Starlab Stimmungsbarometer 2026

Melanie Steinbeck,

Warum Europas Labore unter Druck stehen und was jetzt Wirkung zeigt

Europaweite Laborarbeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Noch nie war der Wille zur Veränderung so stark – und noch nie waren die Rahmenbedingungen so herausfordernd. Das Starlab Stimmungsbarometer 2026, für das 368 Labormitarbeitende aus sechs Ländern befragt wurden, zeigt Spannungsfelder, Brüche und Chancen zugleich. Unter dem Titel „Ready to unlock: Was Europas Labore lähmt, welche Hebel Wirkung entfalten“ macht die diesjährige Erhebung deutlich: Die Branche ist bereit für Veränderung, doch sie stößt an strukturelle Grenzen.

Erstmals steht fehlendes Budget an der Spitze der Herausforderungen. 44 Prozent der Befragten nennen die mangelnde Finanzierung als ihr größtes Problem im Jahr 2026.

Geldmangel verdrängt Preisprobleme

Erstmals steht fehlendes Budget an der Spitze der Herausforderungen. 44 Prozent der Befragten nennen mangelnde Finanzierung als ihr größtes Problem im Jahr 2026. Im Vorjahr lagen noch steigende Preise für Verbrauchsmaterial (42 Prozent) vorn. Heute verschiebt sich der Fokus von Kostensteigerungen hin zu einem grundsätzlichen Mangel an finanziellen Mitteln.

„Das Problem scheint weniger konjunktureller als struktureller Natur. Das ist ein Warnsignal“, sagt Benedikt Geldmacher-Voss, Head of Starlab Group. „Wenn die Finanzierung zur Nummer-eins-Sorge wird, gerät die gesamte Zukunftsfähigkeit der Branche unter Druck.“

Der Befund verweist auf eine paradoxe Situation: Während Innovation, Nachhaltigkeit und Digitalisierung als strategische Ziele formuliert werden, fehlt häufig das Budget, um sie konsequent umzusetzen.

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Gespart wird – allerdings oft an Zukunftsinvestitionen

57 Prozent der Labore haben aktive Sparmaßnahmen eingeleitet. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber 64 Prozent im Vorjahr – doch entscheidend ist, wo gekürzt wird.

© Starlab

74 Prozent sparen bei Geräten und Infrastruktur. 54 Prozent stoppen Neueinstellungen. 22 Prozent reduzieren Ausgaben für Weiterbildung und Konferenzen.

Die Logik dahinter ist nachvollziehbar, die Wirkung jedoch fragwürdig. Gerade dort, wo Forschung entsteht, wird investiert. Wer bei Ausstattung, Personal und Qualifikation kürzt, verschiebt Probleme in die Zukunft.

Die Folgen zeigen sich bereits in der Stimmungslage. 2025 gaben noch 76 Prozent an, mit ihrer Arbeit zufrieden zu sein, 2026 sind es nur noch 63 Prozent. Jede dritte befragte Person berichtet von einem hohen oder sehr hohen Stressniveau. Der Druck steigt, während Ressourcen schrumpfen.

Nachhaltigkeit: Vom Anspruch zur Praxis

Trotz ökonomischer Belastung bleibt Nachhaltigkeit kein Randthema. Im Gegenteil: Sie ist operationalisiert.

© Starlab

78 Prozent der Befragten haben Recycling-Programme implementiert. 67 Prozent setzen auf Sammelbestellungen zur Ressourcenschonung. 58 Prozent nutzen Mehrwegsysteme. Und 64 Prozent würden recycelte Materialien einsetzen, wenn die Qualität stimmt.

Der Widerstand gegen nachhaltige Produkte ist nahezu verschwunden – Voraussetzung ist die technische und qualitative Vergleichbarkeit.

Als Treiber nennen 42 Prozent den Umweltschutz, 36 Prozent die Kostenersparnis. Zusammen ergeben diese Motive rund 80 Prozent intrinsischer oder ökonomischer Motivation. Nachhaltigkeit ist damit kein Ideal mehr, sondern eine betriebliche Entscheidungsebene.

Digitalisierung und KI: Pragmatismus statt Angst

Auch künstliche Intelligenz und digitale Werkzeuge sind in den Laboren angekommen. 46 Prozent nutzen KI gelegentlich, 13 Prozent sogar regelmäßig. Nur 15 Prozent äußern Angst vor Jobverlust durch Automatisierung.

© Starlab

Die Haltung wirkt weniger defensiv als strategisch: KI wird als Unterstützung verstanden, nicht als Bedrohung.

Bei den Zukunftskompetenzen steht interdisziplinäres Denken mit 61 Prozent an erster Stelle – vor digitalen Kompetenzen (54 Prozent) und Soft Skills (47 Prozent). Fachliches Know-how bleibt wichtig, verliert aber seine alleinige Deutungshoheit.

Bemerkenswert: 64 Prozent der Befragten bewerten soziale Kompetenzen als gleichwertig oder wichtiger als Fachwissen. In Deutschland liegt dieser Wert sogar bei 74 Prozent. Die Entwicklung signalisiert einen kulturellen Wandel in der Selbstwahrnehmung der Branche.

Ein konkretes Beispiel für Kreislaufdenken

Potenziale freisetzen bedeutet nicht nur Strategie – sondern Umsetzung.

Der TipOne Recycling-Service zeigt, wie ein geschlossener Materialkreislauf funktionieren kann: Labore senden gebrauchte PP-Verpackungen zurück, diese werden zu Granulat verarbeitet und anschließend in neue Racks überführt. Ein Kreislauf, der Material im System hält.

Die Beteiligung wächst: 2024 nutzten 23 Prozent der registrierten Kunden den Service, 2025 waren es bereits 31 Prozent. Parallel stieg die produzierte Menge an Mahlgut von 60 auf 100 Tonnen – ein Wachstum von knapp 68 Prozent.

„Nachhaltigkeit ist kein reines Umweltthema, sondern ein Kostenhebel. Wer ganzheitlich über Abteilungsgrenzen hinweg denkt, sieht, dass sich bei Lüftungsraten, Temperaturen und veralteten Routinen viele Einsparpotenziale heben lassen. Dieses Einsparpotenzial kann bewusst reinvestiert werden in KI-kompetentes Personal, zukunftsfähige Technik und nachhaltige Prozesse.“

Der Satz beschreibt eine Haltung: Effizienzgewinne sind kein Selbstzweck, sondern finanzielle Spielräume für Innovation.

Stimmungslage mit Ambivalenz

Das Bild der europäischen Labore ist nicht einheitlich. Es zeigt zugleich Belastung und Aufbruch.

© Starlab

„Die Stimmungslage in Europas Laboren mag bewölkt sein und manchmal braucht es Regen, damit etwas wächst. Nachhaltigkeit, Kooperation und Innovationsbereitschaft sind jedoch bereits gesät. Die Labore haben die Werkzeuge, den Willen und das Wissen. Jetzt brauchen sie die richtigen Rahmenbedingungen und den Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen und selbst zu ändern“, sagt Benedikt Geldmacher-Voss. „Man ist nicht alleine in der Blase. Man braucht auch Hilfe in Bezug auf Rahmenbedingungen.“ 

Der Appell ist deutlich: Potenzial allein reicht nicht. Es braucht Handlungsspielräume. Hier spielt sicher auch das Thema Bürokratie eine Rolle, die es im Zaum zu halten gilt.

Über die Studie

Seit 2021 erhebt Starlab jährlich das Stimmungsbild der europäischen Laborbranche. Für das Stimmungsbarometer 2026 – die sechste Erhebung in Folge – wurden im Januar 2026 insgesamt 368 Labormitarbeitende aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und Österreich befragt.

Die Teilnehmenden wurden über Newsletter, LinkedIn und die Unternehmenswebsite erreicht. 58 Prozent arbeiten als Labormanager oder Labortechniker. Weitere Befragte sind Master-, PhD- und Post-Doc-Studierende (8 Prozent), Einkäufer (8 Prozent), Forscher und Medizinforscher (7 Prozent), Professoren und Projektleiter (4 Prozent) sowie Labordirektoren (2 Prozent). 13 Prozent sind in sonstigen Laborbereichen tätig.

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