Neue Weltraumbewohner

Auch Algen auf der ISS

An Bord des inzwischen gestarteten Raumtransporters sind u.a. auch eine Reihe von Organismen, die mindestens 12 Monate an der Außenseite der Raumstation ISS verbringen werden. Unter den mehreren hundert Proben von Urbakterien, Algen, Flechten, Moosen und Pilzen finden sich auch zwei Stämme aus der Sammlung frostliebender Algen, die am Institutsteil Bioanalytik und Bioprozesse des Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Potsdam beheimatet ist.

Präparation der Algen für die Versuche an der Außenseite der Weltraumstation ISS. (Bild: Dr. Thomas Leya / Fraunhofer)

Dr. Thomas Leya vom Fraunhofer IZI ist einer von mehreren nationalen und internationalen Partnern, die zusammen im BIOMEX-Projekt (Biology and Mars-Experiment) und in enger Kooperation mit seinem Kollegen Dr. Jean-Pierre de Vera vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum DLR untersuchen, ob und welche Organismen extreme Weltraumbedingungen überleben. Leya leitet die Arbeitsgruppe Extremophilenforschung & Biobank sowie die Stammsammlung frostliebender Algen, Culture Collection of Cryophilic Algae, kurz CCCryo. Beim geplanten Weltraumausstieg am 18. August werden die Proben an der Außenseite der ISS in die Anlage EXPOSE-R2 positioniert und der dort herrschenden, ultravioletten und kosmischen Strahlung sowie starken Temperaturschwankungen ausgesetzt.

Anzeige

Bei den beiden Stämmen aus der Sammlung CCCryo handelt es sich um das Cyanobakterium Nostoc sp., einer Blaualge aus der Antarktis, und um die Grünalge Sphaerocystis sp. aus Spitzbergen. Die Arbeitsgruppe um Thomas Leya ist seit 15 Jahren aktiv mit der Erforschung der Anpassungsstrategien kryophiler (kälteliebender) Algen beschäftigt. Die beiden Organismen, die am 23. Juli mit einer Progress-Rakete zur ISS transportiert wurden, gehören zu knapp 400 Isolaten, von denen der größte Teil von Thomas Leya während Expeditionen in die Antarktis und nach Spitzbergen gesammelt wurde. Die Algen werden am Fraunhofer IZI in Potsdam kultiviert und charakterisiert.

"Neben solchen wissenschaftlichen Grundlagenfragen, wie wir sie im BIOMEX-Projekt untersuchen, versprechen wir uns von diesen extremophilen Organismen, die in unserem Fall oft gut an niedrige Temperaturen, erhöhte Strahlung und Austrocknungsstress angepasst sind, neue Produkte für die Industrie. Im Fokus stehen dabei zurzeit besonders die Kosmetik- und Lebensmittelbranche", erklärt Thomas Leya. Im Rahmen von BIOMEX wurden am DLR in Köln in Vorbereitung auf diese Weltraumexperimente bereits Laborversuche durchgeführt, bei denen die rotgefärbten Dauerformen der Grünalge bewiesen haben, dass sie Austrocknung, Hitze bis +60 °C und Kälte bis -25 °C und in bestimmtem Rahmen auch UV-Strahlung gut überstehen. Die Anpassungsstrategien, die hinter dieser natürlichen Anpassung stehen, gilt es nun aufzuklären und in eine industrielle Anwendung zu überführen.

Die auf der ISS durchgeführten Experimente unter Federführung der DLR werden den internationalen Teams hingegen Aufschluss darüber geben, welche Organismen im Weltraum überhaupt oder auch z.B. auf dem Mars überleben können. Die Resultate sind wichtig, um die Entstehung von Leben in unserem Sonnensystem zu erklären. Spätestens im August 2016 werden die verschiedenen Organismen wieder auf die Erde und in die dort verstreuten Labore transportiert. Dann beginnt für die Wissenschaftler am Boden die Arbeit.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Zellbiologie

Wie wachsen Nervenzellen im All?

Wie entwickelt sich der erste im Weltall geborene Mensch? Was wie eine Frage aus einem Science-fiction-Roman klingt, ist Hintergrund eines aktuellen Forschungsprojekts der Universität Hohenheim in Stuttgart.

mehr...

Kosmische Strahlung

Botschafter aus fernen Galaxien

Kosmische Strahlung mit sehr hoher Energie hat ihren Ursprung außerhalb unserer eigenen Galaxie, der Milchstraße. Darauf weist die Untersuchung der Einfallsrichtung von mehr als 30000 Teilchen am Pierre-Auger-Observatorium in Argentinien hin....

mehr...

Ultraschnelle Anpassung

Zellen in der Schwerelosigkeit

Innerhalb einer Minute passen sich Säugetierzellen vollständig an die Schwerelosigkeit an. Echtzeitmessungen auf der Internationalen Raumstation ISS belegen, dass Zellen ultraschnell veränderte Schwerkraftverhältnisse ausgleichen. Dieser erstmalige...

mehr...
Anzeige

Astrophysik

Kometeneis im Labor

Poröses Eis, wie es im Weltall überall zu finden ist, haben der Chemiker Thomas Lörting und sein Team näher unter die Lupe genommen. In der Physical Review Letters berichten die Forscher, wie sie das Eis beim Aufwärmen beobachtet haben.

mehr...

Asteroidenanalytik

Lesen im Archiv des Sonnensystems

Der Grund für Dr. Agnese Fazio, nach Jena zu kommen, ist klein, geradezu winzig, aber dafür umso bedeutender. Denn die Mineralogin erforscht nicht weniger als die Geschichte unseres Sonnensystems – und das anhand von Staubpartikeln.

mehr...