MRT-Signal um 24.000-fach verstärkt
Neues Kontrastmittel zur Krebsfrüherkennung
Nach einer Krebstherapie oder Operation stellt sich für viele Patientinnen und Patienten die belastende Frage: Wurden wirklich alle Krebszellen entfernt? Trotz modernster bildgebender Verfahren wie MRT oder PET ist diese Frage nicht immer eindeutig zu beantworten. Die Auflösung herkömmlicher Verfahren reicht häufig nicht aus, um wenige verbleibende Krebszellen zu erkennen.
Ein Team der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat nun ein neuartiges Verfahren zur Krebsfrüherkennung und Therapiekontrolle entwickelt: Ein innovatives MRT-Kontrastmittel macht selbst kleinste Tumorreste sichtbar – und könnte damit die Krebsbehandlung entscheidend verbessern. Entwickelt wurde die Technologie am Institut für Organische Chemie der CAU, federführend vom Kieler Wissenschaftspreisträger Prof. Dr. Rainer Herges. Gemeinsam mit dem Chemiker Dr. Arne Brahms und dem Unternehmer Dr. Stefan Kloth gründete er das Startup QuantView, das die patentierte Technologie weiterentwickelt und zur klinischen Anwendung bringen will.
Diagnostik über den Stoffwechsel: Pyruvat im Fokus
Kernstück der Methode ist ein zum Patent angemeldetes Kontrastmittel auf Basis von Pyruvat, einem natürlichen Stoff im Zuckerstoffwechsel. Tumorzellen wandeln Pyruvat bevorzugt in Milchsäure um – ein Effekt, der als „Warburg-Effekt“ bekannt ist. Diese unterschiedliche Stoffwechselaktivität wird mithilfe des Kontrastmittels chemisch-magnetisch sichtbar gemacht: Nach der Injektion leuchten Areale mit hoher Milchsäurebildung heller im MRT und geben so Hinweise auf aktive Tumorzellen.
PHIP+: Die 24.000-fache Signalverstärkung
Die entscheidende technische Innovation liegt in der Hyperpolarisierung des Pyruvats mit dem Verfahren PHIP+ (Parahydrogen Induced Polarization). Dabei werden fast alle Atomkerne der Probe in dieselbe magnetische Ausrichtung gebracht. Das Ergebnis ist eine bis zu 24.000-fache Verstärkung des MRT-Signals. Dadurch lassen sich selbst geringste Stoffwechseländerungen erkennen – und damit auch kleinste Tumorreste, die mit bisherigen Verfahren unsichtbar bleiben.
Zwar ist das zugrunde liegende Verfahren seit etwa 14 Jahren bekannt, doch das Kieler Team konnte die Polarisation von vormals zwei Stunden auf nur noch drei Minuten verkürzen. Zudem wurde das erforderliche Gerät deutlich kompakter und kostengünstiger entwickelt – ein wichtiger Schritt für die praktische Anwendung und den Weg in die klinische Forschung.
„Die Polarisation mit PHIP+ dauert jetzt nur noch zwei Minuten statt bisher zwei Stunden“, erklärt Prof. Herges. „Gleichzeitig ist das benötigte Gerät heute deutlich kompakter und kostengünstiger.“
QuantView: Ausgründung mit wissenschaftlicher Tiefe
Obwohl QuantView bereits 2023 gegründet wurde, konnte das Unternehmen erst im Juli 2025 operativ durchstarten – nach Abschluss der Lizenzverträge mit der CAU. Unterstützt wurde die Gründung durch den Geschäftsbereich Transfer der Universität, der bei der Patentierung und beim Technologietransfer begleitete. Auch aktuell nutzt das Start-up kostenfrei Infrastruktur der Hochschule – ein Angebot im Rahmen der neuen Spin-off-Förderung der CAU.
„Ohne den modernen Maschinenpark des Instituts, die Unterstützung von Patentanwälten und der Technologie-Transferstelle der Uni Kiel sowie ohne die Erfahrung eines wirtschaftlich versierten Unternehmers hätte ich die Gründung nicht gewagt“, so Herges. Deshalb holte er den erfahrenen Gründer RNDr. Stefan Kloth mit ins Boot. Auch Dr. Arne Brahms, ehemaliger Doktorand von Herges, ist Teil des Gründerteams – er hat das Kontrastmittel im Rahmen seiner Dissertation mitentwickelt.
Ministerin würdigt Deeptech-Gründung
Zum offiziellen Start besuchte Schleswig-Holsteins Wissenschaftsministerin Dr. Dorit Stenke das Unternehmen. Sie betont: „QuantView ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wissenschaftliche Exzellenz und unternehmerisches Denken zusammenkommen, um medizinische Innovationen voranzutreiben. Solche Deeptech-Gründungen sind nicht nur wirtschaftlich bedeutsam, sondern haben auch einen direkten gesellschaftlichen Nutzen – sie verbessern die Gesundheitsversorgung und retten Leben.“
Klinische Studien ab 2026 geplant
Das Kontrastmittel ist derzeit noch nicht kommerziell erhältlich. Wie bei anderen pharmazeutischen Produkten sind umfangreiche präklinische und klinische Studien notwendig. QuantView plant, im kommenden Jahr mit ersten klinischen Studien zu beginnen – vorausgesetzt, die Finanzierung gelingt. Bis zur Marktzulassung könnten jedoch noch bis zu sieben Jahre vergehen.
„Das Kontrastmittel basiert auf einem körpereigenen Stoff – Pyruvat“, erklärt Prof. Herges. „Zudem wurden in den USA bereits erfolgreich klinische Studien mit Menschen mit diesem Stoff durchgeführt.“
QuantView strebt daher öffentliche Forschungsförderung an und will zusätzlich rund vier Millionen Euro Wagniskapital einwerben. Parallel bereitet das Start-up die Lizenzvergabe an Industriepartner vor, um die Technologie international zu etablieren.
Quellen: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), QuantView GmbH










