Pyrrolizidinalkaloide

Zwischen Skandalisierung und Bagatellisierung

Sechzig Vertreterinnen und Vertreter aus privaten Untersuchungseinrichtungen, Laboratorien der obersten Bundes- und Landesbehörden, dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Verbraucherzentralen, Universitätsinstituten und den Herstellern der im Seminar behandelten Produkte Tee und Honig waren der Einladung des Berliner Instituts Kirchhoff Berlin GmbH ins Berliner Seminaris Hotel am 26. Februar 2014 gefolgt und wollten 'Wissen was drin ist'.

Jakobskreuzkraut (© fotolia/petrabarz)

Nachdem in einer Verlautbarung des BfR vom 15.07.2013 [1] mitgeteilt wurde, dass die Gehalte von Pyrrolizidinalkaloiden in Kräutertees und Tees, die innerhalb eines Forschungsprojekts untersucht worden waren, teilweise besorgniserregende Werte zeigten, sind erhebliche Anstrengungen unternommen worden, die anspruchsvolle Analytik der Pyrrolizidinalkaloide weiterzuentwickeln und entsprechende Minimierungsstrategien umzusetzen.

Nach Begrüßung und kurzer Einführung in die Problematik durch Dr. Erhard Kirchhoff und Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Stenzel vom Institut Kirchhoff Berlin GmbH wurde von Dr. Helmut Wiedenfeld, Universität Bonn, ein Überblick zum Vorkommen, der Toxizität und zu bisher durch die Pyrrolizidinalkaloide beschriebenen Vergiftungsfällen gegeben. Im Anschluss stellte Prof. Dr. Dr. Alfonso Lampen vom BfR einige aktuelle Aspekte zur Risikobewertung der Stoffklasse hinsichtlich der Kanzerogenität, der Embryotoxizität und der genotoxischen Eigenschaften vor.

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Fremdsamen und Beikräuter
Die Herausforderungen, welche sich für die landwirtschaftliche Produktion von Sonderkulturen [2] ergeben, zu denen u.a. auch Tees zählen, waren Gegenstand der Ausführungen von Dr. Andreas Plescher vom Deutschen Fachausschuss für Arznei-, Gewürz- und Aromapflanzen. Er stellte die Problematik von Fremdsamen im Saatgut und die sogenannten Mitbeerntung von Beikräutern (z.B. Jakobskreuzkraut) sowie die Möglichkeiten des Unkrautmanagements heraus.

Die folgenden Vorträge widmeten sich der Analytik der Pyrrolizidinalkaloide [3]. Im Beitrag von Erik Becker aus dem Institut Kirchhoff Berlin wurde auf mögliche Fallstricke bei der Analytik eingegangen. Nach einem kurzen Überblick auf die Vor- und Nachteile der analytischen Methoden wie z.B. Dünnschichtchromatographie, ELISA, GC-MS- bzw. HPLC-MS-Verfahren wurde auch auf die Schwierigkeit einer repräsentativen Probennahme (heterogene Verteilung) und die unzureichende Verfügbarkeit zuverlässiger und zertifizierter Referenzsubstanzen eingegangen. Die Notwendigkeit der analytischen Qualitätssicherung sowohl durch interne Qualitätskontrolle als auch durch Teilnahme an Ringversuchen wurde betont.

Die derzeit vom BfR [4] entwickelte Methode zur Analytik von Pyrrolizidinalkaloiden in Tee und Honig wurden von Stefan Ronczka detailliert vorgetragen. Die vorgestellte HPLC-MS-Methode erlaubt Bestimmungen der zurzeit kommerziell verfügbaren 17 einzelnen Substanzen, darunter z.B. Lycopsamin, Heliotrin-N-Oxid, Retrorsin, Retrorsin-N-Oxid und Senecionin. Den wichtigen Aspekten der Probenvorbereitung wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Ergebnisse der Methodenvalidierungsstudie mit 20 Teilnehmern wurden vorgestellt.

Probenvorbereitung und Analytik
Im zweiten Teil der Veranstaltung gab Hauke Zinow vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) einen vergleichenden Überblick zu den beiden Aufarbeitungsvarianten durch Einsatz des Extraktionshilfsmittels Extrelut® bzw. von C18-SPE-Fertigsäulen und ihren Möglichkeiten bzw. Limitierungen. Die Extrelut-Anwendung führte zu Abtrennungen störender Komponenten und reproduzierbaren Ergebnissen bei Mehrfachbestimmungen, erforderte jedoch Dichlormethan als Extraktionsmittel.

Die Aspekte der Darstellung von Summenparametern durch Anwendung der HPLC-ESI-MS/MS-Methodik unter Einsatz eines deuterierten Retronecinstandards zur Quantifizierung von Pyrrolizidinalkaloiden wurden von Dr. Till Beuerle aus dem Institut für Pharmazeutische Biologie der TU Braunschweig vorgestellt. Untersucht wurden in dieser Arbeitsgruppe Küchenkräuter bzw. deren Mischungen.

Prof. Dr. Ralf Stahlmann von der Charité Berlin gab einen Überblick zu den Pyrrolizidinalkaloiden aus toxikologischer Sicht. Offene Fragen zur Toxikokinetik und -dynamik wurden benannt und soweit derzeit eingeschätzt werden kann, ist der mäßige Konsum von Tees und Kräutermischungen für Erwachsene als eher unbedenklich einzuschätzen. Er identifizierte jedoch einen Forschungsbedarf für die prä- und postnatale Entwicklung, da bei der Metabolisierung der Pyrrolizidinalkaloide Alkylanzien gebildet werden, die ein toxikologisches Risiko darstellen.

Die Sicht der Verbraucherverbände wurde im Vortrag von Christiane Manthey von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg dargestellt. Die Ergebnisse verschiedener Befragungen von Tee-Herstellern wurden vorgestellt und es wurde bemängelt, dass nur wenige Firmen schriftliche Antworten auf die gestellten Fragen gaben. Forderungen an die Bundesbehörden waren u.a., dass Grenzwerte für die Belastungen mit Pyrrolizidinalkaloiden festgelegt werden sollten und ein Monitoring im Rahmen der Lebensmittelüberwachung erfolgen sollte.

Im Verlauf des Seminars wurden den Teilnehmern fundierte Kenntnisse zum Vorkommen und zur Physiologie bzw. Toxikologie der Pyrrolizidinalkaloide vermittelt. Die Sichtweise der Produzenten/Anbauer von Tees und Honig wurden ebenso dargestellt wie die modernen analytischen Verfahren zum sicheren Nachweis und die Risikobewertung von Pyrrolizidinalkaloiden in Tees und Honig. Die erforderliche Qualitätssicherung wurde thematisiert und bisherige Mängel benannt. Mögliche Minimierungstrategien zur Reduzierung dieser toxischen Substanzen in Tee und Honig wurden vorgestellt.

Für weitere Rückfragen wird auf die Website der Institut Kirchhoff Berlin GmbH www.institut-kirchhoff.de verwiesen.

Dr. H.-U. Melchert, Analytical & Epidemiological Services, Berlin

Ergänzende Internet- bzw. Wikipedia-Links
[1] Internet-Zugang zu BfR-Nachrichten: http://www.bfr.bund.de/de/a-z_index/pyrrolizidinalkaloide-127028.html
[2] WP: Rucola-Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Rucola
[3] WP: Pyrrolizidinalkaloide-Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Pyrrolizidinalkaloide
[4] WP: BfR-Link: https://de.wikipedia.org/wiki/Bundesinstitut_f%C3%BCr_Risikobewertung

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