Auszeichnung

Barbara Schick,

Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2026

Die Entwicklungsbiologen Davor Solter und Azim Surani werden den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2026 erhalten. Das gab der Stiftungsrat der Paul Ehrlich-Stiftung im September bekannt. Die Preisträger haben das Phänomen der genomischen Prägung entdeckt. Das Erbgut von Eizellen und Spermien ist demnach bei Säugetieren funktional verschieden. Manche Gene sind zusätzlich zu ihrer genetischen Information molekular so markiert, dass sie nur aus den Erbanlagen eines Elternteils ablesbar sind. Deshalb braucht es den vollen genetischen Beitrag von Vater und Mutter. Diese Entdeckung war neu für die klassische Genetik und öffnete das Tor zum weiten Feld der modernen Epigenetik.

Azim Surani © acqueline Garget/University Cambridge

Jede Körperzelle enthält einen doppelten Chromosomensatz. Einer davon stammt aus der Eizelle der Mutter, der andere aus der Spermazelle des Vaters. Alle Körperzellen enthalten also zwei Kopien desselben Gens. Sie nutzen beide Kopien, die in unterschiedlichen Ausprägungen (Allele) auftreten können, als Anleitung zur Produktion von Proteinen oder RNA-Molekülen. Beide Kopien können sich auf das Erscheinungsbild (den Phänotyp) eines Kindes auswirken. Wenn eine Kopie mutiert oder beschädigt ist, springt die andere ein und sorgt für Ersatz. Diese Grundregeln der klassischen Genetik setzten Solter und Surani teilweise außer Kraft, als sie entdeckten, dass Säugetier-Eltern ihrem Nachwuchs manche Gene offenbar nur in einer aktiven Kopie vererben. "Diese Entdeckung war ein Wendepunkt der modernen Genetik", erklärt der Vorsitzende des Stiftungsrates, Prof. Thomas Boehm. "Sie zeigte, dass unser Phänotyp nicht allein von unserem Genotyp bestimmt wird, sondern auch von epigenetischen Zeichen geprägt ist. Das hat unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit fundamental verändert."

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Zu Beginn der 1980er Jahre hatten sich Davor Solter in Philadelphia (USA) und Azim Surani in Cambridge (Großbritannien) zeitgleich daran gemacht, ein Grundproblem der Genetik zu lösen: Warum ist bei Säugetieren keine Jungfernzeugung (Parthenogenese) möglich? Weibliche Ameisen, Bienen, Eidechsen oder Schnecken zum Beispiel können sich ohne männlichen Beitrag fortpflanzen und ihren Nachwuchs aus unbefruchteten Eizellen heranreifen lassen. Solter und Surani beantworteten diese Frage, indem sie unabhängig voneinander eine Technik anwandten, die Solter zuvor entwickelt und verbessert hatte, nämlich die Transplantation der Kerne von Keimzellen. Nachdem Eizelle und ein Spermium zu einer Zelle verschmolzen sind, bleiben deren Kerne vorrübergehend noch separiert, und werden deshalb Pronuclei genannt. Solter und Surani ersetzten nun einen der beiden Pronuclei durch einen aus einem anderen Mäusestamm, und generierten damit Embryonen, die entweder zwei weibliche oder zwei männliche Pronuclei enthielten. Unerwarteterweise starben alle diese Embryonen ab. Bei Kombinationen von zwei väterlichen Pronuclei blieb der Embryo unterentwickelt, die Plazenta dagegen nicht. Umgekehrt entwickelte sich bei Kombinationen von zwei mütterlichen Pronuclei die Plazenta unzureichend, was zu einer Unterernährung des Embryos führte. Einzig Embryonen aus einer Kontrollgruppe mit zwei geschlechtsverschiedenen Pronuclei entwickelten sich zu gesunden Mäusen. Bei Säugetieren, so folgerten die beiden Forscher, bringen die mütterlichen Chromosomen Informationen mit, die auf den väterlichen fehlen – und umgekehrt. Die vollständige Übermittlung beider elterlichen Chromosomensätze ist daher unabdingbar für die Entwicklung der Nachkommen. Offensichtlich werden manche Gene in aktiver Form nur von der Mutter, manche nur vom Vater weitergegeben. Surani prägte dafür den Begriff genomic imprinting. Kurz darauf stellte sich heraus, dass die molekulare Aufschrift, die dieses Imprinting anzeigt, vorwiegend aus winzigen Methylgruppen besteht, die an eine der vier Basen der DNA eingeführt werden.

Sieben Jahre nach der Entdeckung durch die beiden Preisträger wurden 1991 die ersten imprinted genes identifiziert. Erst die Entdeckung der genomischen Prägung und die Erforschung der DNA-Methylierung haben das Tor zu einer experimentell fundierten Epigenetik geöffnet. So blüht die Epigenetik heute als die Wissenschaft der molekularbiologischen Vorgänge, die die Expression von Genen unabhängig von Veränderungen in deren Sequenz steuern.

Davor Solter © privat

Davor Solter ist Direktor Emeritus der Abteilung für Entwicklungsbiologie des Max-Planck-Instituts für Immunbiologie in Freiburg im Breisgau, die er von 1991 bis 2006 leitete. Heute lebt er in den USA und ist Visiting Professor an der Mahidol University in Bangkok/Thailand und der Universität von Zagreb in Kroatien.

Azim Surani forscht als Director of Germline and Epigenetics Research am Gurdon Institute der University of Cambridge in England und Fellow des dortigen King’s College.

Quelle: Paul Ehrlich-Stiftung/Goethe-Universität Frankfurt

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