Interview
Nachhaltigkeitsaspekte eines Shared-Lab-Konzepts
LABO: Frau Dr. Wallbrecht, sind Shared-Lab-Modelle wie die Life Science Factory wirklich ein Praxis-taugliches Konzept für Forschung und Entwicklung? Forschung bedeutet doch eben gerade, jederzeit alles im Labor nutzen zu können und manchmal auch zu müssen, da Zeit ein wesentlicher Faktor ist.
Dr. Wallbrecht: Die Start-ups, die sich bei uns in Göttingen eingemietet haben, wissen ganz genau, was sie bei uns an Services bekommen und wie sie mit ihren Forschungsvorhaben und Aufgaben am besten vorankommen. Vordergründig ist hier der erhebliche finanzielle Aspekt zu nennen. Aus meiner persönlichen Sicht wird aber auch ein weiterer Vorteil immer stärker: die Möglichkeit, Forschung nachhaltiger zu gestalten.
Was bedeuten die finanziellen Vorteile ganz konkret? Schließlich fallen ja Kosten für Miete und Service an.
Nehmen wir ein Biotech-Start-up, das in einer Pre-Seed-Runde zwei Millionen Euro an Risikokapital eingeworben hat. Um in der Forschung die nächsten Schritte gehen zu können und valide Daten zu erzeugen, müssen dazu geeignete Geräte und Systeme angeschafft werden, wobei ein modernes Laborgerät, wie beispielsweise ein Durchflusszytometer, durchaus schon einen sechsstelligen Betrag kosten kann. Und es ist weder aufgebaut noch in Betrieb genommen, noch sind Fragen zum Standort innerhalb des Labors geklärt. Vom eingeworbenen Geld gehen also schon einmal fünf bis zehn Prozent in ein einziges Gerät. Zu den gleichen Kosten erhalten die Start-ups in der Life Science Factory für acht Personen vier Labor-Benches, einen Coworking Space und natürlich Zugang zu z. B. einem als Beispiel genannten Durchflusszytometer und 119 weiteren Laborgeräten – für zwei Jahre. Und alle Geräte mussten nur einmal von uns gekauft und produziert werden.
Dennoch bleibt in einem Shared Lab nur ein eingeschränkter Zugang, beispielsweise zum genannten Durchflusszytometer, da das Gerät ja mit anderen Forschungsteams geteilt wird.
Wir können aus der Erfahrung heraus sagen, dass es immer zu zufriedenstellenden Kompromissen kommt. Entscheidend ist die Kommunikation, und die funktioniert mittlerweile immer besser – wie in einer gut eingespielten WG. Ein digitales Buchungssystem ist hier die perfekte Ergänzung. Bei der Einführung von digitalen Buchungssystemen für Geräte ist Fingerspitzengefühl gefragt. Nur zu gerne würden alle Laborteams alles ständig für den Fall der Fälle greif- und nutzbar haben. Wissenschaftler/-innen sind gerne flexibel in ihrer Arbeitsweise und legen sich nur ungern vorher fest, wann sie genau das Experiment nun durchführen wollen oder auch können. Das biologische Arbeitsmaterial hält sich nicht immer an Zeitpläne – das ist die Herausforderung beim Umgang mit lebenden Systemen. Das bedeutet, dass es innerhalb der festgelegten Regeln im Shared Lab auch immer einen Spielraum für direkte Absprachen der Start-ups untereinander gibt.
Ein Jahr Life Science Factory in Göttingen – mit Blick auf die Start-ups, die bei Ihnen sind oder zu Ihnen kommen wollen: Wo sehen Sie die größten Unterschiede zum universitären Umfeld?
Was uns stark auffällt, ist die Tatsache, dass manchmal ganz grundlegende Aspekte zu den regulatorischen Rahmenbedingungen für das entsprechende Projekt unklar sind. Das kann Unkenntnis sein über das benötigte Sicherheitslevel oder über grundlegende Qualifikationen, um in diesem Level nun eigenverantwortlich zu arbeiten. Regulatorischer Support ist sehr häufig von unserer Seite nötig, da wird im universitären Umfeld vieles als selbstverständlich hingenommen oder nicht hinterfragt. Dazu zählen auch Arbeitssicherheitsaspekte oder der Umgang mit Gefahrstoffen und die Gefahrstofflagerung. Ein Erfolg im vergangenen Jahr war, dass wir mehrere Projektleiter bei den Behörden qualifiziert sowie verschiedene Projekte angemeldet haben, was in einigen Fällen zur Etablierung verschiedener Sicherheitsstufen im Labor führte.
Sehen Sie im Shared-Lab-Modell für die Zukunft ein nachhaltiges Konzept?
Shared Labs sind ein wichtiger Baustein zur Förderung von Nachhaltigkeit in Laboren. Doch allgemein benötigt es ein Umdenken: Braucht wirklich jedes Laborteam jedes Gerät für sich selbst, oder sind Mietmodelle und Kooperationen nicht die nachhaltigere Alternative? Inkubatoren bieten dafür einen guten Nährboden, insbesondere für Early-Stage-Start-ups. Die Synergien und die Nachhaltigkeitsaspekte sprechen eine eindeutige Sprache. Ab einer gewissen Unternehmensgröße werden dann andere Aspekte wieder wichtiger, doch gedanklich spricht nichts gegen ein Shared Lab im großen Rahmen – das wiederum würde allerdings auch architektonische Besonderheiten bedingen.
Vielen Dank für das Interview!










