Sustainability

Hype, Herausforderung oder Chance?

Zukunftsfähige Laboratorien – sustainable laboratories – werden ein herausgehobener Themenschwerpunkt der ACHEMA in Frankfurt am Main sein (s. http://www.achema.de). Der DIN Normenausschuss „Laborgeräte und Laboreinrichtungen“ pflegt seit Jahren Beziehungen zu anderen europäischen Ländern und zu amerikanischen Organisationen, die sich mit Laborplanung und Laborbau beschäftigen. So wurde es möglich, für die ACHEMA im Mai 2009 mit internationaler Beteiligung fünf halbtägige Vortragsreihen und drei Expertengespräche vorzubereiten, in denen aus erster Hand über neueste Entwicklungen des Laborbaus berichtet wird.
Alfred Nobel und sein Labor – etwa 1880.
Zeitgleich bieten in den Ausstellungshallen 6.2 und 6.3 führende deutsche und europäische Hersteller die Labortechnologie von morgen „zum Anfassen“ an. LABO berichtet vorab in einem Interview mit einem Obmann und dem Geschäftsführer des DIN Normenausschusses, der seit Jahren die technische Entwicklung des Laborbaus in seinen Arbeitsausschüssen mitgestaltet. Die Fragen für LABO stellte Dipl.-Ing. Reiner Stockmann, Vorsitzender des DIN Normenausschusses.

Europa wurde scheinbar etwas unvorbereitet von der US-amerikanischen Initiative für „Sustainable Laboratories“ getroffen. Verlieren wir die Hoheit für nachhaltiges Bauen insbesondere von Laboratorien?
E. Dittrich: Nach der Inaugurationsrede von Präsident Obama könnte man meinen, dass Amerika nun auch offiziell eine Kertwende im Umweltschutz und der Ressourcenschonung betreibt, wir haben aber noch einen großen technischen Vorsprung. Es geht jedoch nicht darum, auf Dauer besser zu sein, sondern gemeinsam mit allen Ländern, die Labors bauen, ein hinsichtlich Wirtschaftlichkeit und Umweltschonung ausgewogenes hohes Niveau zu erzielen.

Trotzdem, erfinden die Amerikaner nicht das Rad neu, mit dem wir schon längst fahren?
B. Winter: Die „Alte Welt“ ist traditionell sparsamer mit Ressourcen umgegangen, weil sie weniger Rohstoffe hatte. Unsere Bauweise ist seit Jahrhunderten auf lange Lebensdauer angelegt; so gibt es in Deutschland noch Labors, deren Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert stammt und die DIN 12924-1 von 1991 ermöglichte bereits in beispielhafter Weise energiesparende Abzüge. Aber alles ist verbesserungsfähig und schützt uns nicht davor, eines Tages mit noch besseren Standards konfrontiert zu werden, die sowohl energiesparend wirken als auch wirtschaftlicheres Betreiben von Laboratorien erlauben. Wir sollten also nicht überheblich sein und glauben, die alten Klischees blieben so wie sie sind: Deutschland spart und Amerika verschwendet.

Machen die amerikanischen Kollegen nicht einfach nur besseres Marketing und verkaufen ein unterlegenes Produkt geschickter?
E. Dittrich: Wir haben in der Tat an dieser Stelle Nachholbedarf. Auf der letzten Konferenz von Labs 21 im September 2008 in Kalifornien ist unseren Vortragenden jedoch hohe Kompetenz und Ernsthaftigkeit in dem Bestreben nach Sustainability begegnet, die keinen Zweifel zulässt, dass die Amerikaner aufholen, und wenn sie mal dabei sind, uns auch überholen könnten.
Gibt es Tendenzen in Amerika, demnächst Abzüge zu bauen, die bezüglich des Luftverbrauchs den deutschen Abzügen entsprechen?
B. Winter: Der von verschiedenen US-Herstellern angebotene „High Performance“ Abzug arbeitet mit fast der doppelten Luftmenge als die besten deutschen Anbieter benötigen. Wenn diese Abzüge erst mal die einschlägigen Prüfungen passiert haben und das auch kommuniziert wird, werden auch bei den Amerikanern die Luftmengen weiter nach unten gehen.
Auf jeden Fall sind die Luftmengen klar im Fokus der Überlegungen.

Wenn von „Sustainability“ oder Zukunftsfähigkeit im Labor gesprochen wird, steht immer der Luftverbrauch im Vordergrund; gibt es noch andere Schwerpunkte für zukunftsfähige Labors?
E. Dittrich: Sustainability ist ein Begriff, der nach der Definition der Brundtland-Kommission die Bedürfnisse der Gegenwart erfüllt, ohne die Bedürfnisse zukünftiger Generationen zu kompromittieren oder einzuschränken. Die Raumlufttechnik in Laboratorien ist tatsächlich der gewichtigste Kostenblock bei den Betreiberkosten und daher kann hier auch wirtschaftlich am meisten gespart werden. Hinsichtlich der Ersparnis knapper Ressourcen spielen natürlich auch andere Bereiche eine große Rolle.

Anzeige

Generell muss vor dem Hintergrund sich ständig ändernder Anforderungen in Laboratorien beispielsweise darauf geachtet werden, nicht durch ständige Umbauten der Einrichtung und Medienversorgung vor Ablauf der Lebensdauer immer wieder neu gefertigte Teile zu verbauen. Zukunftsfähigkeit hat also sehr eng etwas mit Flexibilität zu tun.

Sehen Sie außer der Lüftung bei weiteren technischen Gewerken Bedarf für zukunftsfähige Lösungen?
E. Dittrich: Grundsätzlich hat ein gewerblich genutztes Gebäude eine Lebensdauer von mindestens 100 Jahren, wohingegen die technische Gebäudeausstattung nur ca. 15...20 Jahre hält. Jede Verlängerung der TGA-Lebensdauer ist also ein Beitrag zur Zukunftsfähigkeit, weil damit im Laufe des Betriebs eminent Kosten, Material, Energie bei Fertigung und Recycling sowie Manpower eingespart werden.

Welchen Beitrag können die technische Ausstattung und die Architektur zu zukunftsfähigen Laboratorien leisten?
E. Dittrich: Ich nenne hier in erster Linie die Ausrichtung auf flexible Raum- und damit auch Medienversorgungskonzepte, ohne die eine Anpassung an sich wechselnde Anforderungen der Nutzer teuer und materialintensiv ist. Es gibt viele hilfreiche Details, z. B. flexible Leuchten mit kleiner Leistungsaufnahme oder Gebäudeleitsysteme, die zeitverzögert auf Energiebedarfswechsel reagieren.

Gebäude müssen aber auch kleiner gehalten werden. Die Stockwerkshöhe an den riesigen Querschnitten von zentralen Erschließungsschächten zu orientieren, heißt unnötige Kubaturerhöhung und unnötige Unterhaltskosten. Da erwarte ich intelligentere Lösungen.


Gibt es noch Einsparpotenziale bei raumlufttechnischen Anlagen?
B. Winter: Von zehn Nutzern in Labors beschweren sich acht über Unbehaglichkeitskriterien der Lufttechnik, sei es Lärm oder Zugluft. Gleichzeitig müssen Planer und ausführende Firmen immer ausgefallenere Wege finden, um die zunehmenden Wärmelasten der Laborprozesse abzuführen. Es macht energiebilanzmäßig wenig Sinn, über die teure entfeuchtete, gekühlte und dann wieder befeuchtete Zuluft die Energie aus dem Gebäude heraus zu bringen. Umluftkühler sind zwar effizient, fördern aber die Unbehaglichkeit. Es gibt jedoch Lösungen, z.B. Einhausungen, Kühlsegel oder Kühlbaffels, die wirtschaftlich, zukunftsfähig und gleichzeitig arbeitsplatzfreundlich sind.

Welche Rolle spielt der Mensch bei zukunftsfähigen und nachhaltigen Laborbauten?
E. Dittrich: Weltweit gibt es heute viel mehr Laborarbeitsplätze als noch vor einer Generation und die Zahl nimmt weiter zu. Wir konkurrieren also mit weltweiten Standorten um die klügsten Forscher. Für die Annahme eines Jobs spielt es eine Rolle, wenn das Gebäude, in dem der Wissenschaftler arbeiten soll, architektonisch gelungen ist, der Arbeitsplatz eine optimale Ausstattung bietet und nachweislich der Energie- und Ressourcenverbrauch vergleichsweise niedrig ist.

Weiterhin sprechen die Soziologen von „social sustainability“ unter der die Art und Weise verstanden wird, wie Mitarbeiter untereinander agieren. Ein Gebäude, das ständig umgebaut wird, in dem die Lüftung suboptimal ist, in dem die Architektur die Kommunikation unterbindet oder bautechnische Hindernisse bestehen, die sich kontraproduktiv auf die unter Erfolgsdruck stehenden Forscher auswirken, wird schwerlich als zukunftsfähig zu bezeichnen sein.

Sie haben für die ACHEMA 2009 fünf Vortragsreihen zum Thema Sustainability und Lufttechnik vorbereitet. Welche anderen Informationsmöglichkeiten gibt es?
B. Winter: Die Faszination der ACHEMA beruht auf der Diskussion am ausgestellten Objekt. Wir haben deshalb in der Ausstellungshalle 6.3 ein Diskussionsforum eingerichtet, auf dem amerikanische, englische und deutsche Experten unter Einbeziehung der Besucher Fachfragen zum zukunftsfähigen Laborbau, zu Sicherheit im Labor und zu Laborausrüstung diskutieren (siehe Tabellen). Alle namhaften Einrichtungshersteller aus Europa, Asien und den USA sind in den Hallen 6.2 und 6.3 mit Ausstellungsständen vertreten. Der DIN Normenausschuss hat seinen Stand in Halle 6.3, M5-M9.

Zurück zur Eingangsfrage dieses Gesprächs: Ist Zukunftsfähigkeit oder „Sustainability“ ein Hype, eine Herausforderung oder eine Chance?
E. Dittrich: Es ist alles in einem, auch ein Hype mit dem Entwicklungen weltweit durchgesetzt werden sollen. Es ist eine Herausforderung für die amerikanischen Kollegen, weil sie sich von der alten Gewohnheit des grenzenlosen Einsatzes von Energie und Ressourcen verabschieden müssen, aber auch für uns, die wir nach all unseren bisherigen erfolgreichen Bemühungen noch weiter an Zukunftsfähigkeit arbeiten müssen; es ist eine Chance sowohl für unsere Laborindustrie als auch die Zulieferer Märkte mit neuen Konzepten zu erschließen, die sowohl die Umwelt schonen als auch die Folgekosten senken.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Editorial

Lachen tut gut

Dass Lachen ansteckt und wichtig für die soziale Bindung zwischen zwei Menschen ist, haben wir irgendwie ja schon gewusst. Neu ist, dass das „soziale Lachen“ zu einer Endorphin-Freisetzung im Gehirn führt und dies möglicherweise die...

mehr...

Editorial

Gewohnheitstier Mensch

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Man mag noch so offen für Neues, neugierig auf Unbekanntes oder auch geradezu süchtig nach Abwechslung sein – es gibt einfach Dinge im Leben, an die hat man sich (gerne) gewöhnt und sie geben unserem Alltag einen...

mehr...
Anzeige

The Power of Multiomics

Erfahren Sie in unserem White Paper „Unlocking the Power of Multiomics“ wie die Verknüpfung von Lipidphenotyp und Genotyp geholfen hat Herzkreislauferkrankungen besser vorherzusagen.

mehr...

Editorial

An der Zeit, Tschüss zu sagen

Die diesjährige Labvolution mit Biotechnica vom 16. bis 18. Mai in Hannover werde ich – liebe LABO-Leserinnen und -Leser – nicht mehr besuchen. Nicht, dass Sie mich nicht interessieren würden.

mehr...
Anzeige

Editorial

Chemiegeschäft köchelt verhalten

Wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am 8. März vor der Presse in Frankfurt bekannt gab, ging das Geschäftsjahr 2016 für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland mit einem „versöhnlichen“ vierten Quartal zu Ende.

mehr...

Editorial

Designer-Stoffwechselweg

Der Begriff „Synthetische Biologie“ wurde erstmals 2010 einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Auch wir haben damals an dieser Stelle darüber berichtet.

mehr...
Anzeige

Highlight der Woche

Perfekte GCMS-Ergebnisse dank Shimadzu NX-Technologien
Shimadzu erweitert die Singlequad- und Triplequad-GCMS um den Gaschromatographen GC-2030. Damit werden Analysen präziser, Wartungsarbeiten vereinfacht und die Geräteauslastung maximiert.

Zum Highlight der Woche...

Editorial

Fluch oder Segen?

Unter Molekularbiologen ist das CRISPR-Cas9-System derzeit Thema Nummer 1 – gilt es doch als die größte Innovation in der Gentechnik seit der Etablierung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) in den 1990er-Jahren.

mehr...

Editorial

Nachhaltige Imprägnierungsmittel

Vermutlich hat jeder von uns eine Regenjacke im Schrank oder in der Garderobe hängen sowie einen Regenschirm griff bereit. Aber imprägnierte Textilien, die Wasser und eventuell auch Schmutz abweisen, kommen nicht nur in Outdoor-Produkten zum Einsatz.

mehr...