Chlor aus Restgasen gewinnen
Forschende erhalten Preis für Chloradsorptionsverfahren
Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) verleiht den Dres.-Volker-und-Elke-Münch-Preis an die Teams um Professor Dr. Sebastian Hasenstab-Riedel und Professor Dr. Rainer Haag von der Freien Universität Berlin. Der Preis der bei der GDCh angesiedelten gleichnamigen Stiftung ist mit 7000 Euro dotiert und wird an Personen verliehen, die eine zukunftsweisende Erfindung auf dem Gebiet der Chemie oder chemischen Verfahrenstechnik gemacht haben. Mit dem Preisgeld wird eine Patentanmeldung unterstützt. Die Forschungsteams der Freien Universität Berlin haben ein ressourcensparendes und umweltfreundliches Verfahren entwickelt, um Chlor aus einem chlorhaltigen Restgasstrom zu adsorbieren. Sie werden die Auszeichnung im März 2024 im Rahmen des Frühjahrssymposiums des „JungChemikerForums“ in Ulm erhalten.
Chlor ist eine der wichtigsten Grundchemikalien der chemischen Industrie. Etwa 50 Prozent aller industriellen Chemikalien, 30 Prozent aller Agrochemikalien und 20 Prozent aller Arzneimittel benötigen für die Herstellung Chlor. Im Jahr 2022 wurden weltweit etwa 96 Millionen Tonnen Chlor (primär durch Chloralkalielektrolyse) produziert. Die Gewinnung von Chlor zählt zu den energieintensivsten Verfahren der chemischen Industrie. Allein in Deutschland erfordert die Chlorproduktion mit 12 Millionen Megawattstunden etwa 2,3 Prozent der elektrischen Energie, die in Deutschland produziert wird.
Vor diesem Hintergrund entwickelten die Forschenden der Freien Universität Berlin ein Material, mit dem elementares Chlor reversibel adsorbiert wird und damit eine selektive Chlorspeicherung ermöglicht: Die polymerbasierten Chloradsorber bieten ein großes Potenzial für sichere und einfache Adsorption, Speichern und Umsetzen von Chlorgas aus z.B. Restgasströmen. Zukünftig könnte die Chlorproduktion durch das Verfahren effizienter, umweltfreundlicher und ressourcensparender werden. Auch andere mögliche Anwendungen mit Hilfe von Polymeren haben die Wissenschaftler derzeit im Blick.
Die Preisträger
Prof. Dr. Sebastian Hasenstab-Riedel leitet die Arbeitsgruppe Halogenchemie an der Freien Universität Berlin. Seit 2019 ist Hasenstab-Riedel Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1349 „Fluor-Spezifische Wechselwirkungen“. Außerdem ist er bei der GDCh derzeit unter anderem im Vorstand der AG Fluorchemie sowie der Wöhler-Vereinigung für Anorganische Chemie der GDCh aktiv. Für seine Forschung wurde er bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt Hasenstab-Riedel beispielsweise 2019 einen Consolidator Grant des European Research Council und hat seit 2021 eine Einstein-Professur der Einstein Stiftung Berlin inne. 2023 erhielt er den Christel und Herbert W. Roesky-Preis der GDCh, und sein Projekt „ChemSysCon“ wurde mit dem Forschungspreis der Werner Siemens-Stiftung ausgezeichnet.
Prof. Dr. Rainer Haag ist Professor für Organische und Makromolekulare Chemie an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind biologisch abbaubare und nachhaltige Polymersysteme, multivalente Makromoleküle und supramolekulare Architekturen. Bei der GDCh ist er u.a. in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Universitätsprofessoren und -professorinnen für Chemie (ADUC) aktiv. Haag ist seit 2021 Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1449 "Dynamische Hydrogele an biologischen Grenzflächen" und des interdisziplinären Forschungsgebäudes "SupraFAB". Seit 2019 ist er gewähltes Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech). Im Jahr 2022 wurde er mit dem renommierten ERC Advanced Grant für das Projekt „SupraVir“ ausgezeichnet und 2023 in die European Academy of Sciences aufgenommen.
Dr. Merlin Kleoff studierte von 2012 bis 2018 Chemie an der Freien Universität Berlin. 2021 promovierte er in der Gruppe von Professor Dr. Philipp Heretsch (FU Berlin) über die Entwicklung von Durchflussreaktoren zur Naturstoffsynthese. Seit 2021 arbeitet er in der Gruppe von Professor Sebastian Hasenstab-Riedel an neuen Technologien und Synthesemethoden unter Verwendung der Chlorchemie.
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Dr. Olaf Wagner promovierte 2015 an der FU Berlin bei Professor Dr. Rainer Haag auf dem Gebiet der Polymerchemie und forschte in dieser Zeit an Selbstanordnungsprozessen amphiphiler Strukturen. Von 2016 bis 2020 forschte er als Postdoc an 2D-Materialien und Polymer-funktionalisierten Oberflächen zur Anwendung in Adsorptionsprozessen. Seit 2021 leitet er Forschungsarbeiten zu Adsorptionsprozessen an funktionalisierten Biopolymeren und entwickelt nachhaltige Technologien zu Keim- und Schadstoffreduktion in Wasser.
Dr. Alejandro Jose Lorente Sánchez ist Post-Doc auf dem Gebiet der Polymerwissenschaften und der organischen Synthese an der FU Berlin. Er promovierte an der Universität Potsdam in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP). Seine Forschungsarbeiten konzentrierten sich auf die Entwicklung von molekularen Sensoren, halbleitenden Polymeren und adsorbierenden Materialien. Er arbeitet an mehreren Forschungsprojekten, die sich auf die Entwicklung poröser Materialien aus Polymeren und Biopolymeren konzentrieren, die bei der Adsorption von Schadstoffen oder Gasen Anwendung finden.
Zusatzinformation
Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) fördert die wissenschaftliche Arbeit sowie den Austausch und die Verbreitung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie unterhält zahlreiche Stiftungen, so die Dres.-Volker-und-Elke-Münch-Stiftung, die das Stifterehepaar, Dr. rer. nat Volker Münch und Dr. paed. Elke Münch, im Jahr 2021 gründete, um Wissenschaft und Forschung und den patentrechtlichen Schutz der Ergebnisse zu fördern.
Quelle:Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh)














