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Wie alt sind wir wirklich?

Melanie Steinbeck,

Bioage-Score: Mithilfe von Blut-Biomarkern den individuellen Alterungsprozess messen

Altern ist ein hochindividueller Prozess. Ein internationales Konsortium unter Koordination von Konstanzer Forschenden hat eine Methode entwickelt, mit der sich anhand von Biomarkern das biologische Alter einer Person bestimmen lässt. Der Ansatzt ist interessant für die Alterungsforschung und könnte neue Ansätze in der Präventivmedizin ermöglichen.

© rawpixel/stock.adobe.com

Lässt sich aus dem Alter einer erwachsenen Person auf ihre körperliche Verfassung schließen? „Jein“, lautet die Antwort. Es ist bekannt, dass der Körper mit jedem Jahr ein Stück Funktionsfähigkeit verliert, dass das Risiko für altersbedingte Krankheiten steigt. Und doch: Zwei Menschen, geboren im gleichen Jahr, können Welten zwischen sich tragen, was Gesundheit und Alterungsprozess betrifft. Chronologisches Alter – ein einfacher Zähler. Biologisches Alter – ein Spiegel der tatsächlichen körperlichen Alterung, geprägt von Lebensstil, Genetik und Umwelt.

Die Frage, wie sich dieses biologische Alter präzise bestimmen lässt, stellte das internationale "MARK-AGE-Konsortium". In einer europaweiten Querschnittsstudie identifizierten die Forschenden bei Frauen und Männern altersbedingte Veränderungen von je zehn Messwerten im Blut. Biomarker, die zusammenspielen, um das biologische Alter einer Person zu berechnen. In einer aktuellen Publikation unter Federführung von Maria Moreno-Villanueva und Alexander Bürkle von der Universität Konstanz wurde der „Bioage-Score“ nun auf den Prüfstand gestellt und genutzt, um weitere klinisch relevante Biomarker zu identifizieren, die mit dem biologischen Alter in Verbindung stehen.

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Ein einzelner Messwert reicht nicht

Die Vergangenheit der Alterungsforschung ist voll von Versuchen, ein einzelnes Maß zu finden. Doch jeder für sich allein ist zu schwach, zu unvollständig. „Der biologische Alterungsprozess ist sehr komplex. Er betrifft alle Gewebe und Organe des Körpers und lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Die Auswertung einzelner Biomarker reicht daher für eine verlässliche Bestimmung des biologischen Alters eines Menschen nicht aus“, sagt Moreno-Villanueva. „Außerdem gibt es Unterschiede bei der Alterung von Männern und Frauen.“

Das Konsortium wählte einen anderen Weg: für jedes Geschlecht eine eigene Kombination an Biomarkern. Daten von rund 3.300 Probandinnen und Probanden aus acht europäischen Ländern flossen ein, getestet auf 362 verschiedene Werte. Heraus kamen zehn Biomarker pro Geschlecht, die zusammen den Bioage-Score bilden – ein Maß, das das biologische Alter abbildet.

Altern als individueller Prozess

Maria Moreno-Villanueva (rechts) und Alexander Bürkle (links) von der Universität Konstanz © Thilo Sindlinger

„Betrachten wir die Bioage-Scores einer Vielzahl von Menschen aus demselben Geburtsjahrgang, so haben diese Werte eine große Spannbreite. Daran zeigt sich sehr gut, dass jeder Mensch seinen individuellen biologischen Alterungsprozess durchlebt und dass zum Beispiel einige Personen biologisch gesehen deutlich jünger sind, als ihr chronologisches Alter vermuten lässt“, sagt Moreno-Villanueva. Die Berechnung zeigt: Unterschiede sind messbar, nachvollziehbar, echt.

Menschen mit Trisomie 21 – bei denen der Alterungsprozess beschleunigt sei – weisen eine deutlich höhere Differenz zwischen biologischem und chronologischem Alter auf. Frauen über 50, die nach Beginn der Menopause eine Hormonersatztherapie begannen, waren biologisch jünger als Frauen gleichen Alters ohne Therapie. Raucherinnen zeigen: Je mehr Zigaretten sie im Leben konsumiert haben, desto größer die Differenz – ein klarer Hinweis: Rauchen beschleunigt Alterung. „All diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund aktueller Forschung zu den Alterungs-Effekten von Rauchen, Hormonersatztherapie oder Trisomie 21 plausibel und bestätigen die Aussagekraft unseres Bioage-Scores“, ordnet Bürkle ein.

Ein Schritt in Richtung neuartiger Präventivmedizin

Der Bioage-Score offenbart noch mehr. Er hilft, klinisch relevante Biomarker zu erkennen, die mit dem biologischen, nicht mit dem chronologischen Alter zusammenhängen. 25-Hydroxy-Vitamin-D, HDL – das High-Density Lipoprotein – und der Anteil von T-Helferzellen bei den Leukozyten (CD3+CD4+/CD45+-Verhältnis) zeigen, wie eng Alterung, Stoffwechsel und Immunsystem verwoben sind. Je niedriger das biologische Alter, desto eher liegen diese Werte in einem gesundheitsförderlichen Bereich.

Die Ergebnisse liefern nicht nur neue Erkenntnisse über das biologische Alter. Sie öffnen Wege, Alterung individuell zu begreifen. „Verlässliche Biomarker für das biologische Altern sind wichtige Werkzeuge, um Alterungsprozesse auch bei gesunden Menschen nachzuvollziehen oder um Personen zu identifizieren, die ein hohes Risiko tragen, später eine altersbedingte Krankheit oder körperliche Einschränkung zu entwickeln. Sie können dadurch auch den Weg für neue Ansätze in der individualisierten Präventivmedizin ebnen“, sagt Bürkle.

Hintergrund und Förderung

Im Forschungsprojekt "MARK-AGE" identifizierte ein europaweites Team aussagekräftige Marker für das biologische Altern. 26 Arbeitsgruppen aus Universitäten, Forschungszentren und Firmen in 14 europäischen Ländern waren beteiligt. Untersucht wurden über 3.300 Freiwillige, Männer und Frauen zwischen 35 und 74 Jahren aus verschiedenen Regionen Europas. Gefördert wurde das Projekt mit rund 12 Millionen Euro im siebten EU-Forschungsrahmenprogramm (FP7). Koordiniert wurde das Projekt von Prof. Alexander Bürkle vom Fachbereich Biologie der Universität Konstanz.

Originalpublikation:
Moreno-Villanueva, M., Junk, M., […], & Bürkle, A. (2026). Biologically younger individuals, as identified by MARK-AGE biological age scores, display a distinct favourable blood chemistry profile regardless of age. Aging Cell. DOI:10.1111/acel.70437

Quelle: Universität Konstanz

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