Moleküle umschreiben statt neu bauen
„Badewannenchemie“ für die Wirkstoffforschung
Forschenden der Universität Wien ist ein Durchbruch in der organischen Synthese gelungen. Statt Moleküle aufwendig Schritt für Schritt neu aufzubauen, haben sie eine Methode entwickelt, mit der sich eine der wichtigsten Molekülklassen der Chemie direkt und gezielt verändern lässt. Das Team um den organischen Chemiker Nuno Maulide beschreibt eine Strategie, mit der sogenannte N-Methylamine in deutlich komplexere Strukturen umgewandelt werden können. Die Methode könnte insbesondere für die moderne Wirkstoffforschung von Bedeutung sein, in der häufig Hunderte Varianten eines Moleküls getestet werden müssen.
Amine als zentrale Bausteine biologischer Systeme
Amine gehören zu den wichtigsten funktionellen Gruppen der Chemie. Sie finden sich in Proteinen, Neurotransmittern, Naturstoffen und zahlreichen pharmazeutischen Wirkstoffen.
„Amine sind überall. Proteine, Medikamente, Neurotransmitter – praktisch alle biologischen Prozesse hängen von Aminen ab. Umso wichtiger ist die Möglichkeit, solche Strukturen direkt und selektiv verändern zu können“, sagt Uroš Vezonik, Doktorand in der Maulide-Gruppe an der Universität Wien und Co-Erstautor der Studie.
Auch für Nuno Maulide liegt die Bedeutung der Arbeit in der zentralen Rolle dieser Verbindungsklasse: „Amine sind durch ihre besonderen Eigenschaften essenzielle Bestandteile aller Strukturen des Lebens. Und weil Organismen so gut mit Aminen umgehen können, haben auch nicht-natürliche Amine oft großen Einfluss auf biologische Systeme.“
Selektive Modifikation von N-Methylaminen
Im Zentrum der Arbeit steht ein Problem, das die Synthesechemie seit Jahrzehnten beschäftigt: die selektive Modifikation sekundärer N-Methylamine. Dabei handelt es sich um Verbindungen, deren Stickstoffatom eine Methylgruppe (CH₃) trägt. Solche Strukturen finden sich in zahllosen biologisch aktiven Molekülen und pharmazeutischen Wirkstoffen.
Bislang erforderte ihre gezielte Veränderung meist aufwendige Mehrstufensynthesen oder den Einsatz empfindlicher Metallkatalysatoren. Die nun vorgestellte Methode verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz. Statt komplexe Moleküle vollständig neu aufzubauen, wird nur ein kleiner Teil der Struktur ausgetauscht – gewissermaßen eine molekulare Textkorrektur.
Dazu nutzen die Forschenden einfache Alkene als leicht verfügbare Kohlenwasserstoffverbindungen. Mit ihrer Hilfe wird die Methylgruppe eines Amins direkt durch deutlich komplexere Fragmente ersetzt. Das Team bezeichnet dieses Konzept als „Alkyl Swap“.
„Das Faszinierende daran ist die Einfachheit“, erklärt Daniel Kaiser von der Universität Wien, Mitautor der Studie. „Man kann hochkomplexe Moleküle an einer ganz bestimmten Stelle verändern, ohne das restliche Molekül anzutasten.“
„Badewannenchemie“ unter erstaunlich einfachen Bedingungen
Bemerkenswert ist dabei nicht nur das Konzept selbst, sondern auch die Robustheit der Reaktion. Viele moderne Methoden zur Funktionalisierung von Aminen benötigen streng wasser- und sauerstofffreie Bedingungen, spezielle Photokatalysatoren oder empfindliche Reagenzien.
Die neue Reaktion funktioniert dagegen unter vergleichsweise einfachen Bedingungen. Maulide spricht deshalb von „Badewannenchemie“.
„Die Reaktion ist so einfach, dass man sie theoretisch auch in einer (beheizbaren) Badewanne durchführen könnte“, erläutert Maulide. „Natürlich empfehlen wir trotzdem ein Labor“, scherzt er.
Auch Giulia Iannelli, Co-Erstautorin und ehemalige Postdoktorandin in der Maulide-Gruppe, hebt die Besonderheit des Verfahrens hervor: „Wir sind somit in der Lage, komplexe Amine zu funktionalisieren die in dieser Form mit keiner anderen bisher bekannten Methode umgewandelt werden könnten. Das macht diesen Prozess so wertvoll.“
Breites Anwendungsspektrum in der Arzneimittelforschung
Um die Leistungsfähigkeit der Methode zu demonstrieren, testete das Team die Reaktion an einer Vielzahl pharmazeutisch relevanter Moleküle. Dazu gehörten Derivate bekannter Wirkstoffe wie Fluoxetin, Duloxetin, Sertralin, Atomoxetin und Citalopram.
Darüber hinaus gelang den Forschenden die direkte Synthese mehrerer kommerziell wichtiger Arzneistoffe in nur einem einzigen Reaktionsschritt.
Die Methode erwies sich zudem als geeignet für die späte Modifikation komplexer Wirkstoffmoleküle, für Peptidfunktionalisierungen, die Synthese von Peptid-Wirkstoff-Konjugaten sowie für die schnelle Herstellung medizinisch relevanter Molekülbibliotheken.
Gerade in der modernen Wirkstoffforschung, in der oft Hunderte Varianten eines Moleküls hergestellt und getestet werden müssen, könnte die Strategie erhebliche Vorteile bieten.
Neue Denkweise in der Synthesechemie
Die Bedeutung der Arbeit liegt nach Ansicht der Forschenden nicht nur in der konkreten Reaktion, sondern auch in der dahinterstehenden Logik. Während klassische Aminsynthesen meist auf Aldehyden und Reduktionsmitteln beruhen, nutzt die neue Methode einfache Alkene als stabile und leicht verfügbare Ausgangsstoffe.
„Uns begeistert vor allem die neue Art zu denken, die diese Methode ermöglicht“, sagt Maulide. „Plötzlich werden Moleküle schnell und einfach zugänglich, die bislang synthetisch extrem aufwendig waren.“
Was auf dem Papier verblüffend einfach erscheint – ein Amin, ein Alken und Formaldehyd in einem Reaktionsgefäß – könnte sich damit als neuer Baustein moderner Moleküleditierung etablieren. Für die Wirkstoffforschung eröffnet der Ansatz die Möglichkeit, Molekülvarianten schneller und effizienter zugänglich zu machen und so neue Wege in der Entwicklung pharmazeutischer Wirkstoffe zu beschreiten.
Publikation:
Vezonik, U., Iannelli, G., Kaiser, D., & Maulide, N. (2026). An alkyl-swap platform for late-stage modification of secondary N-methylamines. Nature Chemistry. DOI:10.1038/s41557-026-02178-7
Quelle: Universität Wien










