Instrumente sind häufig nicht integriert, weshalb die Daten oft verstreut über verschiedene Prüfgeräte, Excellisten oder sogar Papierdokumenten sind. Doch selbst wenn die Daten in einer Datenbank zu finden sind, erweist sich eine umfassende Datenauswertung in der Praxis häufig als zu aufwändig. Das Ergebnis: Die Labordaten werden nicht genutzt und das Potenzial zur Optimierung von Entwicklung und Qualitätssicherung bleibt ungenutzt. So bleiben Chancen zur Effizienzsteigerung und Innovation unerschlossen.

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Bild 1: Erst eine vollständige Anbindung der Prüfgeräte und der IT-Infrastruktur bildet eine KI-fähige Datenbasis. © LabV Intelligent Solutions

Genau hier setzt die künstliche Intelligenz an. KI ist wie gemacht, um mit komplexen Daten zu arbeiten und deren volles Potenzial zu erschließen. Von der Mustererkennung über die Vorhersage von Ergebnissen bis hin zur Automatisierung von Prozessen – die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig und revolutionieren die Art und Weise, wie Labore arbeiten.

Für den erfolgreichen Einsatz von KI im Labor müssen allerdings drei entscheidende Voraussetzungen erfüllt sein: ausreichende Rechenkapazitäten, hochentwickelte Technologien zur Verarbeitung natürlicher Sprache — Natural Language Processing (NLP) — sowie eine solide strukturierte Datenbasis.

Zur Rechenkapazität gehören Hardware und Algorithmen, die eine effiziente Verarbeitung großer Datenmengen und das Durchführen komplexer Analysen in realistischen Zeiträumen ermöglichen. Der Zugang zu ausreichender Rechenkapazität ist heute recht leicht; zahlreiche Dienstleister bieten geeignete Rechenressourcen an. Anbieter für flexible und skalierbare Rechenressourcen sind beispielsweise Amazon Web Services (AWS) und Microsoft Azure. Die zweite Säule ist das Natural Language Processing (NLP). NLP ermöglicht es dem Labormitarbeiter, auf intuitive Weise mit künstlicher Intelligenz zu interagieren.

Das kann per Sprach- oder Tastatureingaben erfolgen. NLP konvertiert natürliche Sprache in ein Format, das von Computern verstanden und verarbeitet werden kann, was die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine erheblich vereinfacht. Die dritte Säule sind strukturierte und qualitativ hochwertige Daten im Labor.

Ein Schlüsselinstrument hierfür ist der digitale Zwilling, die digitale Kopie eines physischen Objektes oder Prozesses. Durch eine kontinuierliche Aktualisierung mit Echtzeitdaten ermöglicht der digitale Zwilling eine vollständige Überwachung und Analyse einer Probe im Labor. Im Laborumfeld wird mit dem digitalen Zwilling der Mehrwert der KI voll ausgeschöpft, der aus allen vier Datenebenen besteht: Rezepturdaten, technische Spezifikationen, Probendaten und Messergebnisse.

Während Rechenkapazität und Natural Language Processing leicht zugänglich sind, scheitern viele Labore an der Strukturierung ihrer Daten. Einerseits profitieren viele Labore von der Vielseitigkeit von Laborinformations- und Managementsystemen (LIMS), Proben effizient zu verwalten, Daten zu erfassen und Ergebnisse zu analysieren. Das Hauptproblem ist jedoch die Integration der Instrumente. Diese ist mit hohen Kosten verbunden, weshalb Labore häufig nur einen Teil der Messmethoden und der verfügbaren Daten einbinden. Dies führt zu manuellen Dateneingaben, einer fragmentierten und unvollständigen Datenhaltung, die sich meist nur auf das vermeintlich Wichtigste beschränkt. Dadurch können Labore nicht das volle Potenzial ihrer Daten nutzen, und einer KI würde eine umfassende und konsistente Datenbasis fehlen.

Deshalb müssen moderne Lösungen sicherstellen, dass eine vollständige und flexible Vernetzung umgesetzt wird, wenn eine KI-fähige Digitalisierungslösung geschaffen werden soll. Dabei ist häufig auch eine zusätzliche Anbindung an ERP, MES und Produktionssysteme vorteilhaft. Je mehr Daten die KI zur Verfügung gestellt bekommt, desto größer ist der "Fundus", aus dem KI schöpfen kann und desto höher wird am Ende der Nutzen für das Unternehmen.

KI im Prüflabor – wozu?

Die Einsatzmöglichkeiten von KI variieren je nach Industriezweig und Laborumgebung. Trotzdem gibt es einige typische Anwendungsfälle, die über verschiedene Branchen hinweg relevant sind. Anhand einiger Beispiele soll hier veranschaulicht werden, wozu KI derzeit fähig ist und was die Zukunft bringen wird.

Beispiel: Entwicklung eines neuen Farblacks

Das erste Beispiel stammt aus einem Labor der Farben- und Lackbranche. Es zeigt, wie KI den Entwicklungsprozess effizienter gestalten kann. Üblicherweise beginnt das Unternehmen mit der Definition der Kundenanforderungen, etwa einem Lack für den Flugzeugbau, der leichter sein soll, um Gewicht einzusparen. Aus diesem Anforderungsprofil leitet das Labor die Zielparameter ab, die die Endrezeptur erfüllen muss, wie Viskosität, Dichte oder chemische Beständigkeit.

Im nächsten Schritt steht die Auswahl der Startrezeptur an, die Ausgangsbasis für die Entwicklung und Prüfung neuer Varianten. Dabei spielt die Nutzung historischer Daten eine zentrale Rolle, da diese den reichen Erfahrungsschatz aus vergangenen Entwicklungsprojekten des Unternehmens enthalten. Künstliche Intelligenz kann hier unterstützen, indem sie historische Daten durchforstet und tiefgreifende Analysen vornimmt (s. auch Bild 2). So können etwa Zusammenhänge zwischen der Viskosität des Lacks und einem verwendeten Lösungsmittel oder Additiv identifiziert werden. Das Know-how des Mitarbeiters wird durch eine solide Datenbasis ergänzt, auf die sich die Entscheidungen stützen können. Insgesamt steigt so die Wahrscheinlichkeit, zeitnah bzw. schneller eine erfolgsversprechende Ausgangsrezeptur zu finden.

Bild 3a: Die Grafiken 3a-c sind das Ergebnis der Aufgabe (Prompt) an das KI-Tool: „Please provide a bar graph for viscosity, UV resistance and VOC for all tested recipes“. © LabV Intelligent Solutions

Im nächsten Schritt werden dann mehrere Rezepturvarianten im Technikum zusammengemischt und mit ihnen diverse Prüfungen durchgeführt — von der Viskosität über die Dichte bis zu Aschegehalt und Farbtreue. Da alle Prüfdaten in einer zentralen Datenbank vorliegen, kann KI alle Messwerte aller Rezepturen prüfen und bei Bedarf auch Korrelationen und Zusammenhänge analysieren. Um den Zugriff auf die Daten zu erleichtern, lassen sich mit einem einzigen Prompt (Aufgabenstellung an das KI-Tool) die gewünschten Prüfdaten auch visualisieren, anhand derer das Labor die Daten interpretieren kann.

Bild 3b © LabV Intelligent Solutions

Im hier gezeigten Beispiel (Bilder 3a - c) zeigt die Rezeptur 3 die höchste Viskosität und UV-Resistenz, während die Dichte im Vergleich zur Ausgangsrezeptur niedriger ist. Diese Auswertung wäre zuvor in Excel notwendig gewesen und hätte mehrere Stunden in Anspruch genommen, was jetzt die KI auf Knopfdruck erledigt.

Bild 3c © LabV Intelligent Solutions

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Doch die Möglichkeiten von KI reichen weiter: mit einer soliden Datenbasis lassen sich Korrelationen aufdecken und erste Interpretationsideen entwickeln (s. Bild 4).

Bild 4: Diese Grafik ist das Ergebnis dieser Aufgabenstellung an das KI-Tool: Prompt 1: „Are there any correlations between the measurement data?“ (Key observations include: Density (g/cm³) and viscosity (cP): Some correlation, indicating that as the density changes, viscosity might also change; adhesion (MPa) and corrosion resistance (hrs): Positive correlation, suggesting that higher adhesion strength is associated with better corrosion resistance; abrasion resistance (mg loss/1 000 cycles) and corrosion resistance (hrs): Negative correlation, indicating that better abrasion resistance is associated with lower corrosion resistance); Prompt 2: „Please show the correlation in a correlation matrix without the weight“.

Was bedeutet das für ein Farblabor? Wenn das Labor wie in diesem Fall den Zusammenhang zwischen Dichte und Viskosität versteht, kann es den Formulierungsprozess effektiver steuern. Wenn eine Verringerung der Dichte zu einer Änderung der Viskosität führt, können andere Komponenten angepasst werden, um die gewünschten Verarbeitungseigenschaften beizubehalten. Dadurch wird der Entwicklungsprozess insgesamt präziser und effizienter.

Beispiel: Qualitätssicherung

Das zweite Beispiel betrifft die Qualitätssicherung eines Kunststoffverarbeiters, der recyceltes Polymergranulat von drei Lieferanten bezieht. Die DIN-Norm SPEC 91446 (DQL4) verlangt die Messungen von mindestens acht Parametern, darunter Viskosität, Dichte und Partikelgrößenverteilung. Bei zehn Chargen von jedem der drei Lieferanten summieren sich die Messungen auf 240 Datenpunkte. Mit einer Datenmanagement-Lösung kann das Labor die Messwerte manuell durchforsten, was bereits eine massive Datentransparenz schafft. Doch mit KI geht es noch schneller: Ein Labormitarbeiter beauftragt das KI-Tool mit einem einfachen Prompt, die Daten der Lieferanten zu vergleichen. Die KI identifiziert bei einer Lieferung von Lieferant C eine Abweichung in der Viskosität und visualisiert diese auf Anfrage mit wenigen Klicks. Das Ergebnis: tiefere Einblicke in die Labordaten, frühere Erkennung von Anomalien, schnellere Reaktionszeiten und eine erhebliche Zeitersparnis im Labor.

Bild 5: KI-Antwort auf Prompt: „Create a line plot with three lines from the viscosity for each supplier.“ © LabV Intelligent Solutions

So kann die KI eingesetzt werden, um Berechnungen der in der Qualitätssicherung oft betrachteten Prozessparameter wie CpK oder Ck auf Basis der Viskosität oder anderer Messungen schnell durchzuführen, sozusagen "Data Mining auf Knopfdruck". Das Beispiel verdeutlicht aber auch: Nur mit vollständigen Messdaten ist es möglich, KI effektiv zu nutzen. Die Datenqualität entscheidet über die Qualität der KI-generierten Ergebnisse.

Erweiterte Einsatzmöglichkeiten von KI

Die Möglichkeiten von KI gehen deutlich weiter. So lassen sich die Laborergebnisse zusätzlich mit externen Quellen anreichern. Durch die Verknüpfung mit wissenschaftlichen Publikationen, Patentdatenbanken oder branchenspezifischen Studien kann die KI weiterführende Informationen zu den getesteten Materialien oder Chemikalien bereitstellen. Die Einbeziehung dieser Kontextinformationen ermöglicht eine tiefere Analyse und ein besseres Verständnis der Ergebnisse. Beispielsweise kann die KI dabei unterstützen, zu verstehen, wie ähnliche Substanzen in unterschiedlichen Umgebungen reagieren oder welche potenziellen Nebeneffekte bei bestimmten Formulierungen auftreten könnten. Diese angereicherten Daten helfen Laboren, fundiertere Entscheidungen zu treffen und Innovationen voranzutreiben. Zudem besteht die Möglichkeit, dass KI Vorhersagen trifft, durch die Analyse historischer Daten und das Erkennen von Mustern zur Performance von neuen Formulierungen. Hierfür ist jedoch ein umfassendes Training der KI-Modelle erforderlich, um zuverlässige und genaue Ergebnisse zu gewährleisten

Zusammenfassung

Mögliche Anwendungen von KI im Prüflabor sind:

  1. Automatisierte Suche und Analyse historischer Daten
  2. Datenanreicherung mit externen Quellen
  3. Vorhersagen zu Performance und Qualität von Formulierungen
  4. Erkennen ähnlicher Datensätze in komplexem Datenpool

Die künstliche Intelligenz im Labor ist längst keine Zukunftsvision mehr – sie kann schon heute als eine wertvolle Ressource eingesetzt werden. Dazu bedarf es vor allem strukturierte und qualitativ hochwertige Daten. Labore, die diese digitale Transformation erfolgreich umsetzen, werden dank schnellerer Prozesse und der Nutzung ihrer Daten wettbewerbsfähiger. Künstliche Intelligenz im Labor ist mehr als ein Trend – sie ist der Weg zu einem zukunftsfähigen, effizienten Labor.

AUTOR
Dr. Marc Egelhofer
LabV Intelligent Solutions GmbH, München
[email protected]
www.labv.io

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