Zellkultivierung
Intelligente Sensorik für eine sichere Zellproduktion
Ob Wirkstoffscreening oder Toxizitätsprüfung: Stammzellbasierte 3D-Gewebemodelle sind wesentlicher Bestandteil der biomedizinischen Forschung. Doch die Produktion von Zellaggregaten in Bioreaktoren ist hochkomplex und kostenintensiv. Erfolgt die Prüfung der Qualität erst am Prozessende, ist das mit einem Risiko hinsichtlich Zeit- und Materialverlust verbunden.
Am Fraunhofer-Zentrum für Sensor-Intelligenz ZSI haben Forschende der Fraunhofer-Institute für Biomedizinische Technik IBMT und für Zerstörungsfreie Prüfverfahren IZFP nun gemeinsam ein intelligentes Sensorsystem entwickelt, das den gesamten Herstellungsprozess kontinuierlich überwacht und optimiert. Das Fraunhofer IBMT bringt seine Expertise in der Entwicklung von optimierten, standardisierten Zellkulturtechniken und innovativen Modellsystemen für die Stammzellforschung ein. Das zukunftsweisende Sammeln und Weiterleiten von Sensordaten und hieraus abgeleiteten Informationen wird durch die Multimodale Autarke Sensorplattform MAUS des Fraunhofer IZFP realisiert.
Im aktuellen Forschungsprojekt SpheroSense stattete das Team des Fraunhofer IBMT einen kommerziellen Bioreaktor für 3D-Zellsphäroide, also kugelförmige Zellmodelle, die Gewebe imitieren können, mit zwei Sensorebenen aus: Elektrochemische Sensoren für Glukose, Laktat, gelösten Sauerstoff, pH-Wert und Temperatur überwachen die Umgebung der Zellen. Kameras charakterisieren die Zellaggregate optisch. Kontinuierlich und in Echtzeit analysieren sie Größe, Anzahl und Qualität der Sphäroide. So entsteht eine Wachstumskurve, die Rückschlüsse auf optimale Bedingungen erlaubt.
Für die optische Qualitätskontrolle setzen die Forschenden auf zwei Kamerapfade: eine In-situ-Kamera fokussiert die rotierenden Röhrchen des Reaktors und erkennt Sphäroide in der Schwebe, eine weitere Kamera erfasst sie, wenn sie durch einen Mikrofluidik-Kanal gesaugt werden. Die eingebundene KI erkennt und klassifiziert die Zellaggregate innerhalb von Millisekunden. Die MAUS-Edge-KI-Plattform bündelt alle Sensordaten, wertet sie direkt aus und gibt die Ergebnisse in eine Datenbank.
"Wir gewährleisten die objektive Bewertung durch KI anstelle einer subjektiven Einschätzung, die laufende Überwachung und perspektivische Anpassung der Prozessparameter und nicht zuletzt die Anschlussfähigkeit an moderne Prozessführung im Pharma- und Biotech-Sektor", erklärt Projekteiter Dr. Thomas Velten vom Fraunhofer IBMT. "Unsere Lösung entspricht modernen Konzepten wie Process Analytical Technology (PAT) und Continuous Process Verification, wie sie von FDA und EMA gefordert werden." Dabei arbeitet das System label-free, das heißt, es sind keine Färbungen nötig, die Sphäroide bleiben unbeschädigt.
Anpassbar für Forschung und Industrie
Das System kann an unterschiedliche Einsatzszenarien angepasst werden – von der Stammzellforschung bis zur industriellen Zellproduktion: "Unsere Plattform MAUS bietet Rapid Prototyping für jegliche Monitoring-Anwendungen. Modular konzipiert kann sie flexibel adaptiert und ganz nach Bedarf schnell und unkompliziert erweitert werden", erläutert Christoph Weingard, Entwickler für Sensor-Intelligenz und Mikroelektronik am Fraunhofer IZFP. "Für SpheroSense haben wir etwa Funkmodule mit Bluetooth und Near Field Communication, also NFC, umgesetzt, um die Sensoren innerhalb der Röhrchen auszulesen – ohne zusätzliche Kabel. Es wird einfach ein entsprechendes Steckmodul aufgebracht – und die Überwachung läuft."
Das Gesamtsystem wird am Fraunhofer-Zentrum für Sensor-Intelligenz ZSI im laufenden Betrieb erfolgreich genutzt – mit direktem Feedback der Kolleginnen und Kollegen, die 3D-Zellsphäroide herstellen und in weiterführenden Projekten mit ihnen arbeiten. Die Fachleute stellen ihre Lösung auf der Analytica vor, wo sich Besucherinnen und Besucher ein Bild vom Gesamtsystem machen können – inklusive Sensoren, Kameras und Echtzeit-Datenanalyse.
Analytica 2026: Halle A3, Stand 312
Quelle: Fraunhofer-Gesellschaft











