zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

Bakterien als Zellulose-Produzenten

Melanie Steinbeck,

Wie Forschende Bakterien zu Minifabriken machen

Bakterien produzieren für den Menschen interessante Materialien wie Zellulose, Seide oder Mineralien. Der Vorteil der bakteriellen Produktion ist, dass sie nachhaltig ist. Sie läuft bei Raumtemperatur und in Wasser ab. Der Nachteil: Bakterien brauchen viel Zeit und produzieren bisher nur geringe Mengen – zu wenig für die industrielle Nutzung.

Die bakterielle Zellulose im Nasszustand. © ETH Zürich / Peter Rüegg

Forschende versuchen daher seit langem, aus Mikroorganismen lebende Minifabriken zu machen, die schneller größere Mengen eines gewünschten Produkts herstellen. Dazu müssen sie entweder gezielt ins Erbgut eingreifen oder die am besten geeigneten Bakterienstämme züchten.

Einen neuen Ansatz präsentiert nun die Arbeitsgruppe von André Studart, Professor für Komplexe Materialien an der ETH Zürich, am Beispiel des zelluloseproduzierenden Bakteriums mit dem Namen Komagataeibacter sucrofermentans.

Bakterien als Produktionssysteme

Indem sie die Prinzipien der Evolution durch natürliche Selektion auf ihre Methode anwenden, können die Wissenschaftler:innen in kurzer Zeit Zehntausende Varianten des Bakteriums erzeugen und gezielt diejenigen auswählen, die am meisten Zellulose produzieren.

K. sucrofermentans produziert von Natur aus hochreine Zellulose, ein Material, das unter anderem für biomedizinische Anwendungen, die Herstellung von Verpackungsmaterial oder Textilien sehr gefragt ist.

Diese Zellulose fördert beispielsweise die Wundheilung und beugt Infektionen vor. „Doch die Bakterien wachsen langsam und produzieren nur begrenzte Mengen des Materials. Wir mussten also einen Weg finden, die Produktion anzukurbeln", erklärt Julie Laurent, Doktorandin in Studarts Gruppe und Erstautorin einer Studie, die gerade in der Fachzeitschrift PNAS erschienen ist.

Anzeige

Mit dem von ihr entwickelten Ansatz ist das gelungen: Einige wenige Varianten von K. sucrofermentans produzieren bis zu siebzig Prozent mehr Zellulose als die Ausgangsform.

Mit UV-Licht die Evolution beschleunigen

Zunächst erzeugte die Materialforscherin aus dem ursprünglichen Bakterium, dem so genannten Wildtyp, neue Varianten. Dazu bestrahlte sie die Bakterienzellen mit UV-C-Licht. Das UV-Licht schädigt die Bakterien-DNA an zufälligen Stellen. Anschließend ließ Julie Laurent die Bakterien in der Dunkelkammer ruhen, was sie daran hindert, die DNA-Schäden zu reparieren. Dadurch entstehen Mutationen.

Dann verkapselte sie jede einzelne Bakterienzelle mit einer Miniaturapparatur in einem winzigen Tropfen Nährlösung und ließ die Zellen eine Zeit lang Zellulose produzieren. Nach der Inkubationszeit untersuchte sie mit Hilfe der Fluoreszenzmikroskopie, welche Zellen viel und welche keine oder nur sehr wenig Zellulose produzierten.

Sortieranlage für Zellen

Mit einer von ETH-Chemiker Andrew DeMello entwickelten Sortieranlage sortierte Studarts Team automatisch jene Zellen aus, die sich zu den besten Produzenten entwickelt hatten und besonders viel Zellulose produzierten.

Die Sortieranlage arbeitet vollautomatisch und sehr schnell. In nur zehn Minuten kann sie eine halbe Million Tröpfchen mit einem Laser abtasten und diejenigen aussortieren, die am meisten Zellulose enthalten. Am Ende blieben nur vier übrig, die 50 bis 70 Prozent mehr Zellulose produzieren als der Wildtyp.

Die Zellen von K. sucrofermentans sind in der Lage, in Reaktionsgefäßen an der Grenzschicht zwischen Luft und Wasser Zellulosematten zu produzieren. Eine Zellulosematte in einem solchen Gefäß wiegt natürlicherweise zwischen zwei und drei Milligramm und ist 1,5 Millimeter dick. Die Matten aus den weiterentwickelten Varianten sind fast doppelt so schwer und dick.

Genetische Analyse der Zellulose-produzierenden Varianten

Diese vier Varianten haben Julie Laurent und ihre Kolleg:innen zudem genetisch untersucht, um herauszufinden, welche Gene durch das UV-C-Licht verändert wurden und wie diese Veränderungen zur Überproduktion von Zellulose führten.

Alle vier Varianten wiesen die gleiche Mutation im selben Gen auf. Dieses Gen ist die Bauanleitung für ein eiweißspaltendes Enzym, eine Protease. Zur Überraschung der Materialforscherin waren die Gene, die die Zelluloseproduktion direkt steuern, jedoch nicht verändert. „Wir vermuten, dass diese Protease Proteine abbaut, die die Zelluloseproduktion regulieren. Ohne diese Regulation kann die Zelle den Prozess nicht mehr stoppen", erklärt die Forscherin.

Patente angemeldet

Die neue Plattform ist vielseitig einsetzbar und kann auch auf Bakterien übertragen werden, die andere Materialien produzieren. Ursprünglich wurden solche Plattformen entwickelt, um Bakterien zu erzeugen, die bestimmte Proteine oder Enzyme produzieren. „Wir sind die ersten, die mit einer solchen Plattform die Produktion von Nicht-Protein-Materialien verbessern", sagt ETH-Professor André Studart. „Für mich ist diese Arbeit ein Meilenstein."

Die Forschenden haben sowohl die Plattform als auch die mutierten Bakterienvarianten zum Patent angemeldet und wollen nun mit Firmen zusammenarbeiten, die bereits bakterielle Zellulose produzieren, um die neuen Mikroorganismen unter realen industriellen Bedingungen zu testen.

Originalpublikation:
Laurent, J. M., et al. Directed Evolution of Material-Producing Microorganisms. PNAS (2024), https://doi.org/10.1073/pnas.2403585121

Quelle: ETH Zürich

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Jetzt Newsletter abonnieren