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Life Sciences InnovationsAuf Dynamik setzen

Bioregion Sachsen hat kritische Masse erreicht
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Life Sciences Innovations: Auf Dynamik setzen


Richard E. Schneider*)

  1. Freier Wissenschaftsjournalist, Brunnenstr. 16, 72074 Tübingen, Tel. 07071/253015.

Mit einem rund 200 Mio. Euro schweren Programm kurbelte „Biosaxony“ im Auftrag der Regierung des Freistaats im Jahr 2000 Sachsens Biotechnologie an. Die Anzahl der Arbeitsplätze in den aktuell 70 Biotechnologie- und 10 Pharmafirmen stieg um 500 % auf ca. 2000 hochqualifizierte Stellen. Der Jahresumsatz der hiesigen Life-Science-Unternehmen überschritt die 500 Mio. Euro-Grenze. Nach Mitteilung des Netzwerks „Biosaxony“ ist jetzt die kritische Unternehmens-Masse erreicht, die weitere Entwicklung der Bioregion könne selbständig, d.h. ohne finanzielle Unterstützung von außen, vonstatten gehen.

Zwei wichtige Wegmarkierungen für Sachsens langen Weg in die zukunftsträchtige Biotechnologie stellen die Errichtung des BioInnovationsZentrums Dresden sowie der BIO City Leipzig dar. Beide Institutionen wurden als Standorte und Inkubatoren für Firmen-Neugründungen sowie für den Wissenstransfer von der Wissenschaft zur Wirtschaft neu geschaffen. An den beiden Biotech-Standorten in Ost- und Westsachsen entstanden insgesamt 35000 m2 neue Arbeits- und Büroflächen. Die an den Tag gelegte Dynamik greift, denn „der älteste Freistaat Deutschlands“ plant Erweiterungsbauten für beide Biotech-Zentren.

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Biosaxony als Koordinierungsstelle

Als Anlaufstelle für Unternehmensgründer und -inhaber sowie als „zellulärer Mechanismus“ der Biotechnologie fungiert Biosaxony – die Koordinierungsstelle des Wissenschaftsministeriums in Dresden. Mitarbeiter von Biosaxony beraten und lenken Gründung, Ansiedlung sowie die Expansion von Biotech-Firmen in die richtigen Bahnen und Orte. Ihre Experten wissen, wo im Augenblick neue Büro-, Labor- oder Reinraum-Fabrikationsstätten zu erschwinglichen Preisen verfügbar sind. Auch Venture Capital, staatliche Zuschüsse von EU, Bund und Ländern sowie qualifiziertes Personal wird vermittelt. Bei dessen Ausbildung musste und wollte das größte und am dichtesten besiedelte Bundesland im Osten (4,173 Mio. Ew. im Aug. 2009, 227 Ew. pro km2) neue Wege gehen, da Biotechnologie hier weitgehend unbekannt war. Kurzerhand beschloss die Landesregierung, Biotechnologie in das schulische Grundwissen zu integrieren: Drei sächsische Gymnasien vermitteln nun Grundlagen in Biotechnologie oder Bioinformatik, weiter bieten die TUs in Dresden Chemnitz und Freiberg (früher Bergakademie, heute Schwerpunkt Materialforschung, Energie- und Rohstoffsicherung) sowie die Uni Leipzig komplette Studiengänge in Biotechnologie oder Bioinformatik an. Das Biotechnologische-Biomedizinische Zentrum der Uni Leipzig offeriert folgende Arbeitsschwerpunkte: Bionanalytik, Proteindetektion, molekularbiologisch-biochemische Prozesstechnologie, Molekular- Pathogenese und Zelltherapie, Strukturanalytik von Biopolymeren, Weiße Biotechnologie sowie Zelltechnik und angewandte Stammzellbiologie. Am Biotechnologischen Zentrum (BIOTEC) der TU Dresden stehen Themen wie Bioinformatik, DNA-Motoren, Entwicklungsgenetik, Genomik, Proteomik, Tissue Engineering, Wnt Signalling sowie Zelluläre Maschinen im Fokus.

Beachtenswert ist die Initiative „Qualifizierung arbeitsloser Akademiker für die Biotechnologie“ des Leipziger Start-up-Unternehmens EuroGene GmbH. Dieses Spin-off der Uni Leipzig konnte nach dreijähriger Tätigkeit mit Zuschüssen der EU und des Freistaats im Juli 2009 bereits den 100. qualifizierten Kurs-Teilnehmer verabschieden. Einen Arbeitsplatz in der Bioregion Leipzig finden ca. 75 % der Absolventen dieses Schnell-Lehrgangs in Molekularbiologie, Biochemie und Humangenetik, den ein mehrmonatiges Betriebspraktikum ergänzt. Kosten entstehen für die Teilnehmer nicht. Mit biodresden und BIO-NET Leipzig hat sich Biosaxony außerdem zwei vor Ort aktive Kooperationspartner ins Boot geholt, die gemeinsam mit anderen Bildungsträgern des Landes durch verschiedene Veranstaltungen und Wettbewerbe das Wissen und die Akzeptanz der Biotechnologie in der Bevölkerung erweitern. Dazu rief Biosaxony die Veranstaltungsreihe „Biotech Meets Public“ ins Leben, wo Firmengründer und Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft zweimal pro Jahr über interessante Entwicklungen in den Life-Science-Wissenschaften informieren. Außerdem findet im Bundesland Sachsen alljährlich ein „Biotechnologie-Tag“ statt.

Institutionelle F&E mit Praxis vernetzt

Die Ankurbelung der Biotechnologie in Sachsen umfasst noch weitere Aktivatoren. Von den genannten 200 Mio. Euro Programmgeldern gab das sächsische Wissenschaftsministerium 40 Mio. Euro für neue Professuren und die Bildung von Nachwuchsgruppen aus. Weitere 60 Mio. Euro wurden in anwendungsnahe Forschungsprojekte investiert. Von außen kam tatkräftige Unterstützung durch die Max-Planck-Gesellschaft e.V., München/Berlin. Deren Präsidium beschloss, den weißen Fleck auf der Landkarte, wo früher die DDR war, zu tilgen und gleichzeitig zu einer besseren geografischen Verteilung ihrer Institutsansiedlungen auf dem Bundesgebiet zu gelangen. Im Jahr Drei der Wende, 1992, wurde das Max-Planck-Institut (MPI) für Physik komplexer Systeme, Dresden, gegründet, dessen Gründungsdirektor Prof. Peter Fulde wurde, ein geflohener ehemaliger Wissenschaftler der DDR. Neue Themenschwerpunkte sind molekulare Quantenoptik, elektronische Korrelationen in Molekülen und Festkörpern, Biologische Physik usw. Um das Zusammenleben in Europa auf eine solide Grundlage zu stellen, gründete das MPI Prof. Fuldes gemeinsam mit dem 1995 in Dresden gegründeten Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe (Chemie und Physik von Festkörpern) sowie mit der TU Dresden und dem Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung, Dresden, die „International Max Planck Research School for Dynamical Processes in Atoms, Molecules and Solids.“ Ein transnationales Projekt, denn die polnische Universität Wroclaw (Breslau) sowie die tschechische Universität Prag sind ebenfalls beteiligt.

Weiteren Wissenszuwachs für die Biotechnologie in Sachsen erbringt die Ansiedlung des Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden, die 1998 erfolgte. Hier beschäftigt man sich mit Zellteilung, Zellsteuerung und der Rolle der RNAs bei Zellaktivitäten. Ein neues Forschungsresultat publizierten die Molekularbiologen des MPIs mit Informatikern der TU Dresden am 28.2.1010 in „Nature“ zur bisher wenig verstandenen Endozytose, dem Aufnahmeverfahren von Stoffen in den Zellkörper. „Insgesamt“, fasst MPI-Direktor Marino Zerial das wichtige Forschungsergebnis zusammen, „sind über 4000 Gene direkt oder indirekt an der Endozytose beteiligt.“

In Leipzig, Sachsens BioCity, wurde 1997 das MPI für evolutionäre Anthropologie gegründet, an dem die Evolutionsbiologen die neuen Möglichkeiten nutzen, die die Genetik und speziell die Genom-Forschung bieten, um Herkunft und Entwicklung des Menschen in der Zeit aufzuklären. Am ebenfalls neu gegründeten MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig, stehen kognitive Neurologie, Behaviorism, Entwicklungspsychologie sowie Wahrnehmung und Steuerung von Handlungen im menschlichen Gehirn im Mittelpunkt. Dank des 2008 bezogenen Neubaus finden hier über 200 Spitzenwissenschaftler aus aller Welt optimale Arbeitsbedingungen vor. Kognitionswissenschaften, theoretische Biologie und Neurobiologie werden auch am MPI für Mathematik in den Naturwissenschaften, 1996 in Leipzig gegründet, erforscht. Hier erörtern die Wissenschaftler hauptsächlich die mathematischen Grundlagen und Konsequenzen der Herausforderungen, die durch theoretische Fragen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften (z. B. Physik, Biologie, Materialwissenschaften) entstehen.

Erfolge am Markt

Die neuen Fraunhofer-Institute in der ehemaligen DDR haben sich prächtig entwickelt. Das ENAS-Institut (Elektronische Nanosysteme) mit Prof. Thomas Otto in Chemnitz, der vor wenigen Jahren ein kleines, leistungsfähiges Nahinfrarot-Spektrometer entwickelte, ging im Januar 2010 eine Projekt-Partnerschaft mit der chinesischen Regierung ein zur Etablierung eines landesweiten Netzes für Lebensmittelkontrollen in China. Dr. Jörg Hackermüller, IZI (FHG-Institut für Zelltherapie und Immunologie), ausgewählter Ort 2010 des Wettbewerbs „Deutschland Land der Ideen“, entwickelte in Leipzig den ersten „deutschen“ Onkochip, der an der Uniklinik Leipzig praktisch erprobt wurde und über medizinisch-onkologische Details der Tumorerkrankung, Prognosen der Tumorentwicklung sowie über die DNA der involvierten Krebszellen informiert. Das IZI ist kliniknah orientiert, übernimmt externe Qualitätsprüfungen, die GMP-Herstellung (Good Manufacturing Processing) klinischer Prüfmuster sowie Studien und hilft Life-Science-Firmen bei der Erlangung amtlicher Zulassungen.

Im März stellten IZI-Wissenschaftler mit Leipziger Uniklinikern eine revolutionäre, genau gezielte Krebstherapie gegen Gliazellen mit einem im Patienten neu aufgefundenen Blut-Protein als Alternative zur Chemotherapie vor. Auch der neu patentierte Wirkstoff Ethylpyruvat, der im Partner-Projekt »MGO« von FHG und Uni entstand, soll bei Wundheilungen und Pilzbehandlung den marktüblichen Medikamenten überlegen sein.

Beim diesjährigen Existenzgründungs-Wettbewerb SMILE (Selbst Management Initiative Leipzig) im Januar, den die örtliche IHK ausrichtete, wurden von den drei eingereichten Projekten der Fraunhofer-Wissenschaftler zwei unter insgesamt 63 Themenvorschlägen mit einem 2. Platz sowie dem Publikumspreis ausgezeichnet. Den Silberpokal erhielt ein neues Screening-Verfahren von Dr. Schubert (IZI), mit dem das Heilkraft-Potenzial von Pflanzen von Prophylaxe bis Therapie der Krebserkrankungen getestet werden kann. Das IZI Leipzig beging am 29.4.2010 den europäischen „Tag der Immunologie“ mit einem „Joint Meeting“ der Leipziger Biotechnologen und Medizinforscher, gleichzeitig seinen 5. Geburtstag. Vom 29.-30.10.2010 wird IZI ein „Fraunhofer Life-Science Meeting“ zum Thema Stammzell-Therapie ausrichten. Im ICC Dresden findet vom 11.-14.7.2010 der 3. Internationale Stammzellen-Kongress statt, zu dem das CRTD (Center for Regenerative Therapies Dresden) einlädt.

In der Bioregion Sachsen haben sich die Schwerpunkte Regenerative Medizin und Therapie sowie Molekulares Bioengineering herauskristallisiert. Mit dem CRT Dresden mit über 100 wissenschaftlichen Mitarbeitern aus sieben Dresdner Wissenschaftseinrichtungen (MPIs, Kliniken, Uni etc.) sowie dem TRM Leipzig (Translationszentrum für Regenerative Medizin) besitzt Sachsen zwei der fünf bundesweiten Exzellenzeinrichtungen auf diesem Gebiet. Dresdner Biotechnologen konnten in den letzten Jahren mehr als doppelt so viele Drittmittel einwerben als die Leipziger.

Finanzierung und Firmenexpansion

Die EU, Bund und Länder bieten zahlreiche Förderprogramme für Biotechnologie-Gründer in Sachsen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Anstrengungen der Landesregierung hinsichtlich der neuen Finanzierungsinstrumente. Für Biotechnologie-Start-ups wurde ein auf KMUs zugeschnittenes Unterstützungsmodell erarbeitet. Kreditvergaben ab 1,35 % Jahreszins sind damit möglich, sogar Zinsverbilligungen für bereits zugeteilte Kredite. Daneben gibt es den Technologie-Gründerfonds Sachsen, die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft (MBG), die CFH Beteiligungsgesellschaft sowie Finanzierungsmodelle von regionalen Sparkassen. Auch sog. Business Angels, meist Einzelpersonen aus dem Wirtschaftsleben, greifen mit Finanzierungsvorschlägen ein. Um die finanziellen Anreize zu erhöhen, verbilligte die Landesregierung 2009 die Zinssätze für Kredite an Selbständige und Existenzgründer auf nur noch rund 1,35 %. Bis 2,5 Mio. Euro stellt die Landesregierung in diesem Rahmen zur Verfügung. Damit können z.B. teurere KfW-Kredite abgelöst oder ergänzt werden und sogar notwendiger Grund- oder Immobilienerwerb kann auf diese Weise getätigt werden, ohne die Firmenkasse allzu stark zu belasten. Know how für Existenzgründungen wird auch über den sächsischen Businessplan-Wettbewerb erlangt und vermehrt.

Dieses breite Spektrum an Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten für Arbeitskräfte in der Biotechnologie sowie die überaus entgegenkommenden Fördermaßnahmen für Biotech-Firmen lassen nur einen Schluss zu: Sachsen, das nach Mitteilung von „Biosaxony“ im nationalen Vergleich binnen vier Jahren von Platz 13 auf Platz 7 der 28 deutschen Bioregionen vorstieß, will zur Spitzengruppe der Bioregionen in Deutschland aufschließen. Seit 2001 flossen über 600 Mio. Euro in Sachsens Life-Sciences-Branche, davon 50 % aus der Privatwirtschaft (Unternehmen, Stiftungen etc.).

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