Morbus Crohn

Melanie Steinbeck,

Immunantwort auf Candida albicans kann krankheitsfördernd sein

Forschende des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel haben erstmals systematisch untersucht, welche Funktion Candida-albicans-spezifische Th17-Zellen im gesunden Organismus erfüllen und warum sie bei Morbus Crohn krankheitsfördernde Eigenschaften entwickeln können. Die Ergebnisse der in der Fachzeitschrift Immunity veröffentlichten Studie eröffnen neue Perspektiven für gezieltere Therapieansätze.

Das Team: Rios Martini, Bacher, Hofmann. Forschende des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. © Susanne Landis

Candida albicans gehört zur natürlichen Besiedlung menschlicher Schleimhäute und kommt unter anderem im Mund und Darm vor, ohne in der Regel Beschwerden zu verursachen. Das Immunsystem bildet spezialisierte Th17-Zellen, die den Hefepilz kontrollieren. Die Kieler Arbeitsgruppe konnte nun zeigen, dass diese Immunantwort deutlich fokussierter ist als bislang angenommen.

Grafische Zusammenfassung der Ergebnisse © Susanne Landis

Th17-Zellen erkennen jeweils ein spezifisches Antigen. Obwohl Candida albicans über Tausende potenzieller Zielstrukturen verfügt, richtet sich die Immunantwort gegen eine überraschend kleine Auswahl von Pilzproteinen. Diese stammen überwiegend aus extrazellulären Vesikeln – kleinen Partikeln, die der Hefepilz aktiv in seine Umgebung abgibt.

„Wir haben nicht erwartet, dass die Immunantwort gegen Candida albicans so fokussiert ist. Dass sich das gesamte Candida-spezifische Th17-Repertoire auf eine Handvoll Proteine aus extrazellulären Vesikeln konzentriert, war für uns ein echter Überraschungsbefund", sagt Gabriela Rios Martini, Erstautorin der Studie.

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Als mögliche Erklärung führen die Forschenden die Schleimhautbarriere an. „Die Schleimhautbarriere wirkt vermutlich als Filter: Im gesunden Zustand können vor allem die Vesikel passieren wodurch wahrscheinlich nur diese Proteine dem Immunsystem zur Verfügung stehen“, sagt Philipp Hofmann, ebenfalls Erstautor der Studie.

Gemeinsame Immunzellklone in Mund und Darm

Die Ergebnisse sprechen zudem dafür, dass die Mundschleimhaut der Ursprungsort dieser Candida-spezifischen Th17-Zellen sein könnte. Dort ließen sich besonders viele dieser Zellen nachweisen. Da die Mundschleimhaut einen zentralen Kontaktpunkt zwischen Candida albicans und dem menschlichen Organismus darstellt, könnte hier die Prägung und Aktivierung der entsprechenden Immunantwort erfolgen.

Um zu untersuchen, ob dieselben Th17-Zellen auch in anderen Geweben vorkommen, analysierte das Forschungsteam die T-Zell-Rezeptoren von Immunzellen aus verschiedenen Geweben. Da jeder T-Zell-Rezeptor einem molekularen Fingerabdruck entspricht, lassen sich identische Immunzellklone in unterschiedlichen Geweben eindeutig identifizieren.

Die Analysen zeigten identische Immunzellklone sowohl in der Mundschleimhaut als auch im Darm. Als wesentlicher Treiber dieser Überschneidung erwies sich Candida albicans. Damit sind Mund und Darm immunologisch offenbar enger miteinander verbunden als bislang angenommen.

Veränderungen bei Morbus Crohn

Bei gesunden Menschen verbleiben die Candida-spezifischen Th17-Zellen in einem stabilen, kontrollierten Zustand. Im entzündeten Darm von Patientinnen und Patienten mit Morbus Crohn reichern sich diese Zellen dagegen an. Sie weisen weiterhin molekulare Merkmale auf, die auf ihre Prägung in der Mundschleimhaut hindeuten, entwickeln in der entzündlichen Umgebung jedoch zusätzliche Eigenschaften, die mit einer potenziell gewebsschädigenden Immunreaktion in Verbindung stehen. Ihre Antigenspezifität bleibt dabei unverändert – verändert wird die Art der Immunantwort, nicht deren Ziel.

Ansatzpunkte für gezieltere Therapien

Nach Einschätzung der Forschenden eröffnen die Ergebnisse neue Perspektiven für gezieltere Therapien. „Unsere Daten deuten darauf hin, dass bereits vorhandene, eigentlich homöostatische Th17-Zellen im Krankheitskontext funktionelle Veränderungen durchlaufen, anstatt infolge der Entzündung im Darm neu zu entstehen“ sagt Prof. Petra Bacher, Direktorin des Institutes für Medizinische Immunologie und Seniorautorin der Studie. „Das gibt uns einen konkreten Ausgangspunkt für gezieltere Therapieansätze".

Den Angaben zufolge könnten auch bereits verfügbare Biologika die veränderten Candida-spezifischen Th17-Zellen modulieren. Wirkstoffe, die die Wanderung von Immunzellen beeinflussen, darunter α4β7-Integrin-Antagonisten oder S1P-Modulatoren, könnten verhindern, dass sich die Candida-reaktiven Th17-Zellen im Darm anreichern. Anti-IL-23-Therapien könnten ihre krankheitsfördernden Eigenschaften abschwächen. Wie sich diese Biologika konkret auf die Immunzellpopulation auswirken, soll in weiteren Studien untersucht werden.

„Die Arbeit ist ein hervorragendes Beispiel für die Übertragung von Forschungsergebnissen in die Klinik, insbesondere im Hinblick auf die Rolle von Candida. Diese Ergebnisse dokumentieren auch die besondere Rolle immunologischer Forschung in der Entzündungsmedizin“ sagt Prof. Stefan Schreiber, Sprecher des Exzellenzclusters PMI und Direktor der Klinik für Innere Medizin I, UKSH, Campus Kiel, mit dessen Zusammenarbeit die Studie durchgeführt wurde.

Originalpublikation:
Rios Martini, G., Hofmann, P., Kamps, A.-K., Weichberger, A., Tikhonova, E., Conroy, A., Pan, X., Namuch, D. M., Rathjens, L., Bergfeld, A., Nikolaus, S., Riffert, J., Tran, F., Aden, K., Witte, M., Schafmayer, C., Stölzl, D., Weidinger, S., Heimesaat, M. M., Cyris, M., Härdter, A.-K., Dörfer, C., Zarnowski, R., Andes, D., Brunke, S., Hube, B., Scheffold, A., Iliev, I. D., Schreiber, S., & Bacher, P. (2026). Antigen-restricted Candida albicans Th17 cells link oral-gut immunity and adopt pathogenic features during intestinal inflammation. Immunity. Advance online publication. DOI:10.1016/j.immuni.2026.06.013

Quelle: PMI Exzellenzcluster Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen

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