Naturschutz

Schutzzone für Wimpertierchen

Ein Tümpel in Salzburg wurde unter besonderen Naturschutz gestellt - aufgrund einer ungewöhnlichen Vielfalt an Wimpertierchen. Wie die Ergebnisse eines Projekts des Wissenschaftsfonds FWF jetzt zeigen, kommen in dem Kleingewässer weit über hundert verschiedene Arten vor.

Die im Fachjournal Diversity veröffentlichten Daten zeigen dabei sogar, dass einige der Arten bisher unbekannt waren. Diese verdanken ihr Überleben aufmerksamen TaxonomistInnen der Universität Salzburg: Sie bewahrten den zeitweise austrocknenden Tümpel vor seinem Ende und bemühten sich um seinen Schutzstatus. Diesen erhielt er von der Stadt und das Naturdenkmal gilt nun als weltweit einzigartig.

Wal und Wolf beeindrucken - Wimpertierchen eher weniger. Das erklärt die Bemühungen um den Artenschutz der einen und den verborgenen Artenverlust der anderen. Tatsächlich ist laut Prof. Wilhelm Foissner vom Fachbereich Organismische Biologie der Universität Salzburg die Situation aber durchaus dramatisch: Pro aussterbender Vielzeller-Art geht nach seinen Schätzungen auch eine Art von Einzellern verloren. Nun finden gleich 150 Arten von ihnen dank seinen Bemühung am Fuß der Festung Hohensalzburg einen geschützten Lebensraum.

Um Haaresbreite

Salzburg steckt voller Überraschungen - eine neu entdeckte Art Wimpertierchen (Meseres corlissi) gehört dazu. (Bild: Wilhelm Foissner)

Dabei war das Überleben der zahlreichen Wimpertierchen im Jahr 2010 genauso gefährdet wie das ihrer Wohnstätte: Im Zuge eines Kunstprojekts wurde der zeitweise trocken liegende Tümpel mit Erde aufgefüllt. Dem raschen Engagement von Prof. Foissner und seinen KollegInnen ist es zu verdanken, dass der Besitzer die Erde rechtzeitig entfernte und die Stadt Salzburg das Gewässer zum Naturdenkmal erklärte.

Eine aktuelle Publikation des Teams im Fachjournal Diversity zeigt, wie sehr dieser Sonderstatus berechtigt ist. Dazu Prof. Foissner: "Wir beobachten und analysieren diese Wasserfläche schon seit 30 Jahren. Über 100 Arten von Ciliaten - also Wimpertierchen - haben wir dort gefunden, von denen 10 unbeschrieben waren. Auf einer Fläche von gerade mal 30 x 15 m!" Dieser Artenreichtum ist wahrscheinlich auf die abwechselnden Feucht- und Trockenphasen des Gewässers zurückzuführen. Der Wechsel bietet jeweils anderen Ciliaten-Arten zeitlich begrenzt optimale Lebensbedingungen.

Der Schutzstatus des Gewässers gilt als weltweit einzigartig. Kein anderer Ort ist bekannt, der "nur" aufgrund seiner einzelligen Biodiversität unter Schutz gestellt wurde. Für Prof. Foissner ein Problem, das nicht allein auf die Unscheinbarkeit der betroffenen Arten zurückzuführen ist: "Protisten - also Lebensformen, die nicht Pilz, Tier oder Pflanze sind - gelten gemeinhin als Kosmopoliten. Schutzwürdig aber gelten Arten, die nur (noch) regional begrenzt vorkommen. Tatsächlich wissen wir aber heute, dass auch ein gutes Drittel der Protisten eine eingeschränkte Verbreitung hat." Dies vermutet Prof. Foissner auch bei fünf der neuen Arten, die er und sein Team im "Tümpel beim Krautwächterhaus" - so die nun offizielle Bezeichnung des Gewässer - nachweisen konnten. Denn trotz umfangreicher Recherche konnten keine anderen Fundstellen entdeckt werden.

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Ortsschutz statt Artenschutz

In der Veröffentlichung in Diversity argumentiert Prof. Foissner überzeugend, dass gerade die neuen Arten den besonderen Schutzstatus erforderlich machen. Einige von ihnen könnten durchaus nur dort (endemisch) vorkommen - und liefern damit eines der traditionellen Argumente für einen besonderen Schutzstatus. Ein weiteres - und neues - Argument stellt die sogenannte Typuslokalität dar. Diese bezeichnet den Standort, an dem eine erstmals beschriebene Art gefunden wurde. Für die Beschreibung multizellulärer Organismen ist die Typuslokalität für gewöhnlich von geringerer taxonomischer Bedeutung. Exemplare des erstbeschriebenen Organismus werden auf vielfältige Art und Weise konserviert und in Sammlungen als Referenz aufbewahrt. Für Kleinstlebewesen wie Wimpertierchen ist dies nur teilweise möglich. Der Erhalt der Typuslokalität erlaubt es dann, sie auch zukünftig als Quelle für Referenzmaterial zu nutzen.

Tatsächlich gelang es dem Team um Prof. Foissner, die Verantwortlichen der Stadt Salzburg mit dieser Argumentation zu überzeugen. Sie stellten insgesamt eine Fläche von über 5000 m² unter Schutz. Somit haben die Ergebnisse eines FWF-Projekts zur Analyse der Diversität der Ciliaten einen Beitrag geleistet, neue Ansätze im Naturschutz in die Praxis umzusetzen.

Originalpublikation: F. P. D. Cotterill, H. Augustin, R. Medicus 3 und W. Foissner. Conservation of Protists: The Krauthügel Pond in Austria, Diversity 2013, 5, 374-392; doi:10.3390/d5020374.

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Wilhelm Foissner
Universität Salzburg
FB Organismische Biologie
Hellbrunner Str. 34
A-5020 Salzburg
wilhelm.foissner@sbg.ac.at

Der Wissenschaftsfonds FWF:
Mag. Stefan Bernhardt
Haus der Forschung
Sensengasse 1
A-1090 Wien
stefan.bernhardt@fwf.ac.at
http://www.fwf.ac.at

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