Sexualhormone aus Knochen bestimmen

Melanie Steinbeck,

Wie fruchtbar war der Mensch in den vergangenen 200 Jahren?

Wie fruchtbar war der Mensch in den vergangenen 200 Jahren? Diese Frage will Juniorprofessorin Dr. Alice Toso von der Universität Bonn beantworten – und zwar nicht durch historische Schätzungen, sondern mithilfe konkreter Daten aus menschlichen Skeletten. Das klingt nach einem schwierigen Vorhaben, denn Hormone sind flüchtig, ihr Nachweis in Knochen eine wissenschaftliche Herausforderung. Doch genau dieser stellt sich Toso mit einem interdisziplinären Team im Rahmen eines von der VolkswagenStiftung geförderten Projekts.

Jun-Prof. Dr. Alice Toso vom Bonn Center for ArchaeoSciences. © Bernadett Yehdou/Uni Bonn

„Pioneering Research – Exploring the Unknown“ heißt die Förderlinie, in der die VWStiftung das Projekt in den nächsten vier Jahren mit fast 1,4 Millionen Euro fördert.

Hormone als Schlüssel zur Vergangenheit

Geburt, Wachstum, Fortpflanzung, Tod – all das wird vom Hormonsystem gesteuert. Die „Dirigenten des Stoffwechsels“ sind sensibel für innere und äußere Einflüsse, sie regulieren Meilensteine des Lebens wie Schwangerschaft, Stillzeit oder Wechseljahre. Über viele Generationen hinweg haben sich Kulturen und Lebensweisen an diese biologischen Rhythmen angepasst – durch sogenannte ökologische und physiologische „Nischen“.

Die Archäologie kann viele dieser kulturellen Anpassungen rekonstruieren. Was jedoch fehlt, ist der direkte Zugang zu den hormonellen Grundlagen.

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„Bislang war es schwierig, anhand von Skeletten zu entschlüsseln, wie es etwa um Fruchtbarkeit, Fortpflanzung oder Alterungsprozesse stand“, sagt Juniorprofessorin Dr. Alice Toso vom Bonn Center for ArchaeoSciences der Universität Bonn.

Hier setzt ihr Forschungsansatz an: Der Hormonstatus, etwa in Form von Steroidkonzentrationen, könnte in den Knochen konserviert sein – wenn es gelingt, ihn nach Jahrhunderten nachzuweisen.

„Die Überwindung dieses Hindernisses würde die Erforschung der individuellen Entwicklung in der Menschheitsgeschichte erlauben“, erklärt Toso.

So ließe sich besser verstehen, wie resilient Menschen früher waren, wie Umweltbedingungen ihre Fruchtbarkeit beeinflussten oder wie stark sich etwa das Stillen auf den Hormonhaushalt und damit die Reproduktionsfähigkeit auswirkte.

Wichtige Fragen, bisher ohne Antwort

„Auf all diese Fragen gibt es bisher keine zufriedenstellenden Antworten“, so Toso. „Wir wissen nicht genau, wieviele Frauen bei Entbindungen gestorben sind, wann die Menopause eingetreten ist und ob sich der Zeitpunkt im Lauf der Jahrhunderte verändert hat.“

Zwar gibt es Daten aus der modernen Medizin, die zeigen, wie stark Umweltfaktoren die menschliche Entwicklung beeinflussen können. Doch ob dies auch in der Vergangenheit so war, ist bislang ungeklärt.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit für neue Methoden

Im Rahmen des geförderten Projekts will das Forschungsteam drei zentrale Aspekte untersuchen:

  • Die Auswirkungen von Schwangerschaften auf die Überlebensraten
  • Den Einfluss des Stillens auf die Fruchtbarkeit
  • Die hormonellen Veränderungen in unterschiedlichen Lebensstadien

Ziel ist es, Methoden zu entwickeln, mit denen sich direkt die Hormonkonzentrationen in jahrhundertealten Knochen bestimmen lassen.

Alice Toso will zusammen mit jungen Forschenden aus verschiedenen Disziplinen und dem Bonn Center for ArchaeoSciences zuverlässige Methoden entwickeln, mit denen sich die Hormonkonzentration in den Jahrhunderte alten menschlichen Knochen direkt bestimmen lässt.

Mit ihrer Forschung schlägt sie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und zwischen Archäologie und moderner Endokrinologie.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

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