Studie mit Definition einer Nachhaltigkeits-Governance

Melanie Steinbeck,

Vier Empfehlungen für den schnellen Ausbau des Wasserstoffsektors

Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zeigen erneut, wie verwundbar eine auf fossilen Energien basierende Versorgung ist. Wer Klimaziele erreichen und energieintensive Industrien dekarbonisieren will, kommt an erneuerbarem Wasserstoff nicht vorbei. Ein Policy Paper des Forschungsinstituts für Nachhaltigkeit (RIFS) liefert dazu eine klare Botschaft: Die Europäische Union verfügt bereits über tragfähige Governance-Strukturen – sie müssen nun gezielt genutzt und weiterentwickelt werden.

Eine solide Nachhaltigkeitsgovernance trägt dazu bei, Transparenz und fairen Wettbewerb zu gewährleisten, indem sie sicherstellt, dass alle Wirtschaftsakteure dieselben Standards und Schutzmaßnahmen einhalten. © RIFS@GFZ/ R. Quitzow & M. Rischer

Das Potenzial ist groß. Grüner Wasserstoff kann fossile Brennstoffe etwa in der Stahl- und Chemieindustrie ersetzen. Zugleich eröffnet er neue Wertschöpfungsperspektiven, insbesondere in Regionen mit reichlich erneuerbaren Energien. Doch der Hochlauf steht unter Zeitdruck. Die Klimakrise duldet keinen Aufschub.

Gleichzeitig ist der Ausbau nicht risikofrei. Die Produktion von Wasserstoff kann ökologische und soziale Probleme verschärfen. Ein zentrales Beispiel ist der Wasserverbrauch: Mehr als 60 Prozent der potenziellen weltweiten Onshore-Produktion liegen in Regionen mit Wasserknappheit.

Vor diesem Hintergrund analysieren Rainer Quitzow und Maximilian Rischer in ihrem Papier „Strengthening Sustainability Governance for a Rapid Hydrogen Ramp-Up“ bestehende Governance-Ansätze. Ihr Befund fällt nüchtern aus – und ermutigend: Vieles ist bereits vorhanden. „Die Regeln und Mechanismen müssen nicht komplett neu erfunden werden“, sagt Wissenschaftler Maximilian Rischer – „da in anderen Bereichen, zum Beispiel bei Entwicklungsbanken, bereits Rahmenwerke für ökologische und soziale Belange existieren, die auf den Wasserstoffsektor angepasst werden müssen.“

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Im vorliegenden Policy Paper werden schließlich vier Maßnahmen auf internationaler und EU-Ebene vorgeschlagen, die nicht nur die Governance-Strukturen bei der Unterstützung von Nachhaltigkeitszielen effektiver gestalten, sondern auch die Kapazitäten entlang der Wertschöpfungskette stärken.

1. Empfehlung: Richtlinien für Wasserstoff ausarbeiten zur Umsetzung einer nachhaltigkeitsbezogenen Sorgfaltspflicht

Richtlinien für Wasserstoff zum Durchführen einer nachhaltigkeitsbezogenen Sorgfaltspflicht (Due Diligence) können Unternehmen dabei unterstützen, Zugang zu Finanzmitteln zu erhalten, gleichzeitig die Bemühungen zur Minderung ökologischer und sozialer Risiken stärken. Eine gemeinsame Initiative der großen multilateralen Entwicklungsbanken und wichtiger privater Finanzinstitute zur Entwicklung solcher Richtlinien für den Wasserstoffsektor könnte dazu beitragen, einen globalen Maßstab für diesen Zweck zu etablieren.

2. Empfehlung: ISO-Standard für die Nachhaltigkeit von Wasserstoff

Ergänzend zur Entwicklung sektorspezifischer Leitlinien könnte die Einführung einer ISO-Norm zur Bewertung der Nachhaltigkeit im Wasserstoffsektor die Harmonisierung und Angleichung der Ansätze im Laufe der Zeit weiter unterstützen. Zudem bietet sie Sicherheit für Projektentwickelnde in Zeiten möglicher regulatorischer Anpassungen. In Deutschland wurde im Rahmen des nationalen Normungsinstituts DIN bereits ein Entwurf für einen Nachhaltigkeitsstandard für Wasserstoff erarbeitet, der auf internationaler Ebene übertragen werden könnte.

3. Empfehlung: Bewährte Verfahren im Bereich Nachhaltigkeit, Kapazitätsaufbau und Wissensaustausch fördern

Der Austausch bewährter Verfahren (Best Practices) im Bereich Nachhaltigkeit im Wasserstoffsektor, verbunden mit Kapazitätsaufbau und Wissensaustausch, kann die Fähigkeit von Projektentwicklern stärken, glaubwürdige und kosteneffiziente Ansätze zur Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien und Sorgfaltspflichten zu entwickeln. Akteure wie das International PtX Hub spielen dafür bereits heute eine wichtige Rolle.

4. Empfehlung: Gewährleistung gleicher Wettbewerbsbedingungen durch solide Zertifizierungssysteme

Gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Wirtschaftsakteure gewährleisten, indem die Europäische Kommission die festgelegten Kontroll- und Berichtspflichten umsetzt.

Studie mit Definition einer Nachhaltigkeits-Governance

In ihrer zeitgleich erschienenen Studie „Governance for a Sustainable Hydrogen Economy. A Review of the Current State of Play“, auf dem dieses Policy Paper zum Teil basiert, werden Ansätze aus verschiedenen Regionen im Detail beleuchtet. Die beiden Autoren definieren erstmals, was Nachhaltigkeits-Governance umfasst - eine Definition, die sich nicht nur auf die Wasserstoffwirtschaft beschränkt, sondern auch auf weitere Sektoren übertragbar ist.

Sie umfasst staatliche Strategien, Vorschriften, und Regulierungen, um Nachhaltigkeit im Wasserstoffsektor zu gewährleisten. Dazu zählen direkte Anforderungen an Akteure der Wasserstoffwertschöpfungskette als auch Regelungen zur Schaffung von Transparenz über bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten.

Des Weiteren gibt es nachhaltigkeitsbezogene Regeln und Rahmenbedingungen, die bei der Finanzierung von wasserstoffbezogenen Anlagen zur Anwendung kommen. Dies kann staatliche Förderprogramme sowie Finanzierungen durch öffentliche und private Finanzinstitute betreffen.

Standards und Zertifizierungssysteme dienen als Grundlage für die Definition und Überprüfung von Anforderungen oder Angaben zur Nachhaltigkeit. Diese sollen Kernelemente einer sich entwickelnden, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Qualitätsinfrastruktur im Wasserstoffsektor sein.

Schließlich stellen übergeordnete Leitprinzipien und Initiativen Bezugspunkte für die Entwicklung von Ansätzen zur Nachhaltigkeits-Governance dar und unterstützen verschiedene Akteure bei der Umsetzung nachhaltiger Praktiken.

Fazit der Autoren: Die bestehende Nachhaltigkeits-Governance der Europäischen Union bietet eine Grundlage für einen nachhaltigen Ausbau des Wasserstoffsektors. Um wirksam zu sein, bedarf es daher keiner Vielzahl neuer Instrumente oder Mechanismen. Vielmehr braucht es im nächsten Schritt gezielte Anpassungen und Ergänzungen, um den Ausbau eines nachhaltigen Wasserstoffsektors voranzutreiben.

Ohne verlässliche Zertifizierungssysteme drohen Verzerrungen. Einheitliche Kontroll- und Berichtspflichten sind Voraussetzung für gleiche Wettbewerbsbedingungen. Die Europäische Kommission steht in der Verantwortung, diese konsequent umzusetzen.

Originalpublikationen:
Quitzow, R., & Rischer, M. (2026). Strengthening sustainability governance for a rapid hydrogen ramp-up (RIFS Policy Paper 01/2026). Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS). DOI:10.48481/rifs.2026.006

Rischer, M., Oestreich, J., & Quitzow, R. (2026). Governance for a sustainable hydrogen economy: A review of the current state of play (RIFS Study 1/2026). Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS). DOI:10.48481/rifs.2026.002

Quelle: Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Potsdam

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