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Artikel und Hintergründe zum Thema

Ablenkung gelernt ignorieren

Melanie Steinbeck,

Wie das Gehirn störende Reize gezielt ausblendet

Ob blinkende Werbebanner im Netz oder grell leuchtende Plakate am Straßenrand – das menschliche Gehirn ist erstaunlich gut darin, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und störende Reize auszublenden. Wie genau das funktioniert, haben Forschende der Universität Leipzig und der Vrije Universiteit Amsterdam untersucht. Mithilfe von EEG-Messungen konnten sie zeigen, dass sich frühe visuelle Verarbeitungsprozesse durch wiederholte Erfahrung verändern. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden kürzlich in der Fachzeitschrift The Journal of Neuroscience veröffentlicht.

Eine Testperson mit angebrachter EEG-Haube, welche die simultane Spannungsmessung an 64 Stellen der Kopfoberfläche ermöglicht. © Peter Valckx/Vrije Universiteit

Die Fähigkeit, einen störenden Reiz nach mehrmaligem Erscheinen leichter zu ignorieren, bezeichnet man als erlernte Unterdrückung. Diese spielt eine zentrale Rolle im menschlichen Sehsystem – einem System, das ansonsten stark von willentlich gesteuerter Aufmerksamkeit geprägt ist. Um herauszufinden, wie sich diese Unterdrückung auf neuronaler Ebene auswirkt, führten die Forschenden eine Reihe von EEG-Experimenten mit 24 Probandinnen und Probanden durch.

Wie das Gehirn mit Ablenkung umgeht

„Wir fanden übereinstimmende Hinweise darauf, dass Lernen die frühen Reaktionen im visuellen System auf diese Reize verändert“, erklärt Dr. Norman Forschack vom Wilhelm-Wundt-Institut für Psychologie der Universität Leipzig, einer der Autoren der Studie.

Für die Analyse der elektrischen Gehirnsignale müssen auch Augenbewegungen erfasst werden, da diese ebenfalls elektrische Signale verursachen. Dafür wurde ein sogenannter Eye Tracker für jede Testperson individuell kalibriert. © Peter Valckx/Vrije Universiteit

Die Versuchspersonen hatten die Aufgabe, ein bestimmtes Zielobjekt zu finden – etwa einen grünen Kreis zwischen grünen Rauten. Dabei wurde ein auffälliges Ablenkungsobjekt, zum Beispiel eine rote Raute, häufig an derselben Stelle eingeblendet. Die EEG-Daten zeigten: Das Gehirn begann, diese Position mit der Zeit bereits in den ersten Momenten der visuellen Wahrnehmung zu unterdrücken. Zudem waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schneller und treffsicherer bei der Zielsuche, wenn der Störreiz an der gewohnten Stelle erschien – weniger jedoch, wenn er an anderer Stelle auftauchte.

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Reize an bekannten Positionen verlieren an Wirkung

„Diese Erkenntnisse verdeutlichen, dass unser Gehirn nicht nur auf auffällige Reize automatisch reagiert, sondern durch Erfahrung lernt, ablenkende Reize effizient auszublenden“, so Forschack weiter. Und noch eine interessante Beobachtung machte das Forschungsteam: „Interessanterweise zeigte sich auch bei Zielreizen eine abgeschwächte visuelle Verarbeitung, wenn diese an der Position gezeigt wurden, an der häufig der Störreiz erschien“, ergänzt er.

Bedeutung im Alltag

Wie sich diese Gewöhnung im Alltag auswirkt, sei allerdings noch nicht abschließend geklärt – etwa bei Menschen, die regelmäßig die gleiche Strecke pendeln. Die Forschenden weisen darauf hin, dass eine konsistente Gestaltung von Straßen und Verkehrsumgebungen durchaus förderlich für die Sicherheit sein könnte.

Dock Duncan von der Vrije Universiteit Amsterdam, Erstautor der Publikation, bringt es abschließend auf den Punkt: „Klar ist, dass etablierte Benutzeroberflächen oder Layouts von Lehrbuchkapiteln von Menschen automatisch erlernt und als nützlich empfunden werden und dieser Effekt sich bereits in der grundlegenden visuellen Verarbeitung widerspiegelt."

Originalpublikation:
Duncan, D. H., Forschack, N., van Moorselaar, D., Müller, M. M., & Theeuwes, J. (2025). Learning modulates early encephalographic responses to distracting stimuli: A combined SSVEP and ERP study. Journal of Neuroscience, 4(April), e1973242025. DOI/10.1523/JNEUROSCI.1973-24.2025

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