Editorial

Fluch oder Segen?

Unter Molekularbiologen ist das CRISPR-Cas9-System derzeit Thema Nummer 1 – gilt es doch als die größte Innovation in der Gentechnik seit der Etablierung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) in den 1990er-Jahren.

Nun – worum geht es bei den Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats (CRISPR) plus dem CRISPR-associated (Cas) Enzyme?

Jürgen Wagner, Redakteur

CRISPR-Cas9 ermöglicht es, Gene zu verändern, und zwar mit bisher nicht gekannter Präzision und Schnelligkeit. Im Vergleich zu bisherigen Methoden zur Erbgut-Veränderung, die eher auf dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ basieren, arbeitet das neue Verfahren äußerst effektiv. Denn mit CRISPR-Cas9 lässt sich DNA an zuvor exakt definierten Stellen schneiden, so dass DNA-Abschnitte aus der Doppelhelix gezielt entfernt, verschoben oder aber neue Sequenzen eingefügt werden können.

Diese präzise arbeitende „Genschere“ wird derzeit hauptsächlich in der Grundlagenforschung eingesetzt. Beispielsweise um die Funktion von Genen zu entschlüsseln, indem man diese mit CRISPR-Cas9 stilllegt und dann prüft, welche Zellfunktionen nun nicht mehr funktionieren. Mit CRISPR-Cas9 kommt man dabei deutlich schneller ans Ziel als mit herkömmlichen Methoden zur Genveränderung. Was bisher ein bis zwei Jahre dauerte, lässt sich nun in wenigen Wochen bewerkstelligen! Daher hat die neue „Genschere“ großes Potenzial in der Grünen und Weißen, aber auch der Roten Gentechnik (u.a. Gentherapie!), und es verwundert nicht, dass zurzeit mehrere Firmen Patentstreitigkeiten um CRISPR-Cas-Systeme ausfechten.

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Gentechnik-Gegner indes können sich für die neue Methode ganz und gar nicht begeistern. Nicht nur, weil sie Genmanipulationen einfacher und damit wahrscheinlicher macht. Sondern vor allem deshalb, weil sich ihre Anwendung im Gegensatz zu bisherigen gentechnischen Verfahren bis dato nicht nachweisen lässt. Wie aber soll man dann überprüfen, ob z.B. eine neue Nutzpflanzensorte durch konventionelle Züchtung oder aber durch Anwendung von CRISPR-Cas9 entstanden ist? Sind solche Pflanzen GVO und unterliegen dem Gentechnikrecht, auch wenn keine Fremd-DNA eingefügt wurde? Fragen, die sich derzeit nicht beantworten lassen und die Politik, Wissenschaft und Gesellschaft noch eine ganze Weile beschäftigen dürften!

Jürgen Wagner, Redakteur

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