Über die Bedeutung der Abwasser-Biozönose und mikrobiologischer Analysen in der Abwasserreinigung
Vielfalt für sauberes Abwasser
Die Diversität nimmt ab. Ob es die Vielfalt der Insektenarten ist oder die des humanen Mikrobioms, welche in den letzten 100 Jahre in den Industriestaaten um bis zu 50 % reduziert wurde. Die "moderne" Lebensweise ist nicht gesund. Weder für uns noch für unsere Umwelt. Denn Diversität fördert Resilienz. Die Resilienz-Diversitäts-Korrelation kann am besten über biologische Gleichgewichte erklärt werden, und hier am Beispiel der Mikrobiologie.
Je verschiedenartiger die einzelnen Bakterienarten innerhalb einer Population sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Art oder eine Gruppe von Bakterien die Funktion einer anderen Art oder Gruppe übernimmt, die – aus welchen Gründen auch immer – ausgefallen ist. Je weniger Möglichkeiten des Ersatzes bestehen, desto geringer ist die Widerstandsfähigkeit, d. h., die mikrobielle Population kann bei ungünstigen äußeren Bedingungen sehr schnell zusammenbrechen, mit oft fatalen Folgen für das gesamte biologische Gleichgewicht innerhalb des definierten Systems.
Biologische Gleichgewichte in Kläranlagen
Moderne biologische Kläranlagen sind genau auf solche Gleichgewichte angewiesen. Die Funktionalität einer biologischen Abwasserreinigungsanlage ist nur dann gegeben, wenn die Mikroorganismen die in die Kläranlagen eingebrachten Stoffe abbauen und/oder umbauen, so dass die wesentlichen Parameter, wie ammoniumhaltige Verbindungen, toxische Stoffe und andere komplexe Kohlenstoffverbindungen, im Ablauf eine wesentlich geringere Konzentration besitzen als im Zulauf. Wie im menschlichen Mikrobiom fußt auch hier die Gesamtstabilität des Systems auf sogenannten "key taxa" und "mikrobiellen Gilden". Erstere, die sogenannten Schlüsselbakterien, sind wichtig, um das gesamte biologische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Die mikrobiellen Gilden wiederum sind einzelnen Funktionen zugeordnet, d. h., bestimmte Funktionen werden von einer Gruppe an Bakterien übernommen. Fallen sowohl "key taxa" als auch mikrobielle Gilden aus und können aufgrund einer geringen Diversität nicht ersetzt werden, leidet die Gesamtstabilität des Systems dramatisch, und es kann zu einem Kipppunkt-Ereignis kommen, bei dem das gesamte System kollabiert. Ein Kipppunkt ist ein plötzlicher, oft irreversibler Zusammenbruch des gesamten Systems. Dieser Verfall kann graduell verlaufen, kann aber bei extremen externen Ereignissen auch unvermittelt einsetzen.
Je diverser also eine Kläranlage ist, je mehr taxonomische Einheiten gemessen werden, desto stabiler ist sie. Dies muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass sie auch einen optimalen Wirkungsgrad besitzt, da dieser durch die Effizienz der einzelnen mikrobiellen Populationen bestimmt wird. Aber die Resilienz steht in direkter Abhängigkeit zur Diversität.
Diese Tatsache kann nun genutzt werden, um die Anlagenkontrolle und -steuerung zu optimieren. Jede mikrobiologische Biozönose einer Anlage, also die Gesamtheit der Bakterien in einer definierten Einheit, ist einzigartig. Zwar gibt es durchaus Gemeinsamkeiten in den Populationen und ganz besonders gut sichtbare Unterschiede zwischen kommunalen und industriellen Anlagen, doch letztendlich hat jede Kläranlage ihre eigenen Hauspopulationen.
Untersuchungen der Abwasser-Biozönose
Die Biozönose kann von zwei Seiten analysiert werden: einmal auf ihre Resilienz, dies erfolgt in der Regel durch weitmaschigere Untersuchungen, weil sich die Diversität nicht innerhalb von Stunden oder Tagen verändert, sondern eher über Wochen hinweg, und einmal auf ihre Funktionalität. Letztere kann sich innerhalb von Tagen verändern und sollte daher auch engmaschiger kontrolliert werden. Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass eine Abwasser-Biozönose immer dynamisch ist. Mikrobielle Populationen nehmen zu, verändern sich, nehmen ab: Alles ist im Fluss. Dadurch kann sich die Biozönose innerhalb eines gewissen Bereichs selbst zu regulieren. Das ist auch notwendig, damit die mikrobielle Gemeinschaft sich kontinuierlich an wechselnde Bedingungen anpassen kann. Sind diese Einflüsse jedoch zu groß, so dass der Pufferbereich gesprengt wird, kann die Biozönose sich dauerhaft verändern und an Stabilität und Funktionalität verlieren.
Da eine vollständige und lückenlose Analyse aller beteiligten mikrobiologischen Populationen zu aufwendig und auch gar nicht sinnvoll ist, beschränkt sich ein modernes Monitoring auf die oben beschriebenen Parameter: Resilienz und Funktionalität.
Diversität und Resilienz
Die Resilienz kann durch die Bestimmung von taxonomischen Units analysiert werden. Dies erfolgt durch eine 16S-rDNA-Amplikonsequenzanalyse, bei der die Gesamtzahl aller taxonomischen Units bestimmt wird. Dabei ist zu bedenken, dass hier die Gesamtzahl und deren Veränderung über die Zeit entscheidend ist. Zwar ist in der wissenschaftlichen Literatur oft eine Quantifizierung basierend auf der 16S-rDNA-Amplikonsequenzanalyse zu finden, doch die Quantifizierung einzelner Arten über 16S-rDNA-Amplikonsequenzanalyse ist aufgrund der technologiebedingten Biases erfahrungsgemäß in Abwasseranlagen nicht immer aussagekräftig. Maximal kann eine Indikation erfolgen.
Indikatororganismen und Funktionalität der Anlage
Die Funktionalität kann wiederum durch sogenannte Indikatororganismen bestimmt werden. Ein Experte in der Abwassermikrobiologie kann aufgrund seiner Erfahrung nach Analyse von mehreren Proben eine begrenzte Anzahl von Indikatormikroorganismen festlegen, deren Verlauf stellvertretend für die Entwicklung der Gesamtbiozönose steht. Die Indikatororganismen können hierbei sowohl positiv wirkende Mikroorganismen sein, d. h. der Funktion zuträgliche Bakterien, als auch negativ wirkende, Probleme verursachende Mikroorganismen. Auch können sie nur reine begleitende Bakterien sein, die keinerlei Anteil an der Funktionalität zeigen, deren Zu- und Abnahme jedoch eng an funktionelle Mikroorganismen gebunden ist.
Hier kann die VIT®-Gensondentechnologie eingesetzt werden, eine industrialisierte und standardisierte Form der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH), bei der spezifisch programmierte Gensonden in die Abwasserprobe eingeführt werden und dort an ihre Zielstellen auf den Ribosomen binden. Da an die Gensonden ein Fluoreszenzfarbstoff gekoppelt ist, wird durch die spezifische Bindung auch der Farbstoff in der Zelle gehalten, und die Bakterien beginnen nach Anregung mit hochenergetischem Licht zu leuchten (s. Bilder 1 und 2). Auf diese Weise können sie spezifisch identifiziert, quantifiziert und visualisiert werden.
Gerade die Visualisierung kann interessante zusätzliche Aspekte beleuchten, da auch die Assoziation und Interaktion der bakteriellen Populationen untereinander beobachtet werden kann.
Beispiel aus einer industriellen Kläranlage
Bild 3 zeigt eine industrielle Kläranlage, bei der die Resilienz der Abwasserbiozönose über sogenannte operational taxonomic units (OTU) gemessen wurde. Der Durchschnittswert der OTU wurde über mehrere Monate bei knapp unter 100 bestimmt. Das heißt, die Widerstandsfähigkeit der Kläranlage schien bei diesem Wert am höchsten zu sein. Durch äußere Faktoren, hier die Einleitung erhöhter toxischer Abwässer aufgrund einer Überproduktion, konnte eine zunehmende Abnahme der OTUs beobachtet werden. Da die Überproduktion nicht verändert wurde, kam es Ende August 2023 durch eine weitere Zunahme der Toxizität im Einleiter zu einem völligen Zusammenbruch in der Biozönose.
Durch Einsatz der VIT®-Gensondentechnologie wurde das Profil von Belebtschlämmen verschiedener anderer industrieller Anlagen mit dem Populationsprofil der betreffenden Anlage in einem stabilen Zustand (Februar 2023) verglichen, und Anfang September erfolgte ein Animpfen mit einem fremden Klärschlamm, der die beste Übereinstimmung zu dem Soll-Profil aufwies. Innerhalb weniger Wochen konnte eine Re-Etablierung der Diversität beobachtet werden, die beim nächsten Messpunkt eine höhere als für diese Anlage "normale" OTU-Zahl anzeigte. Anschließend erfolgte innerhalb weniger Wochen eine drastische Abnahme der Diversität hin zum üblichen Wert. Dieser blieb dann auch konstant. Dies zeigt in beeindruckender Weise, wie die Diversität als Maßstab für die Resilienz verwendet werden kann. Wäre bei zunehmendem Abfall der OTU-Zahl eine Reduktion der Toxineinleitung erfolgt, so hätte ein Zusammenbruch vermieden werden können. Die Untersuchungen zeigen aber auch, dass bei Verwendung eines Belebtschlamms, der ähnliche Populationsprofile aufweist, eine Regeneration schnell möglich ist. Die vorhandene Flora wie auch die Spezialisierung der Populationen durch die kontinuierliche Einleitung von toxischen Stoffen sorgten dann dafür, dass die sehr hohe Diversität, die durch das Animpfen mit dem fremden Belebtschlamm entstanden war und die zusätzlich durch das Stillstehen der Anlage gefördert wurde, sehr schnell wieder auf den Normalwert abfiel.
Monitoring von Indikatororganismen
Bild 5 zeigt das Monitoring von Indikatororganismen am Beispiel eines anaeroben Pelletschlammreaktors. Hier wurden als Indikatororganismen die für die Pelletintegrität verantwortlichen Chloroflexi-Bakterien (s. Bild 4) und die dazu kontraindikativen KSB3-Fäden überwacht. Der zunehmende Pelletzerfall in der Anlage konnte eindeutig über die Indikatororganismen verfolgt werden.
Ein rechtzeitiger Eingriff erfolgte aus betriebstechnischen Gründen nicht, hätte aber den Pelletzerfall und einen Teilaustausch der Pellets verhindern können. KSB3-Fäden (anaerobe, dicke Filamente, die bei Massenwachstum watteartige, großflockige Aggregate bilden können) ernähren sich v. a. von Zuckern und Aminosäuren und reagieren stark auf den Anstieg von Glucose oder Maltose in Anaerobreaktoren. Dabei kommt es zur Ausbildung eines dichten Belags auf der Oberfläche, was eine Beeinträchtigung des Gasaustauschs und ein Platzen der Pellets zur Folge hat. Im Gegensatz dazu halten Chloroflexi-Fäden die Pellets zusammen und stellen das eigentliche Außengerüst gesunder Pellets dar. Die Abnahme der stabilisierenden Chloroflexi-Fäden erfolgte mehr oder weniger indirekt proportional zum Anstieg der KSB3-Fäden (s. auch Bilder 6a und 6b).
Was heißt das für die Praxis?
Beide Beispiele zeigen, wie das Messen der Diversität und von Indikatormikroorganismen dazu verwendet werden kann, die Resilienz und die Funktionalität einer Kläranlage zu bestimmen und vorherzusagen. Bei kontinuierlichem Monitoring kann daher rechtzeitig reagiert werden, bevor die Ablaufwerte überschritten und kostenintensive Sanierungsmaßnahmen erforderlich werden.
AUTOR
Dr. Jiri Snaidr
vermicon AG, Hallbergmoos
Tel. 0811/12 44 94-0
[email protected]
www.vermicon.com















