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Life Sciences InnovationsBiotechnologie 2010 in Deutschland:

Der Anschluss an die Weltspitze ist geschafft
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Life Sciences Innovations: Biotechnologie 2010  in Deutschland:

Richard E. Schneider*)

  1. Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnenstr. 16, D-72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.
Mitte Mai präsentierte das Beratungsunternehmen Ernst & Young, Mannheim, seinen „Biotechnologie-Report 2010“, während gleichzeitig das BMBF seine Jahres-Umfrage unter den Biotech-Unternehmen in Deutschland publizierte. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über Entwicklungslinien und -Hindernisse der Biotech-Branche seit 2008.

Glücklicherweise gab es keine „Fallstrick-Finanzierungen.“ Vor solchen hatte Ernst & Young ausdrücklich im letzten Jahr gewarnt. Vielmehr habe sich infolge der weltweiten Finanzkrise 2008 bei Investoren und strategischen Partnern das Prinzip „Capital Efficiency“ als neue Richtlinie weltweit durchgesetzt. Die Eckpunkte „Entrepreneurship“ und „Risikotoleranz“ entwickelten sich unterschiedlich auf den jeweiligen nationalen Märkten. Pharmaunternehmen wandelten sich vom FiPCO-Modell (Fully integrated Pharmaceutical Company) zum FIPNet (Fully integrated Pharmaceutical Network). Auch setzt sich die Integration der Medizintechnik in die Life-Sciences-Branche mit ungebremster Macht fort, berichtet Ernst & Young, das die Biotechnologie-Szenarien weltweit beobachtet. Der Venture-Capital-Markt in Deutschland ist hingegen fast völlig ausgetrocknet.

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Vorsichtiger Optimismus

Zufrieden konstatiert das BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung), Berlin, in seiner Umfrageauswertung, dass sich die Biotech-Branche in Deutschland im Aufwind befindet: Die Schwelle von 30 000 Arbeitsplätzen (+ ca. 1500) ist überschritten, in 531 dezidierten, d.h. ausschließlich mit Biotechnologie befassten Firmen, sind 6 % mehr Mitarbeiter als 2008 tätig. Somit tummeln sich 30 Biotech-Firmen mehr auf dem Markt – bei allerdings stagnierendem Branchenumsatz (2,18 Mrd. Euro) und gleichgebliebenen Investitionen (1,05 Mrd. Euro). Nur elf Unternehmen gaben im letzten Jahr ihre Geschäftstätigkeit auf, fünf davon fusionierten und sechs meldeten Insolvenz an. Auf der anderen Seite gab es 13 Neugründungen, von denen fünf aus dem „Mainzer Modell“ stammten, das im diesjährigen Spitzencluster-Wettbewerb erst im Finale dem m4-Cluster aus München unterlag. Hier wurden unter dem Holding-Dach der BioNtech AG mehrere Biotech-Firmen als Spezialisten gegründet, z.B. Ribological für RNAi-Therapeutica, Tulip für Subunit-Impfstoffe oder TheraCode für JPT-Peptid- und Protein-Herstellung.

Herausragend agierten die großen Biotech-Unternehmen Evotec, Hamburg, und Morphosys, Martinsried, die ihren Personalbestand um rund 25 % auf jeweils 497 bzw. 413 Beschäftigte erhöhten. Übrigens rechnet Ernst % Young aus dem Branchen-Gesamtumsatz die ausländischen Firmen heraus und kommt so auf einen Gesamtumsatz deutscher Biotech-Unternehmen von noch 960 Mio. Euro. Die hiesigen drei Top-Unternehmen Evotec AG, Hamburg, Morphosys AG und MediGene AG, beide München, erzielten zusammen über 150 Mio. Euro Umsatz und somit zwei Drittel des Umsatzes der börsennotierten deutschen Biotech-Firmen. Deren Liquidität – und dies ist der dunkle Punkt in der Bilanz – nahm insgesamt von 291 Mio. Euro (2008) auf 168 Mio. Euro in 2009 um 42 % ab, ihr Gesamtvermögen reduzierte sich um 2 %. Ihr operativer Cashflow wuchs um 40 % von –204 auf –123 Mio. Euro. Gegenüber 2008 konnten die börsennotierten deutschen Biotech-Firmen ihre Verluste um 37 % reduzieren. Dagegen steigerten die in privater Hand befindlichen Firmen ihre Verluste auf insgesamt 270 Mio. Euro Verlust (+13 %). So vergrößerte Sygnis Pharma den Verlustvortrag (+64 %) ebenso wie 4SC (+ 30 %). Dagegen gelang Agennix der Sprung in die Gewinnzone durch die Integration der verbliebenen Aktivitäts-Posten der aufgelösten GPC-Biotech.

Gestiegen: Effizienz + F&E-Ausgaben

Dem Prinzip Geschäftseffizienz schenkte die Biobranche generell mehr Aufmerksamkeit. Speziell in Deutschland, so Ernst & Young, wurden von den Biotech-Firmen alternative Einnahmequellen erschlossen durch den Verkauf von „Tools“ wie Kits, Zelllinien, Medien, Reagenzien oder durch Übernahme von Dienstleistungen. Die von dem Beratungsunternehmen beobachtete „Anpassung an neue Spielregeln“ zur Reduzierung des Kapitalverbrauchs wurde weitgehend vollzogen. Um den im März 2009 beschlossenen Aktionsplan 2012 für mehr Rentabilität umzusetzen, reduzierte Evotec nach Mitteilung seines CEO Dr. Werner Lanthaler die F&E-Ausgaben um 51 %, die Vertriebs- und Verwaltungskosten um 16 % und den Personalbestand im administrativen Bereich um 20 %. Das Risikoprofil des Unternehmens wurde reduziert und im März 2009 eine engere Kooperation mit der Schweizer Roche AG zur Entwicklung von zwei Wirkstoffen gegen Depressionen gestartet. Dieses Bündnis wird Evotec in den nächsten Jahren bis zu 300 Mio. Euro durch zweistellige Umsatzbeteilungen an den Medikamentenverkäufen der Roche AG einbringen, die überdies sämtliche Kosten für die klinischen Prüfungen der beiden Wirkstoff-Kandidaten übernimmt. Die Betriebsstätte in South San Francisco, USA, wurde wieder geschlossen, gleichzeitig stiegen die Evotec-Umsätze im Kernsegment. Dadurch lag das operative Ergebnis um 42 % höher als im Vorjahr.

Das Beratungsunternehmen Ernst & Young stellte bei übernationalen Firmenumfragen fest, dass bei den Ausgaben für F&E deutsche Biotech-Firmenchefs tendenziell weniger reduzieren wollen als ausländische. Auswärts stellen 50 % der Befragten die F&E-Abteilungen als Sparmöglichkeit dar und nutzen diese bereits zu 24 %. Dagegen optierten nur 38 % der Firmenchefs in Deutschland für diesen Weg und gar nur 17 % setzen eine solche Sparmaßnahme bereits um. Am meisten Zuspruch hierzulande (60 % der Befragten) finden modifizierte Geschäftsmodelle, die schnell und unabhängig angegangen werden können. Rasch handelte das biopharmazeutische Unternehmen PAION AG, Aachen, das im Jahr 2007 nach einem unerwartet negativen Ergebnis der Phase-III-Studie mit seinem Lead-Projekt „Desmoteplase“ (Protein aus dem Speichel der Vampir-Fledermaus) eine Kooperation mit dem schwedischen Pharmaunternehmen H. Lundbeck einging und den Tournaround schaffte: „Batman is back!“ heißt es nun in der „Financial Community.“

Potenzial aus Forschungsinstituten

Gemäß BMBF zählen zur Biotechnologie auch 27 000 wissenschaftliche Mitarbeiter, die an über 200 öffentlichen Forschungseinrichtungen in den betreffenden Abteilungen in Deutschland tätig sind. Sie verfügten 2008 über ein Budget von insgesamt 2,8 Mrd. Euro sowie über 1,15 Mrd. Euro an Drittmitteln. An 63 Unis und 540 Einzel-Instituten beschäftigt man sich wissenschaftlich mit Biotech-Fragen: Molekularbiologie, Materialwissenschaften, Pflanzenforschung und Verfahrentechnik stehen im Mittelpunkt. Weiter sind auch die Beschäftigten an 26 Fachhochschulen mit Biotech-Zweig hinzuzuaddieren, deren materieller Beitrag nicht beziffert wird.

Zusätzlich forschen exakt 104 außeruniversitäre Forschungseinrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft und Max-Planck-Gesellschaft an biotechnologischen Fragestellungen. Insgesamt verfügten diese Institutionen über ein Budget von 1,8 Mrd. Euro, dazu kamen 500 Mio. Euro an Drittmitteleinwerbungen. En detail waren dies bei der Helmholtz-Gemeinschaft 639 Mio. Euro für Biotechnologie und 167 Mio. Euro Drittmittel, die Max-Planck-Gesellschaft investierte 413 Mio. Euro (Gesamtbudget ca. 2,2 Mrd. Euro) und 107 Mio. Euro Drittmittel in biotechnologische Fragestellungen, die Leibniz-Gemeinschaft präsentierte 2008 einen Etat von 328 Mio. Euro plus 167 Mio. Euro Drittmitteln. Last, but not least, folgt die Fraunhofer-Gesellschaft mit ihrem zwölf Institute umfassenden Life-Science-Verbund: Sie setzte 142 Mio. Euro Eigenmittel sowie 86 Mio. Euro eingeworbene Fremdgelder ein. Schließlich konnten freie Forschungseinrichtungen wie das 1995 in Bonn gegründete CAESAR (Center for Advanced European Studies and Research) weitere 177 Mio. Euro in die Biotechnologie investieren und 83 Mio. Euro an Drittmitteln einwerben.

Beeindruckend sind die Zahlen der staatlichen Unis und der ihnen angeschlossenen Institute: Ein Gesamt-Budget von 775 Mio. Euro sowie 600 Mio. Euro Drittmittel-Einwerbungen. Hinzuzufügen ist, dass hier der wichtigste Drittmittelgeber die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) war, die von 2005 bis 2007 rund 2 Mrd. Euro, mithin jeden dritten Euro, für Life-Sciences-Anträge ausgab.

Studien- Präsentationen

Nicht nur wirtschaftlich, auch in Biopharmazie und Medizin haben die deutschen Biotech-Unternehmen den Anschluss an die Weltspitze hergestellt. Beim diesjährigen ASCO-Kongress (American Society of Clinical Oncology) vom 4.bis 8.6.2010 in Chicago präsentierte die Münchener Wilex AG eine Phase-II-Studie mit Mesopron in Verbindung mit einer Chemotherapie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs. Fresenius Biotech, Bad Homburg, stellte den von der Münchener Trion Pharma AG einlizenzierten trifunktionalen Antikörper Removab gegen Aszites (Bauchwassersucht) vor, die Tübinger Immatics teilte Ergebnisse der Phase-II-Studie des IMA901-Impfstoffs gegen Nierenkrebs mit. Der Pharmariese Bayer Schering, Berlin, stellte in Chicago 70 Studien zu seinem Krebsmedikament Nexavar vor. Schließlich zeigte Merck Serono erste praktische Anwendungen der personalisierten Medizin mit Erbitux gegen das metastasierte kolorektale Karzinom (mCRC) und stellte die Resultate einer Phase-III-Studie einer experimentellen Krebstherapie mit dem Medikament Cilengitide, einem sogenannten Integrin-Inhibitor, vor. Die im Jahr 2008 und davor spürbare Angst der deutschen Biotech-Branche vor einem Versagen in letzter Minute weicht mehr und mehr der Zuversicht.

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