Editorial

Power to Gas

Endlich ist er da, der Frühling. Lange genug hat es ja gedauert und der März war laut Wetterstatistik der kälteste seit Jahrzehnten. Dies bekamen nicht nur Spargelanbauer, Gastronomen mit Außenbewirtung und Gärtnereien in Form von Umsatzeinbußen zu spüren, sondern jeder einzelne von uns durch höhere Heizkosten. Teurer wird leider auch der Strom, da viele Energieversorger ihre Preise erhöht haben oder dies in Kürze tun werden. Begründet wird der Kostenanstieg mit der Energiewende, insbesondere mit der Einspeisevergütung für Strom aus regenerativen Quellen. Ob diese Argumentation so korrekt ist und ob die Politik in Sachen erneuerbare Energien hier die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt hat, sei einmal dahingestellt. Fakt ist: Obwohl hierzulande mehrere Kernkraftwerke nach dem Fukushima-Unglück endgültig abgeschaltet wurden, war bis heute stets ausreichend Strom verfügbar. Die Befürchtung einiger „Experten“, in Deutschland würden die „Lichter ausgehen“, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Nach wie vor exportiert Deutschland mehr Strom als es einführt. Zeitweise steht sogar so viel elektrische Energie zur Verfügung, dass Windkraftanlagen vom Netz genommen werden müssen und/oder der Strom billig an europäische Nachbarn verkauft wird. Und hier offenbart sich eines der Hauptprobleme von Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen: Sie arbeiten nicht konstant, sondern eben nur dann, wenn ausreichend Wind bzw. Licht zur Verfügung steht. Andererseits: An einem schönen, windreichen Tag sorgen die erneuerbaren Energien unter Umständen für Stromüberschuss im Netz. Um solche Leistungsschwankungen ausgleichen zu können, müsste man die erneuerbaren Energien bei einem Überangebot speichern und bei Bedarf wieder schnell abrufen können. Dies funktioniert mit sogenannten Pumpspeicherkraftwerken, von denen es hierzulande gut 30 Stück gibt, schon seit Jahrzehnten. Um die aktuellen Probleme mit der Energiewende in den Griff zu bekommen, müsste man jedoch weitaus mehr solcher Speicherkraftwerke haben. Doch wegen des enormen Landschaftsverbrauchs sind weitere kaum zu realisieren.

Anzeige

Einen anderen Weg loten die beiden Initiativen „Strategieplattform Power to Gas“ und „Performing Energy – Bündnis für Windwasserstoff“ aus. Wie die Namen bereits verraten, verfolgen sie das Ziel, Wasserstoff mit Wind- und Sonnenstrom durch Elektrolyse zu erzeugen. Wasserstoff nämlich lässt sich problemlos speichern und auch zu einem gewissen Prozentsatz ins Erdgas-Netz einspeisen. Die direkte Verbrennung zur Gewinnung von Strom und Wärme ist gleichfalls möglich – sei es nun in einem Blockheizkraftwerk oder in einer Brennstoffzelle. Ein weiterer Ansatz ist die Methanisierung von Wasserstoff zu synthetischem Erdgas.

In beiden Initiativen engagieren sich Unternehmen aus den Bereichen Strom- und Gaswirtschaft, Anlagenbau und Anwendungstechnik sowie Forschungseinrichtungen, Universitäten und Verbände. Die Ermittlung der Voraussetzungen für einen künftigen Betrieb von Wind-Wasserstoff-Systemen und die Realisierung von Demonstrationsprojekten stehen ebenso in Fokus wie der branchenübergreifende Erfahrungsaustausch und die technologische Weiterentwicklung des Prinzips Power to Gas. Erste Erfolge zeigen einige bereits realisierte Pilotprojekte, die auf der Seite http://www.powertogas.info. dokumentiert sind.

Dieses Beispiel zeigt, wie die Energiewende zum Treiber für neue Verfahren und Prozesse wird. Deutschland hat hier die Chance, einen deutlichen technologischen Vorsprung gegenüber anderen Industrienationen zu erlangen. Übrigens: Beide Initiativen haben jetzt auf der Hannover Messe eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, um die Marktreife von Power to Gas schneller zu erreichen.

Jürgen Wagner
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Editorial

Lachen tut gut

Dass Lachen ansteckt und wichtig für die soziale Bindung zwischen zwei Menschen ist, haben wir irgendwie ja schon gewusst. Neu ist, dass das „soziale Lachen“ zu einer Endorphin-Freisetzung im Gehirn führt und dies möglicherweise die...

mehr...

Editorial

Gewohnheitstier Mensch

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Man mag noch so offen für Neues, neugierig auf Unbekanntes oder auch geradezu süchtig nach Abwechslung sein – es gibt einfach Dinge im Leben, an die hat man sich (gerne) gewöhnt und sie geben unserem Alltag einen...

mehr...

Editorial

An der Zeit, Tschüss zu sagen

Die diesjährige Labvolution mit Biotechnica vom 16. bis 18. Mai in Hannover werde ich – liebe LABO-Leserinnen und -Leser – nicht mehr besuchen. Nicht, dass Sie mich nicht interessieren würden.

mehr...

Editorial

Chemiegeschäft köchelt verhalten

Wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am 8. März vor der Presse in Frankfurt bekannt gab, ging das Geschäftsjahr 2016 für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland mit einem „versöhnlichen“ vierten Quartal zu Ende.

mehr...
Anzeige

Editorial

Designer-Stoffwechselweg

Der Begriff „Synthetische Biologie“ wurde erstmals 2010 einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Auch wir haben damals an dieser Stelle darüber berichtet.

mehr...

Editorial

Fluch oder Segen?

Unter Molekularbiologen ist das CRISPR-Cas9-System derzeit Thema Nummer 1 – gilt es doch als die größte Innovation in der Gentechnik seit der Etablierung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) in den 1990er-Jahren.

mehr...

Editorial

Nachhaltige Imprägnierungsmittel

Vermutlich hat jeder von uns eine Regenjacke im Schrank oder in der Garderobe hängen sowie einen Regenschirm griff bereit. Aber imprägnierte Textilien, die Wasser und eventuell auch Schmutz abweisen, kommen nicht nur in Outdoor-Produkten zum Einsatz.

mehr...

Interview

Tobias A. Thiele, Köttermann-Geschäftsführer

Der Labormöbel-Hersteller Köttermann aus Uetze/Hänigsen in Niedersachsen feierte im Mai sein 70-jähriges Jubiläum. LABO sprach mit Geschäftsführer Tobias Thiele u.a. über Laborabzugstechnik, das Labor 4.0 und die Zukunft des Labormöbel-Markts.

mehr...