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„Aufgabe des Staates ist Zukunftsvorsorge.“

Forschung zur Umweltsicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen
Männlicher Blütenstand an der Spitze der Maispflanze, der den Pollen liefert. (Quelle: Norbert Lehmann/www.biosicherheit.de).


Wissenschaftler aus vom BMBF geförderten Forschungsprojekten präsentierten am 10. März 2008 in Berlin die Ergebnisse ihrer Arbeit aus den vergangenen drei Jahren. Unter den etwa 130 Teilnehmern waren neben Wissenschaftlern auch Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Medien, Verbänden und interessierte Laien. Ein zentrales Thema war das Gewicht wissenschaftlicher Ergebnisse in der gesellschaftlichen Debatte. Zudem ging es um die Sicherheit von Bt-Mais und die „Illusion der Gewissheit“.

„Verantwortung heißt, die Folgen des Tuns wie des Unterlassens abzuwägen“, eröffnete BMBF- Staatssekretär Michael Thielen die Tagung. Auch Nichthandeln berge Risiken. Schon heute würden gentechnisch veränderte Pflanzen weltweit zu Futtermitteln verarbeitet und gentechnisch veränderte Produkte aus aller Welt seien auch hierzulande in den Regalen zu finden. Daher sei die Zukunftsvorsorge Aufgabe des Staates. Zukunftsvorsorge bedeute zum einen, die Bedeutung des Forschungsfeldes für Deutschland deutlich zu machen; sie bedeute zum anderen, der Agrar- und Ernährungsforschung in Deutschland insgesamt, und der Pflanzenbiotechnologie im besonderen, Forschungsbedingungen zu geben, die exzellente Wissenschaft ermöglichen und ein enges Zusammenspiel von Forschung und Anwendung fördern. Drittens heiße Zukunftsvorsorge, einen Beitrag zu leisten für einen sicheren Umgang mit biotechnologischen Innovationen. Daher müssten mögliche Risiken frühzeitig geprüft werden. „Die mit Hilfe der Gentechnik optimierten Pflanzen sind die am besten untersuchten und verstandenen Pflanzen weltweit – über Kulturpflanzen und manche Wildkräuter wissen wir weit weniger“, gab Thielen zu bedenken. Dennoch, allein rationale Argumente überzeugen die Menschen nicht, „wir müssen auch die Emotionen der Menschen berücksichtigen und sie stärker ansprechen“. Es gebe keine Alternative, als an Transparenz und Information festzuhalten und an der Überzeugungskraft der Wissenschaft zu arbeiten. „Deswegen wollen wir heute Ihre Anregungen aufgreifen. Wir wünschen uns wichtige Impulse für die Gestaltung unserer Förderung.“

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Seit Ende der 80er Jahre investiert das BMBF in die Erforschung der Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen. Bis einschließlich 2007 wurden 120 Projekte gefördert. In den kommenden drei Jahren stehen weitere zehn Millionen Euro für die biologische Sicherheitsforschung zur Verfügung. Aktuell beschäftigen sich Wissenschaftler in 24 Projekten an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen im Auftrag des BMBF mit der Umweltsicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen. Die Fragestellungen reichen vom Einfluss auf nützliche Insekten über die Verhinderung unerwünschten Pollenflugs bis hin zu einer möglichen Resistenzentwicklung bei Schädlingen. Einige der wissenschaftlichen Ergebnisse wurden im Rahmen der Tagung vorgestellt und mit dem Publikum diskutiert.

„Illusion der Gewissheit“

Die Tagung gab dem Publikum Gelegenheit, Forschungsergebnisse aus dem BMBF-Förderschwerpunkt direkt mit den beteiligten Wissenschaftlern zu diskutieren. Gleichzeitig wurde der Blick in die Zukunft gerichtet. Denk- und Diskussionsanstöße hierfür lieferte Prof. Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Objektive Risiken, die sich aus wissenschaftlichen Daten ableiten lassen, unterscheiden sich häufig von „gefühlten Risiken“, also der subjektiven Risikowahrnehmung in der Gesellschaft. Als Ursache hierfür sieht Gigerenzer nicht nur einen Mangel an Wissen und zunehmendes Misstrauen in die Industrie und politische Organisationen, sondern auch die „Illusion der Gewissheit“. Die elementare Tatsache, dass es auf dieser Welt kein „Nullrisiko“ gibt, werde weder in der Schule gelernt noch von Industrie und Politik transparent kommuniziert. „Wir müssen lernen, mit Unsicherheiten zu leben“, sagte Gigerenzer. Transparenz und eine offene, ehrliche Kommunikation seien eine wesentliche Voraussetzung für Veränderungen in der Gesellschaft. „Zu viele Entscheidungen werden hinter verschlossenen Türen getroffen.“

Zwei weitere Aspekte in diesem Zusammenhang wurden in der anschließenden Diskussion aus dem Publikum ergänzt: Der Unterschied zwischen selbst gewählten Risiken wie Rauchen oder Autofahren und Risiken, die der Bürger nicht selbst kontrollieren kann sowie die Tatsache, dass für die Risikowahrnehmung auch der persönliche Nutzen eine Rolle spielt.

Bt-Mais – ein Risiko für die Umwelt?

Schadet der Anbau von gentechnisch verändertem Mais der Umwelt? Diese in der Gesellschaft besonders kontrovers diskutierte Frage beleuchtete Prof. Ingolf Schuphan von der RWTH Aachen. Bt-Mais MON810 ist in der EU und Deutschland bislang die einzige gentechnisch veränderte Pflanze, die landwirtschaftlich genutzt wird. Sie enthält ein Gen aus dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis (Bt), das eine Resistenz gegen den Maiszünsler bewirkt. Im Rahmen der biologischen Sicherheitsforschung untersuchte ein Verbundvorhaben aus elf Partnerprojekten drei Jahre lang verschiedene Aspekte möglicher Umweltwirkungen. „Wenn es Effekte durch das Bt-Toxin geben sollte, dann sind sie zufallsbedingt und am Rande der Nachweisbarkeit“, so das Fazit von Verbundkoordinator Schuphan. Die größten Effekte auf Nicht-Zielorganismen habe man bei konventionellem Mais gefunden, der mit Insektiziden behandelt wurde. Das Verbundvorhaben der aktuellen Förderperiode beschäftigt sich nun vor allem mit neuen Bt-Maissorten, die gegen den Maiswurzelbohrer resistent sind. Dieser Schädling breitet sich derzeit in Europa aus und wurde im Sommer 2007 erstmals in Deutschland entdeckt.

Gentechnisch veränderte Bäume

Einblick in die Ergebnisse mehrerer Arbeitsgruppen, die mögliche Umweltwirkungen transgener Gehölze erforschen, gab Prof. Francois Buscot von der Universität Leipzig und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig Halle. Im Gegensatz zum Mais werden gentechnisch veränderte Gehölze in Europa bislang nicht kommerziell angebaut. Das Risiko einer Übertragung eingeführter Gene in die nächste Generation ist aufgrund der Langlebigkeit hier besonders zu beachten. Die Wissenschaftler entwickeln daher Methoden, um dies zu verhindern. Aus Sicht von Buscot ist die Anwendung gentechnisch veränderter Bäume im Fall von Intensivkulturen, also im Obstbau, bei der Standortsanierung oder in der Non-Food-Produktion ein „kalkulierbares Risiko“. Der Anbau sei von begrenzter Dauer, die Flächen gut eingegrenzt und man könne Sicherheitsmaßnahmen vorsehen und kontrollieren. „Der Einsatz transgener Bäume in der extensiven Forstwirtschaft scheint mir dagegen eher kritisch zu sein“, so Buscot. Für ein funktionierendes Waldökosystem sei nicht nur die Interaktion mit Parasiten und Symbionten, sondern auch die genetische Diversität der Bäume essenziell. Diese sei bei einer Aufforstung mit gentechnisch veränderten Pflanzen aber noch nicht gegeben, obwohl in diese Richtung auch geforscht werde. Die Erosion der Biodiversität sei allerdings kein spezifisches Problem transgener Pflanzen, sondern unter anderem die Folge einseitiger Aufforstungen und Züchtungen.

Mehr Sicherheit bei transgenen Pflanzen?

„Transgene Pflanze – ein sicheres Designerprodukt?“ lautete die Frage, die Prof. Reinhard Hehl von der TU Braunschweig in den Mittelpunkt seines Vortrags stellte. Der Wissenschaftler leitet ein Verbundvorhaben aus sieben Partnerprojekten, die untersuchen, wie sich die Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen mit molekularbiologischen Methoden optimieren lässt. Laut Hehl lassen sich Pflanzen heute wesentlich präziser transformieren als noch vor zehn Jahren. Große Fortschritte seien bei der Entfernung umstrittener Markergene gemacht worden. Dennoch seien diese Fragen eher ein „theoretisches Problem“, die viel diskutierte Übertragung von Genen auf Bakterien im Darm unwahrscheinlich. „Aus meiner Sicht sind diese Dinge nicht unbedingt sicherheitsrelevant.“ Entscheidend sei vielmehr, was das veränderte Gen in der Pflanze bewirkt. Die Antwort des Wissenschaftlers auf die eingangs formulierte Frage: „Ein Designerprodukt ist nur so sicher wie das Gen, das ich einführe“.

Blick in die Zukunft

Angeregt durch den Impulsvortrag wagten alle Teilnehmer im Anschluss den Blick in die Zukunft einer modernen biologischen Sicherheitsforschung. Die Anregungen wurden anschließend im Plenum vorgestellt und auf drei zentrale Herausforderungen der biologischen Sicherheitsforschung kondensiert:

  • Mehr Transparenz und zielgruppenspezifische Kommunikation,
  • eine Ausweitung auf den Kontext Landwirtschaft und
  • eine Internationalisierung im Bezug auf Wissen, Regularien und Daten.

Volker Rieke, Unterabteilungsleiter „Lebenswissenschaften“ beim BMBF, versprach in seinem Schlusswort, die Ergebnisse in die Ausrichtung der kommenden Förderperiode einzubeziehen. „Die sachgerechte Bewertung der Gentechnik ist nur auf Basis wissenschaftlicher Ergebnisse möglich. Ich hoffe, dass das, was die BMBF-Förderung anstößt, uns und Ihnen dabei hilft.“

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