Wasser-Tornado im Labor
Einfache Versuchsanordnung simuliert Planetenbildung
Wie entstehen Planeten in den weit entfernten, dichten Staub- und Gasscheiben um junge Sterne? Dieser Frage sind Forschende der Universität Greifswald und des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg mit einem verblüffend einfachen, aber wirkungsvollen Laborexperiment nachgegangen. Mithilfe eines Wasser-Tornados lässt sich die Dynamik solcher planetenbildenden Scheiben im Labor nachbilden – und liefert dabei bemerkenswerte Ergebnisse.
Ein Modell für kosmische Strömungen
Akkretionsscheiben - rotierende Strukturen aus Gas und Staub - finden sich im Universum in unterschiedlichen Größenordnungen. Ein typisches Beispiel: Scheiben um junge Sterne, in denen sich später Planeten bilden. Das zentrale Objekt beeinflusst die Scheibe durch seine Gravitation, Teile des Gases strömen dabei allmählich ins Zentrum. Die Masse des Sterns wächst.
Innerhalb dieser Scheiben kollidieren und verklumpen Staubteilchen, woraus über lange Zeiträume größere Körper entstehen können - bis hin zu planetaren Vorläufern mit mehreren Tausend Kilometern Durchmesser.
Doch die Dynamiken in solchen Systemen zu beobachten ist schwierig. Simulationen helfen, stoßen aber bei der Modellierung über lange Zeiträume und viele Größenskalen hinweg an ihre Grenzen.
Analoges Experiment als Ergänzung zur Simulation
Genau hier setzt das neue Analogexperiment an. In einem abgedunkelten Labor steht ein kreisrundes Plexiglasbecken, das von unten mit Wasser gespeist wird. Im Zentrum entsteht ein schmaler, trichterförmiger Wirbel - der Wasser-Tornado.
Die Konstruktion ist nicht nur kostengünstig, sondern auch einfach aufzubauen: Aquariumstechnik, zwei Plexiglaszylinder, eine Pumpe. Mehr braucht es nicht. Im Vergleich zu früheren Versuchen bietet das neue Modell gleich zwei entscheidende Vorteile. Zum einen lässt sich eine protoplanetare Scheibe über einen großen Radialbereich hinweg abbilden. Zum anderen ähnelt die im Aufbau erzeugte Strömung der Bewegung in echten Planetensystemen.
„Andererseits entsprechen die Bewegungen und Strömungen weitgehend denjenigen, die man auch in planetenbildenden Scheiben und Planetensystemen findet“, erläutert Stefan Knauer von der Universität Greifswald.
Keplersche Gesetze im Wasserstrudel
Die Forschenden verfolgten die Bewegungen kleiner Polypropylen-Kügelchen, die der Dichte von Wasser ähneln und sich so gut auf der Oberfläche des Wasser-Tornados halten. Mit Hochgeschwindigkeitskamera und computergestützter Bahnverfolgung wurden die Umlaufbewegungen analysiert. Auch wenn das erste Keplersche Gesetz (elliptische Bahnen) nicht ganz erfüllt wurde (spiralförmige Bahnen dominieren in Trichtern) zeigten sich beim zweiten und dritten Keplerschen Gesetz deutliche Parallelen.
„Wir erhoffen uns durch den Einsatz dieses neuen Analogexperiments Erkenntnisse insbesondere darüber, wie Prozesse in planetenbildenden Scheiben über große Abstände hinweg ablaufen“, sagt Mario Flock vom Max-Planck-Institut für Astronomie.
Hydrodynamische Vergleichbarkeit bestätigt
Die Auswertung ergab zudem, dass die hydrodynamischen Kennzahlen im Experiment denen in echten protoplanetaren Scheiben sehr nahekommen. Das bedeutet, dass sich feine Staubpartikel im All vergleichbar zu den Kügelchen im Wasser verhalten könnten und liefert somit neue Erkenntnisse über die frühe Planetenbildung unter kontrollierten Laborbedingungen.
Nächster Schritt: Ausbau des Prototyps
Der aktuelle Versuchsaufbau ist ein Prototyp. „Die aktuellen Ergebnisse dieses Analogexperiments haben mich beeindruckt“, erklärt Mario Flock. „Ich bin zuversichtlich, dass wir durch einige Anpassungen in einem nächsten Schritt das Wasser-Tornado-Modell verbessern und einem wissenschaftlichen Einsatz näherkommen können.“ Ziel ist unter anderem, Turbulenzen im Wasser zu reduzieren, um präzisere Beobachtungen zu ermöglichen.
Beteiligte und Förderung
An dem Projekt beteiligt sind neben Mario Flock auch Stefan Knauer, Stefan Schütt, Floris Scharmer, Sebastian Haag, Nils Fahrenkamp, Andre Melzer, Daniel Siegel und Peter Manz (alle Universität Greifswald). Das Experiment ist Teil des SWADEX-Projekts am Institut für Physik der Universität Greifswald. Mario Flock selbst leitet am MPIA eine Arbeitsgruppe zur Planeten- und Sternentstehung und wurde kürzlich mit einem Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats in Höhe von 2,13 Millionen Euro für das Projekt RAPTOR ausgezeichnet.
Mit dem Wasser-Tornado im Labor wird ein neuer, praxisnaher Zugang geschaffen, um die komplexen Vorgänge der Planetenbildung besser zu verstehen – ein bemerkenswert einfaches, aber wissenschaftlich vielversprechendes Modell.
Originalpublikation:
Knauer, S., Schütt, S., Flock, M., Scharmer, F., Haag, S., Fahrenkamp, N., Melzer, A., Siegel, D. M., & Manz, P. (2025). A tornado-based laboratory model for Keplerian flows. Monthly Notices of the Royal Astronomical Society: Letters, 542(1), L67–L72. DOI: 10.1093/mnrasl/slaf070
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft












