Labortechnik

Laborbauten

DGNB entwickelt Nachhaltigkeitssiegel

Andrea Laupichler, Johannes Weitzel*)

Das Thema Nachhaltigkeit rückt in Gesellschaft und Bauwirtschaft immer mehr in den Fokus. Ressourcenverknappung, Finanzkrise und Klimawandel katalysieren diese Entwicklung. Laborgebäude machen da keine Ausnahme. Aufgrund ihres hohen Grades der Technisierung zur Erlangung der Sicherheitsziele weisen sie im Mittel circa dreifach höhere Energie- und spezifische Betriebskosten auf als z.B. Büroimmobilien.

Die Mannigfaltigkeit ihrer Ausrichtung und Nutzung erschwert eine objektive Beurteilung dieser Baukörper, ihrer Erstellung sowie der Betriebsprozesse. Andererseits bergen hoher Verbrauch und beträchtliche Kosten auch große Potentiale zur Optimierung. So befassen sich heute viele Gruppen und Institutionen intensiv damit, Labore wirtschaftlicher zu betreiben.

Nachhaltigkeit hat jedoch nicht nur ökologische und ökonomische Aspekte. Soziokulturelle und funktionale Prozesse und deren Qualitäten spielen eine zunehmende Rolle in einer Arbeitswelt, die um die Ressourcen qualifizierter Mitarbeiter ringt. Manche Arbeitgeber punkten da auch durch eine Green-Building-Zertifizierung. Die Bereitschaft, in ein solches Label zu investieren setzt Signale und dokumentiert ein Stück Unternehmenskultur.

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DGNB-Zertifizierung – neue Kriteriensteckbriefe

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) wurde 2007 von sechzehn Initiatoren unterschiedlicher Fachrichtungen der Bau- und Immobilienwirtschaft gegründet. In Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) wurde ein DGNB-Zertifizierungssystem entwickelt. Ende 2009 entstand dann die DGNB-Arbeitsgruppe Labore, um das Nutzungsprofil „Neubau Laborgebäude“ zu entwickeln.

Ziel dieser 25-köpfigen Expertengruppe ist es, die ganzheitliche Betrachtung und Bewertung einzelner Aspekte der Nachhaltigkeit von Laborgebäuden zu ermöglichen, die bisher nur isoliert betrachtet wurden. Außerdem will man möglichst viele Nutzungsausprägungen abbilden und eine Vergleichbarkeit der Performance von Laborgebäuden untereinander (Lebenszykluskosten, Energieverbrauch, etc.) erreichen. Dabei dürfen Maßnahmen, die aus Sicherheitsgründen erforderlich sind oder sich aus der Nutzung heraus zwingend ergeben, nicht zu einer schlechteren Bewertung eines Laborgebäudes bei der Zertifizierung führen.

Die Grundlage zur Erarbeitung des Nutzungsprofils „Neubau Laborgebäude“ bilden die Steckbriefe (SB) des Nutzungsprofils „Neubau Büro- und Verwaltungsgebäude“ der Version 2009 (NBV09). Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Gebäudenutzungsart Labor im Vergleich zum Büro- und Verwaltungsgebäude werden die meisten Kriterien angepasst. So werden u.a. die bislang zurückgestellten Steckbriefe für die Technische Gebäudeausrüstung (SB 36-38) bearbeitet und aktiviert. Hierdurch wird der hohen Installationsdichte bei Laborgebäuden Rechnung getragen. Wegen der Nutzungsvielfalt in Laborgebäuden werden zudem in SB 00 „Allgemeine Grundlagen“ umfangreiche Änderungen vorgenommen.


Standardisierter Vergleich durch Referenzbildung

Dieser SB 00 weitet die Grenzen des Nutzungsprofils aus, so dass die Bewertung aller Laborgebäude möglich wird. Damit trägt man dem Umstand Rechnung, dass Laborgebäude meist zusätzlich auch noch für Büro- und Verwaltungstätigkeiten genutzt werden.

In dem Steckbrief wird nun in Anlehnung an das EnEV-Referenzgebäude (EnEV = Energieeinsparverordnung) ein virtuelles Laborgebäude beschrieben, in dem die Nutzungsvielfalt eines Projektes vollständig abgebildet ist. Technische Mindestvorgaben bzw. Konstruktionsanweisungen sind definiert. Das Verfahren arbeitet ähnlich der EnEV-Nachweisführung, welche auch die architektonische Referenz mit Mindestdämmstärken sowie einem Mindeststandard an technischer Ausstattung vorgibt, die vom realen Objekt gehalten oder überboten werden muss.

Auch dem realen Laborgebäude bzw. Bewertungsgegenstand wird das virtuelle Laborgebäude gegenübergestellt und die Werte miteinander verglichen. Die Ergebnisse sind für eine Reihe von Steckbriefen relevant:

• SB 1-5, 10, 11 Ökobilanzierung (für B: Rechenverfahren Nutzungsszenario).
• SB 14 Frischwasserverbrauch Nutzungsphase (für die Verbrauchswerte für die Laborarbeit).
• SB 16 Gebäudebezogene Kosten im Lebenszyklus (abhängig von der Berechnungsart).
• SB 38 Systemqualität der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA).


Weitere Kriterien werden angepasst

Im Bereich "Ökologische Qualität" werden wegen des hohen Installierungsgrades von Laborgebäuden zu den Wärmeerzeugungsanlagen Lüftungs-, Teilklima-, Klima- und Kälteanlagen hinzugefügt. Die Laboreinrichtung aus KG 400 soll als wichtiger Bestandteil von Laborgebäuden in die Gesamtberechnung einbezogen werden.

Energie- und Wasserbedarf für die Laborarbeiten (Bereitstellungsenergien) werden zusätzlich berücksichtigt, um eine Kennwertbildung für Betreiber zu ermöglichen. Ziel ist die Betriebsoptimierung in zukünftigen Planungsphasen.
In SB 14 werden zusätzliche Wasserarten eingeführt, um der Labornutzung gerecht zu werden: Wasser im Labor und Prozessbereich, Betriebswasser und Prozesswasser. Außerdem Wasser, das von der TGA für den Gebäudebetrieb genutzt wird sowie dafür, um für den Laborbetrieb weitere Wasserarten aufzubereiten. Die Bewertung erfolgt hier teilweise qualitativ, teilweise quantitativ. Ebenso sollen Maßnahmen zur Vermeidung von Verunreinigungen des Wassers und zur Reduzierung des Wasserverbrauchs qualitativ bewertet werden.

Bei der Hauptkriteriengruppe der „Ökonomischen Qualität“ werden u.a. Änderungen bei der TGA vorgenommen, die Anlagen für Medien der Labortechnik und der prüfpflichtigen Teile der Laboreinrichtung ergänzt und auf Richtlinien wie der VDMA Bezug genommen.


Soziokulturelle und funktionale Qualität

In SB 18 und 19 „Thermischer Komfort im Winter/Sommer“ wurden einige Bewertungsfaktoren an die Besonderheiten von Laborgebäuden angepasst. Bei der Bewertung der Zuglufterscheinungen werden z.B. betriebsbedingte Abzüge aus der Bewertung herausgenommen, wenn für diese ein Nachweis vorliegt. Für die Betrachtung der relativen Luftfeuchte wird darauf hingewiesen, dass teilweise betriebs- und prozessbedingt andere Luftfeuchten erforderlich sind, als in anderen Gebäudearten.

Bei der Berechnung der Flächeneffizienz in SB 27 wird zur besseren Vergleichbarkeit der Gebäude die Technikfläche (TF) bei der BGF in Abzug gebracht. Die TF kann abhängig von Art und Nutzung der Laborgebäude erheblich variieren. SB 28 „Umnutzungsfähigkeit“ erhält eine Veränderung der lichten Raumhöhe auf mehr als 3,60 Meter und eine Erweiterung des Fragenkatalogs.


Technische Qualität und Prozessqualität

Die drei Steckbriefe der TGA – SB 36 „Flexibilität der Technischen Gebäudeausrüstung“, SB 37 „Wartungs- und Bedienungsfreundlichkeit der Technischen Gebäudeausrüstung“ und SB 38 „Systemqualität der Technischen Gebäudeausrüstung“ – werden an das Nutzungsprofil angepasst und aktiviert.

In der Hauptkriteriengruppe der Prozessqualität werden die meisten Kriterien aus dem Nutzungsprofil „Neubau Büro- und Verwaltungsgebäude“ (NBV09) übernommen. In SB 45 „Nachweis der Optimierung und Komplexität der Herangehensweise in der Planung“ werden zusätzlich das Sicherheitskonzept und das Lüftungskonzept in die Bewertung mit aufgenommen.


Einsatzbereiche des DGNB-Nutzungsprofils Labor

Neben der Zertifizierung von Laborgebäuden dienen die Kriterien auch als Bewertungshilfe für die Projektkonzeption, Budgetbeantragung und Qualitätssicherung, vor allem bei GÜ-/PPP-Projekten (GÜ = Generalübernehmer, PPP = Public Private Partnership). Die Analyse von Einzelaspekten ermöglicht etwa Aussagen über die Wirkung von Einzelmaßnahmen auf die Lebenszykluskosten, den Vergleich der Performance von Laborgebäuden oder die Bewertung ökologischer Qualität.

Die in Deutschland wesentlichen Zertifizierungssysteme im Bereich des so genannten Green Building sind das der DGNB und die US-amerikanische Leed-Zertifizierung des U.S. Green Building Council. Leed verfügt über ein Nutzungsprofil für Labore und kann bereits erste Zertifizierungen in diesem Bereich in Deutschland verzeichnen. Auch wenn das Nutzungsprofil der DGNB für Labore noch in der Entwicklung steckt, kann man davon ausgehen, dass sich die Unterschiede der beiden Zertifizierungssysteme ähnlich darstellen wie für Büro- und Verwaltungsgebäude, also vor allem in der Gewichtung der verschiedenen Bereiche der Nachhaltigkeit sowie in der Güte der Kriterien liegen.

Die Anforderungen der DGNB-Kriterien sind meist höher als bei Leed. Die Investitionskosten für eine Green-Building-Zertifizierung von Laborgebäuden werden daher voraussichtlich, ähnlich wie bei Bürobauten, bei der DGNB über denen des U.S. Green Building Council liegen und mit der jeweiligen Güte der Auszeichnung ansteigen.
Ob sich ein Unternehmen für ein DGNB-Siegel oder jedoch für Leed entscheidet, wird vorwiegend nach der internationalen Ausrichtung des betreffenden Unternehmens entschieden.


Nachhaltige Wirtschaftsimmobilien

Die Green-Building-Zertifizierungen im Laborsektor sind auf dem Vormarsch. Mehrere Institutionen wie z.B. die IFMA – Benchmarking Industrielles Facility Management – oder EGNATON, die Europäische Gesellschaft für nachhaltige Labortechnologien, befassen sich seit Jahren damit. Eine neue Etappe wird eingeläutet: Labore werden aus dem Status der Spezialimmobilie überführt in das Portfolio nachhaltig zu betreibender Wirtschaftsimmobilien, mit einer vergleichbaren Auszeichnung bei einer individuell angepassten Bewertung.

Eines der ersten deutschen Leed-zertifizierten Laborgebäude hat Carpus+Partner für Qiagen gebaut. Zudem hat Carpus+ Partner aktiv an den Laborsteckbriefen des DGNB mitgearbeitet und ist Mitglied bei EGNATON. Um höherwertige Immobilien zu schaffen, werden Projekte hier intensiv und mit hohem Anspruch geplant.


Ausblick

Noch sind nicht alle Bauherren bereit, die Qualität ihrer Projekte mit einem Label zu dokumentieren. Das Argument einer schnelleren Vermietung oder die besseren Marktchancen beim Verkauf motivieren allerdings immer öfter dazu. Architekten und Ingenieure lernen mit den Kriterien der Nachhaltigkeit, die vielen Querverbindungen in einem Projekt nicht außer Acht zu lassen, sondern aktiv zu gestalten. So wird mittelfristig der gesamte Markt von der Zertifizierung profitieren.

* Andrea Laupichler, Johannes Weitzel, Carpus+Partner AG, Aachen, E-Mail: info@carpus.de

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